FAHRRADGESCHICHTE ZUM ANFASSEN

Oldenburg ist Fahrradstadt! Wie es dazu kam zeigt die neue Pop-Up Ausstellung des Stadtmuseums in der ehemaligen Werkstatt Hilmers und macht somit diesen Teil Oldenburger Geschichte innerhalb einer Kulisse greifbar, die authentischer kaum sein könnte.

Werkstattbesitzer Geerd Hilmers, der Reperaturen an einem Fahrrad vornimmt
Ein Mann, sein Laden, eine Geschichte des Fahrrads. Foto: Geerd Hilmers

Von außen ist es kaum auf den ersten Blick zu erkennen. Wenn man es nicht wüsste, würde man dran vorbeifahren und es womöglich für ein gewöhnliches Wohnhaus halten, das unter der Adresse Lambertistraße 65 zu finden ist. Doch der genaue Blick lässt erkennen: hier gibt es mehr zu entdecken!


Ganz besonders aktuell, denn diesen kommenden Samstag eröffnet das Stadtmuseum getreu dem bereits bekannten und innerhalb Oldenburgs prominent platzierten Mottos „Museum findet Stadt“ unter genau dieser Adresse eine Pop-Up Ausstellung der besonderen Art: „Die Werkstatt“.


Willkommen in einer Zeitkapsel


Die Fahrradwerkstatt von Geerd Hilmers existiert seit fast 90 Jahren und versorgte die Stadt und das Umland mit Fahrrädern und Ersatzteilen. Zwar ist sie nun seit einigen Jahren geschlossen, doch verbleibt sie als Zeitzeugnis einer jahrzentelangen Leidenschaft für das Fahrrad.


Eine alte, gelbe Continental-Leuchtreklame am Eingang der Werkstatt Hilmers
Ein Generationenbetrieb. Willkommen in der Werkstatt Hilmers. Foto: Kulturschnack

Tritt man durch den Eingang, an dem noch immer die alte „Continental“-Leuchtreklame des Vaters von Geerd Hilmers hängt, fühlt es sich an als werfe es einen in vergangene Zeiten zurück und das obwohl alles so wirkt, als sei hier erst gestern noch fleißig an den letzten Rädern geschraubt worden. Bis zu Decke reichen Holzregale und stehen Möbel, die Vintage-Möbeln Liebhabern Freudentränen in die Augen treiben würden. Alles ist noch vorhanden: Schrauben, Ersatzteile und Accessoires in Hülle und Fülle, der riesige Massivholzschreibtisch im Kontor und längst veraltete Technik, die den damaligen Beginn der Digitalisierung bereits erahnen lässt.


Eine einmalige Gelegenheit


In dieser historischen Atmosphäre beleuchtet das Stadtmuseum verschiedene Aspekte der Oldenburger Fahrradgeschichte. „Die Werkstatt von Geerd Hilmers ist wie eine Wunderkammer“, erklärt Claudius Mertins. Als der Kurator der Ausstellung von der Möglichkeit erfuhr, die Räumlichkeiten nutzen zu können, wusste er sofort, dass es sich hier um eine womöglich einmalige Gelegenheit handelt.


„Auf jedem Quadratmeter finden sich zahlreiche Verweise auf die Geschichte des Fahrrads.“
Portraitfoto des Kurators der Ausstellung Claudius Mertins
War sofort Feuer und Flamme für das Projekt: Claudius Mertins, Kurator der Ausstellung. Foto: Kulturschnack

Seine eigene Begeisterung rund um das Thema Fahrrad kam ihm dabei natürlich zu Gute und so stürzte er sich die vergangenen Monate über in die Recherche. Es entstand eine Ausstellung, die von den Anfängen der Oldenburger Fahrradbegeisterung, von verschiedenen Radsportereignissen, von Fahrradhandel und –industrie sowie von der Geschichte eines leidenschaftlichen Fahrradschraubers und seiner Werkstatt erzählt. Der Ort selbst wurde genauso belassen, wie er ist und die Ausstellungsinhalte in diese Atmosphäre integriert.


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DIE WERKSTATT" 26. MÄRZ - 29. MAI 2022 ÖFFNUNGSZEITEN: FREITAG: 14 -18 UHR SAMTAG/SONNTAG: 10 -18 UHR EHEMALIGE FAHRRADWERKSTATT HILMERS LAMBERTISTRAßE 65 26123 OLDENBURG


EINTRITT FREI!

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Die Geschichte einer Fahrradstadt


Die Ausstellung greift die vielfältigen Stränge der Fahrradbegeisterung mit Blick auf die Stadtgeschichte auf und zeigt, wie Oldenburg zu einer Fahrradstadt wurde. Die Liebe für das Thema Fahrrad ist hierbei beinahe so alt, wie seine Existenz.


Eine langgezogene Regalfront innerhalb der Werkstatt von Geerd Hillmers
Authentischer wird es nicht: eine Ausstellung zwischen Schrauben und Ersatzteilen. Foto: Gerlinde Domininghaus

Es steht für Mobilität, Freizeitgestaltung, Sport und Nachhaltigkeit und hat sowohl historisch als auch gegenwärtig eine hohe kulturelle und gesellschaftliche Bedeutung. Denn nachdem das Fahrrad, in seiner damaligen Form, vorerst ein relativ exklusives Gut war, das sich nicht alle Menschen leisten konnten, steht es heute für eine kostengünstige, niedrigschwellige und CO²-neutrale Verkehrsalternative, die in immer mehr Städten zunehmend das Straßenbild ändert und prägt.


Auch über den Radrennsport in Oldenburg können die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung einiges erfahren, der bis in die frühen 1930er Jahre unter anderem in Bloherfelde und Nadorst betrieben und durch ein lebendiges Vereinswesen begleitet wurde.


Dazu gehören beispielsweise Radrennsportereignisse wie die ‚Internationale Afri-Cola Rundfahrt‘, eine Vorgängerin der heutigen Deutschland Tour, die 1962 unter anderem durch Oldenburg gefahren wurde.


Der Mann hinter dem Laden


Das Leben und Wirken des Werkstattbesitzer Geerd Hilmers ist ebenfalls Teil der Ausstellung. Zwei Ausstellungsräume widmen sich seinem Leben zwischen Werkbank und Schreibtisch, der Werkstattgeschichte, den Radrennen in seiner Jugend und seiner Familiengeschichte, in der das Fahrrad schon immer eine große Rolle spielte.


Das Kontor beziehungsweise das Büro des Fahrradwerkstatt Inhabers Geerd Hilmers
Die Schaltzentrale der Werkstatt - Das Kontor. Foto: Kulturschnack

Ein besonderes Highlight: während der Vorbereitungen wurden Audioaufzeichnungen von Geerd Hilmers in der Werkstatt gefunden, die er für sich anfertigte. Diese werden innerhalb der Ausstellungsräume eine Geräuschkulisse bilden und diese so zum Leben erwecken. „Durch sie wird ein Teil der Person Geerd Hilmers für die Besucherinnen und Besucher erfahrbar.“, erläutert Melanie Robinet, zuständig für die Ausstellungsvermittlung.



Wer also abtauchen möchte in die Welt und Geschichte des Fahrrads, der wird in der Lambertistraße 65 auf jeden Fall ab dem 26. März mehr als fündig werden.