LIFE IS PLASTIC VOL. 2: „PLANET OR PLASTIC?“

Die älteren unter uns haben bei dieser Headline wahrscheinlich für den Rest des Tages einen unsäglichen Ohrwurm* im Kopf. Sorry! Aber der Name passt: Wir sind umgeben von Plastik - und das wird immer mehr zum Problem. In diesen Tagen wird der Kunststoff gleich zweimal zum Kunst-Stoff. Wie genau und warum das wichtig ist, lest ihr hier.


Einige Arbeiter:innen versuchen, Unmengen von Plastikflaschen zu sortieren
Ein Bild mit bitterer Symbolik: Wir drohen in Plastik zu ertrinken - aber vor uns sind andere dran. (Bild: Randy Olson)

Die Agentur Medivanti ist eigentlich spezialisiert auf Kommunikation. Seit einigen Jahren gibt es aber ein zweites Standbein: Mit der World Press Photo Ausstellung zeigt das kleine Team, wie man attraktive Ausstellungskonzepte und Rahmenprogramme entwickelt. Weitere Formate wie die Polarnight und der Oldenburger Plakatherbst folgten. Der roten Faden blieb: aktuelle, gesellschaftlich relevante Themen, aufbereitet mit den Mitteln von Fotografie oder Gestaltung.



Anspruchsvoll und attraktiv


Und nun: „Planet or Plastic?“, gemeinsam realisiert mit dem Landesmuseum für Natur und Mensch. Die Ausstellung ist ab dem 30. April erstmals in Deutschland zu sehen. Sie geht hervor aus der mehrjährigen globalen Initiative von National Geographic, die Menge an Einwegplastik zu reduzieren, die in die Ozeane gelangt. Dafür erzählt sie die Geschichte des Kunststoffs seit seiner Erfindung vor etwas mehr als einem Jahrhundert bis zu seinem heutigen Massenkonsum. Dabei lässt sie die Vorteile des Materials - für Haushalt Medizintechnik oder Raumfahrt - nicht außer Acht. Noch eindrucksvoller sind aber die negativen Folgewirkungen und Schäden, die durch Unmengen von Mikro- und Makroplastik verursacht werden.

 

„PLANET OR PLASTIC?“


30. APRIL 2022 - 28. AUGUST 2022


DIENSTAG 10 - 19 UHR MITTWOCH - SONNTAG 10 - 20 UHR


GLEISPARK BUNDESBAHNWEG 26122 OLDENBURG

 

Eine Plastiktüte treibt im Meer und erinnert an einen Eisberg
Nur die Spitze des Eisbergs: Makroplastik (Bild: National Geographic)

Diese Inhalte klingen fast schon nach einem hilfreichem Ratgeber, nicht nach einer Ausstellung mit künstlerischem Anspruch. Und tatsächlich liegt der Fokus hier deutlich mehr auf dem Informations-Aspekt als bei „Traced by Plastic“. Doch das eine schließt das andere nicht aus. Die Fotografien sind größtenteils dokumentarisch. Sie bilden ab, was ist. Das ist Kommentar genug, denn die Motive sprechen für sich. Schon bei den Naturfotografien der "WPP" vermischten sich Ästhetik mit Information und Erkenntnis - manchmal auch mit Schrecken. Dieses Prinzip lässt sich hier wiederentdecken.


Aber was ist mit der ästhetischen Ebene? Lässt sich das auch genießen? Ja, aber mit Abstrichen. Im Gegensatz zu eher philosophischen Themen trifft uns "Planet or Plastic?" inmitten unserer Lebensrealität. Wir werden gezwungen, eine Position zu beziehen. Das ist nicht immer angenehm, es macht die Ausstellung aber umso effektvoller.


Schon gewusst? An der Carl von Ossietzky Universität forschen Wissenschaftler:innen an der Verbreitung von Makroplastik in der Nordsee und Mikroplastik in marinen Ökosystemen, sprich: in Flüssen und Meeren. Als Mikroplastik bezeichnet man übrigens Teilchen, die kleiner als 5mm sind. Um sie besser verfolgen zu können, hat die Arbeitsgruppe eigens eine neue, empfindliche Pyrolyse-Gaschromatographie-Massenspektrometrie-Methode (Py-GC/MS) etabliert. Im letzten Jahr fand sie dadurch heraus, dass Schiffsanstriche als Quelle für Mikroplastik bislang unterschätzt wurden. Sie verlieren ähnlich wie ein Autoreifen kleine Partikel und hinterlassen eine Art "Bremsspur" im Wasser. „Planet or Plastic?“ - dieser Frage widmen sich die Wissenschaftler:innen hier in Oldenburg also auch auf fachlicher Ebene und konnten dabei bereits wichtige Erkenntnisse gewinnen.


Kongenial: Inhalt und Inszenierung


Durch siebzig kraftvolle Bilder von renommierten Fotograf:innen aus aller Welt sowie Infografiken und Videos verdeutlicht „Planet or Plastic?“ die Notwendigkeit eines Gleichgewichts zwischen der Verwendung von Plastik und dem Schutz unserer Umwelt. Zudem stellt die Ausstellung Schritte vor, die Besucher:innen in ihrem Leben unternehmen können, um Produkte mit Einwegkunststoff verantwortungsbewusst zu reduzieren, wiederzuverwenden, zu recyceln und zu entsorgen.


„Diese Ausstellung ist nicht nur spektakulär, sondern auch unglaublich wichtig“, sagt Dr. Ursula Warnke, Direktorin des Landesmuseum für Natur und Mensch. „Wir sind sehr stolz, dieses Highlight in Oldenburg präsentieren zu können.“ Sie betont zudem, dass ihr Haus sich seit langem für Umweltfragen einsetze. „So betrachtet ist dies hier sicherlich das I-Tüpfelchen auf unser Engagement.“


Ein Seepferdchen mit Q-Tip aus Plastik
Noch mehr Symbolik: Plastik ist überall - und bringt vieles durcheinander (Bild: Justin Hofman)

Mediavanti-Geschäftsführer Claus Spitzer-Ewersmann verweist zudem auf ein umfangreiches Rahmenprogramm, das die Ausstellung begleiten wird. „Es ist uns wichtig, damit verschiedene Interessengruppen und auch Menschen anzusprechen, die sich mit der Thematik bislang nicht beschäftigt haben.“



Startschuss für den GleisPark


Die Eröffnung der Ausstellung markiert gleichzeitig den Start für den GleisPark. Er wird in den kommenden Monaten ein zusätzlicher Spielort für die Oldenburger Kultur (und Artverwandtes) sein. Wir haben vorab schon mal einen ausführlichen Blick auf das Potenzial des Areals geworfen. Es wird spannend zu sehen sein , wie sich die Umgebung der betagten Paketposthalle und der raue Charme des Vorplatzes mit dem Ausstellungsformat ergänzen werden. Im Idealfall entsteht eine Symbiose: Impulse durch die Inhalte im Inneren, danach Raum für Reflexion und Rückkehr in den Alltag bei einem Kaffee oder Bier im Gastro-Bereich.


Das klingt gut? Dann haben wir eine gute Nachricht: Man kann es auch mehrfach tun, denn Zeit ist genug. „Die Laufzeit von vier Monaten unterstreicht die Bedeutung der Ausstellung“, betont Museumsdirektorin Warnke und fügt eine Forderung hinzu: „Wir müssen uns den hier sehr deutlich werdenden Problemen endlich stellen und sie gemeinsam aktiv angehen.“ Dem kann man sich nur anschließen - und wenn man auf künstlerische Weise informiert, inspiriert und motiviert wird, dann klappt es sicher umso besser.



Spagat gelungen


Es ist nicht die Aufgabe der Kultur, unser Konsum-Verhalten kritisch zu hinterfragen. Doch wenn sie es tut, dann ist die Wirkung auf die Betrachter:innen besonders stark. Sie kann leisten, woran die Wissenschaft scheitern muss: Emotionalisieren. Wir fühlen das Thema besser und intensiver, wenn wir Fotografien, Installationen oder Malerei betrachten. Kultur bedeutet immer auch kognitive Stimulation.


Mitmachen können wir bei „Planet or Plastic?“ - anders als bei „Traced by Plastic“ - zwar nicht. Aber dafür lässt sich Im Anschluss bei der Gastronomie wunderbar darüber diskutieren. Wir haben vier Monate Zeit. Das sollte zu schaffen sein, oder?


 

* Du gehörst nicht zu den älteren Semestern? Du hast keine Ahnung, welchen Ohrwurm wir meinen und wofür wir uns entschuldigen? Und du willst alles darüber wissen? Okay, here we go. Aber auf eigene Verantwortung!