KOLUMNE: TICKETS BEHALTEN IHRE GÜLTIGKEIT

Seit Mitte 2020 schreibt Kulturschnacker Thorsten eine monatliche Kolumne für die Spielzeitung des Staatstheaters. Digital findet ihr sie unter www.staatstheater.de. Oder: hier.


Das Titelbild der Februar-Ausgabe der Spielzeitung des Oldenburgischen Staatstheaters zeigt zwei Männer in historischen Kostümen
Wie immer bodenständig und normal: Das Titelbild der Spielzeitung (Foto: S. Walzl)

Schwierigkeiten bei der Meinungsbildung


Wer ist eigentlich der heimliche Star der letzten zwei Jahre? Die FFP2-Maske? Ganz weit vorne. Der QR-Code? Auch nicht schlecht. Aber der wahre Champ ist der Konjunktiv. Beinahe jede Konversation mäandert zwischen hätte, müsste, könnte, würde, wäre. Egal, ob es um die Vergangenheit geht, die Gegenwart oder die Zukunft: Die große Befangenheit ist immer mit dabei. Das Leben passierte oft nur in den Möglichkeiten, nicht in den Realitäten.


Der Veranstaltungskalender war mal ein Orientierungspunkt. Er kündigte an, was passieren wird – und wir konnten uns dazu verhalten. Also: hingehen oder wegbleiben. Fertig. Und jetzt? Fällt es schwer genug, sich überhaupt erstmal eine Meinung zu bilden. Und wenn man sich Überzeugung und Optimismus erkämpft hat, vielleicht sogar ein kleines bisschen Vorfreude, dann grätscht uns die Pandemie böse von hinten um: Nichts da, fällt aus, wird verschoben, Tickets behalten ihre Gültigkeit.


Einmal zahlen, viermal Vorfreude


Notorische Optimisten haben natürlich viele Gründe zum Jubeln. Schließlich verlängert und vervielfacht sich die Vorfreude aufs Konzert – Monate statt Wochen, mehrfach statt einmal. Aber leider gelingt mir so ein Gedanken-Stunt nicht, ich stelle das Gegenteil fest: Mit jeder Verlegung sinkt der Enthusiasmus. Ich fühle weniger statt mehr. Und ganz ehrlich: Das nervt!


"Aber was soll man machen? Die Psyche hat gelernt, sich selbst zu schützen. Und ihre Erfahrung der letzten Jahre lautet: Wenn man sich auf irgendwas freut, gibt es am Ende meist eine Enttäuschung."

Nur ein Beispiel von vielen ist Olli Schulz in der Kulturetage. Der Titel seiner Tour - „Eigentlich wollte ich da nicht mehr hin“ – war ursprünglich mal ironisch gemeint. Ein schöner Gruß an alle B-Städte von Reutlingen über Darmstadt bis, ja, Oldenburg. Doch mittlerweile ist er bittere Realität. Erster Termin für das Konzert: der 29.4.2020. Keine Chance. Neues Datum: 8.9.2020. Hätte fast geklappt! Dann vielleicht am 17.2.2021? Nope, Lockdown. Und jetzt? Steht der 12.3.2022 im Kalender. Nimmt jemand Wetten an?


Und trotzdem: Gute Nachrichten


Längst sind wir bei Nachholterminen von Nachholterminen von Nachholterminen. Ob damit dann das Ende erreicht ist? Ungewiss. Zumindest, solange die Veranstaltungen von Herbst bis Frühling stattfinden. Aber irgendwie ist die zigfach verlegte Aussicht auf irgendwas immer noch besser als die Alternative, nämlich die endgültige Absage. An dieser Stelle leicht frustrierte Grüße an Fatoni.


Immerhin findet durchaus etwas statt. Auf unsere Theater ist Verlass, wenn sie spielen können, dann spielen sie auch. Genauso schön: Einige Lesungen und Poetry Slams des Literaturhauses waren zuletzt sogar ausverkauft. Einige freie Plätze gibt es hingegen bei den 27. Oldenburger Kabarett-Tagen. Ich finde es richtig stark, dass die Veranstalter sie nicht abgesagt haben. Leider macht sich der Mut nur bedingt bezahlt. Programme und Reaktionen sind großartig, aber die Auslastung könnte höher sein.


"Deshalb an dieser Stelle mein Appell: Bewahren Sie Ihren Enthusiasmus und gehen Sie hin! Das lohnt sich immer!"

Es gibt sie also, die guten Nachrichten. Doch insgesamt bleibt es eine schwierige Zeit. Was also tun? Werfen wir einfach einen furchtlosen Blick nach vorn: Was wäre, wenn sich jetzt alle positiven Vorzeichen als wahr erweisen würden, Omikron also tatsächlich die Variante wäre, die das Coronavirus in eine „kontrollierbare“ Krankheit verwandelt? Dann hätten wir das Schlimmste hinter uns. Dann könnten wir im nächsten Winter tatsächlich zu einer Art Alltag zurückkehren. Zumindest würden dann nicht die ganzen Konzerte ausfallen. Aber da ist er wieder, der heimliche Star der Pandemie: der Konjunktiv.