KULTUR IM GEHEIMEN

Eine tolle Location, die liegt nicht immer direkt auf der Hand, sondern versteckt sich auch manches Mal an völlig geheimen Orten und kann trotzdem so richtig Eindruck hinterlassen oder ist sogar bewusster Teil der Inszenierung. Doch die Frage ist: wo verstecken sich diese besonderen, geheimen Orte und was würde dort stattfinden? Eine Lesung? Musik? Tanz? Graffiti? Das möchte das Kulturbüro der Stadt Oldenburg von euch wissen und veranstaltet deshalb einen Wettbewerb, an dem ihr euch alle beteiligen könnt! Die Gewinneridee findet ihre Umsetzung in Form eines eigenen 360 Grad Videos.


Man fühlt sich in der Zeit zurückgeworfen, rein ins Spätmittelalter. Wir befinden uns auf dem Dachboden des ältesten Hauses in Oldenburg, dem Degode Haus. Naja, nicht wirklich. Eine Cellistin übt in einer stillen Kammer. Klassische Streichermusik und wir direkt vor ihr. Naja, auch wieder nicht so wirklich. Ein Mausklick und wir blicken nach oben. Ein Mausklick und wir blicken um uns herum. Holz überall, Kerzen brennen. Nur die moderne Kleidung der Musikerin und das moderne Scheinwerferlicht verraten, dass wir wohl wahrscheinlich nicht wirklich im Mittelalter gelandet sind.


Neue Technik, neue Möglichkeiten


Ein Cello auf dem Dachboden des Degode Hauses in Oldenburg, angelehnt an einen Stuhl.
Orte entdecken, Dinge geschehen lassen. Foto. Yvonne Franke

Stattdessen sind wir auf YouTube unterwegs, sitzen vor einem Bildschirm und können uns trotzdem einen genauen Eindruck davon machen, wo wir stehen. Denn seit einiger Zeit ist es nun schon auf der Videoplattform möglich sogenannte 360 Grad Videos hochzuladen und dem Publikum zur Verfügung zu stellen, die es einem erlauben, den eigenen Stadtpunkt innerhalb des Videos, quasi seinen Blick (Point of View) vollständig kreisen zu lassen. So kann das individuelle Erleben und Erkunden selbst gesteuert werden. Aber nicht nur das! Durch die Spatial Audio Technologie, verändert sich beim Blick durch den Raum auch die Wahrnehmung dessen, was und wie wir es hören. Eben (fast) real, so als stünden wir wirklich dort.


Genau diese Technik nutzten auch Yvonne Franke und Sebastian Netta für ihr Projekt KammerKultur, nachdem sie im Dezember 2021 den Auftrag vom Kulturbüro der Stadt Oldenburg erhielten, zwei solcher 360 Grad Videos umzusetzen. Die Technologie steht dabei jedoch nicht im Vordergrund. Sie ist lediglich als das Vehikel beziehungsweise die Möglichkeit zu verstehen, die künstlerische Auseinandersetzung mit Räumen zu suchen, die für gewöhnlich im Verborgenen liegen und die wahrscheinlich niemand im ersten Moment mit Kunst und Kultur in Verbindung bringen würde, was das ganze natürlich unheimlich spannend macht. Die Inszenierungen sind dabei ganz bewusst als Work in Progress gehalten, als ungeschönte Darstellung von Arbeitsvorgängen, da die Zuschauerinnen und Zuschauer auf diese Art und Wiese Künstlerinnen und Künstler in intimer Atmosphäre erleben und ihnen bei ihrer kreativen Arbeit über die Schulter blicken können.


Zwischen Dachboden und Gewächshaus


So entstanden sowohl das Video mit der Cellistin Gerke Jürgens auf dem Dachboden des Degode Hauses hier in Oldenburg, als auch ein weiteres im nicht frei zugänglichen Teil des botanischen Gartens Oldenburg mit Gitarrist Martin Flindt. Ziel war es, Räume wirklich völlig neu zu entdecken und zu präsentieren, die also bisher dem größten Teil der Öffentlichkeit unbekannt waren. Der Dachboden des Degode Hauses war dabei für Franke und Netta auf ihrer Suche quasi ein Sechser im Lotto als eine solche Räumlichkeit, da sie bis dato noch nie für ein solches Projekt freigegeben und zugänglich gemacht wurde. "Eine Lektion, die wir dabei aber auf jeden Fall für die Zukunft gelernt haben ist, dass man auch die Jahreszeit mitdenken sollte - es war echt kalt bei den Aufnahmen, so mitten im Winter", erzählt Netta mit einem Lachen.


Die Umsetzung innerhalb des Gewächshauses sticht nicht nur durch die besondere Aufnahmetechnologie heraus, sondern auch durch die Performance selbst. Denn hier war einer der Hauptacts bereits ohnehin vor Ort: die Pflanzen. Ja, das ist kein Witz und ihr lest ganz richtig. Pflanzen können, auch hier wieder mit der Hilfe der Technik, ebenfalls musizieren. Dabei wird ein Detektor an diese angeschlossen, der die elektrischen Spannungsunterschiede misst, die bei einer Pflanze auf der Oberfläche entstehen und verwandelt die Informationen anschließend in sogenannte MIDI-Daten, die wiederum ein Instrument wie ein Synthesizer oder die entsprechende Musiksoftware verstehen und in Sounds umsetzen kann.


So musste sich Gitarrist Martin Flindt, nicht nur mit einer völlig ungewohnten Umgebung vertraut machen und diese musikalisch für sich interpretieren, sondern auch mit seinen floralen Bandmitgliedern arrangieren, deren nächste Note immer unvorhersehbar blieb. Dabei war für alle Anwesenden verblüffend, dass die Pflanzen aus ungeklärten Gründen sogar auf die Anwesenheit der Gärtner zu reagieren schienen und in diesem Fall andere Töne erzeugten als sonst. Gibt es dafür eine logische Erklärung? Bestimmt. War es trotzdem ein besonderer Moment? Absolut!


Eure Ideen sind gefragt!


Zwei Männer halten Drähte an eine Pflanze
Musizieren mit Pflanzen. Foto: Yvonne Franke

Auch auf metaphorischer Ebene wirft das Projekt der Kammerkultur, das ebenfalls in der Pandemie entstand, sein Licht auf den Umstand, dass der Kultur- sowie Veranstaltungssektor massiv unter den Einschränkungen der Pandemie zu leiden hatte. „In Zeiten von Corona, Lockdown und Veranstaltungsverboten hat sich notgedrungen auch das Kulturleben aus der Öffentlichkeit zurückgezogen in private, intime Räume“, schildert Christiane Maaß vom Kulturbüro. So schufen oder suchten sich die Menschen in den vergangenen zwei Jahren ihre eigenen, ganz persönlichen Kammern. Doch „was aus der Not heraus entstanden ist, hat ein bislang unausgeschöpftes Potenzial zutage gebracht.", zeigt sie sich begeistert. Und genau hier setzt der Ideenwettbewerb des Kulturbüros der Stadt Oldenburg an. Zwar haben sich in der Zwischenzeit die damaligen Einschränkungen wieder gelockert, auch ein Lockdown liegt noch schon einige Monate in Entfernung und wir alle können aktuell auch glücklicherweise größtenteils wieder Kultur so erleben, wie es vor der Pandemie möglich war. Doch eins steht fest: es gibt mit ziemlicher Sicherheit noch unzählige weitere Orte zu entdecken und zum Leben zu erwecken.


An diesem Punkt kommt ihr ins Spiel! Ihr habt oder kennt einen solchen unentdeckten, privaten oder verborgenen Ort, den nur ihr oder kaum jemand bisher kennt - gerade im kulturellen Kontext? Und ihr wisst genau, was ihr dort inszenieren wollen würdet?


Dann wartet gar nicht länger: her mit euren Ideen! Das Kulturbüro freut sich auf eure Einsendungen.

SO KÖNNT IHR AM WETTBEWERB TEILNEHMEN


Das geht ziemlich einfach: Ihr notiert eure Idee und das Konzept für das Video an eurem geheimen Ort auf maximal einer DIN A4 Seite. Dem ganzen fügt ihr dann noch ein oder zwei Fotos hinzu, die einen guten Eindruck davon machen, warum genau euer Ort inszeniert werden sollte.


Teilnehmen können alle Interessierten, egal welchen Alters und nicht nur Einzelpersonen, sondern auch Zusammenschlüsse wie Schulklassen, Vereine, Betriebsgruppen etc. können ihre Ideen gerne einreichen!


Wenn ihr diese Infos dann zusammengestellt habt, sendet ihr das Ganze an: kulturellebildung@stadt-oldenburg.de


TEILNAHMESCHLUSS IST DER 18. AUGUST 2022