EINFACH UNBEZAHLBAR

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Und dennoch hat er sich ein Welt konstruiert, in der manche von der gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen werden. Umso wichtiger sind Angebote, die diese Grenzen aufheben. Zu ihnen gehört seit zwei Jahren die KulturTafel Oldenburg. In Kooperation mit über vierzig Kulturinstitutionen ermöglicht sie jenen den Kulturgenuss, die ihn sich sonst nicht leisten könnten.


Bild vom Publikum vor einer Konzertbühne
Dabei sein, wenn das Licht angeht: Für viele keineswegs selbstverständlich. (Bild: Shutterstock)

Das Bild der Tafel hat sich durchgesetzt. Sie steht für einen langen Tisch, an dem Platz für alle ist und zu dem alle eingeladen sind. Man kommt dort zusammen und tauscht sich aus, vor allem aber teilt man. Den Moment, das Erlebnis, aber auch die Gemeinschaft. Und vielleicht stellt man sogar fest, dass die imaginären Grenzen zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen genau das sind: imaginär. Im Sinne von: gar nicht da, wenn man einmal genauer hinschaut.


Bekannt sind die Tafeln vor allem aus dem sozialen Bereich. Dort leisten sie seit Jahrzehnten unschätzbare Dienste für benachteiligte Gruppen der Bevölkerung. Sie finden dort Hilfe und Unterstützung. Die Versorgung richtet sich hier vor allem an die elementaren Bedürfnisse wie Essen und Trinken. Für den Körper ist also gesorgt. Doch was ist mit dem Geist? Braucht er nicht ebenso eine "Versorgung", damit es ihm gut geht und wir aktiv bleiben? Die Antwort ist klar: auf jeden Fall.



Selbstverständlicher Teil des Lebens


Aus dieser Feststellung heraus entstanden die Kulturtafeln. Sie haben es sich zum Ziel gemacht, eben jenen Gruppen, die auch Kund:innen der Tafeln sind, einen Zugang zur Kultur zu verschaffen. Und nicht nur ihnen, sondern noch vielen mehr: Menschen, die zwar arbeiten, aber aufstocken müssen, Selbständige und Freiberufler:innen mit niedrigem Einkommen, Rentner:innen und viele mehr. Für viele von ihnen sind Kultur-Tickets purer Luxus. Was schaut man sich an, wenn man im Gegenzug etwa auf Nahrungsmittel verzichten muss? Vermutlich: Wenig oder gar nichts - auch wenn der Wunsch noch so groß ist.

Starkes Team für die gute Sache: Mareike Urfels, Dr. Hermann Klasen, Isabell Hüppe (Foto: KulturTafel Oldenburg)

Seit dem Frühjahr 2020 gibt es so eine Kulturtafel nun auch in Oldenburg. Die Initiative kam von Dr. Hermann Klasen. Er hatte bei einem Besuch in Lübeck von der dortigen KulturTafel erfahren und war gefesselt von der Idee. Er war der festen Überzeugung, dass Kultur für Menschen mit geringem Einkommen nicht in unerreichbare Ferne rücken dürfe, sondern - ganz im Gegenteil - zu einem möglichst selbstverständlichen Teil des Lebens werden müsse. Teilhabe darf sich nicht über das Portemonnaie definieren, stand für den Mediziner im Ruhestand fest. Unermüdlich suchte er nach Unterstützer:innen. Schließlich fand er sie in Person von Isabel Hüppe und Anna-Julia Reinking von der Claus Hüppe-Stiftung. Sie ließen sich von Klasens Begeisterung anstecken und sorgten für eine finanzielle Grundausstattung der KulturTafel.


DER WEG ZUM TICKET:

SO WIRD MAN KULTURGAST


Umständliche Verfahren, komplizierte Anträge, lange Bearbeitungszeiten? Gibt es bei der KulturTafel nicht. Der Weg zur Kultur soll so kurz und einfach wie möglich sein. Deshalb lässt er sich anhand von nur drei Schritten erklären:


1. ANMELDUNG

Anmeldeformular ausdrucken und ausfüllen oder digital ausfüllen und abspeichern.


2. EINKOMMENSNACHWEIS

Ausgefülltes Anmeldeformular zusammen mit einem Nachweis des Einkommens oder dem Oldenburg Pass per Post an das Büro in der Osterstraße 10, 26122 Oldenburg oder per Email schicken.


3. GESCHAFFT Schon ist man ein gern gesehener KulturGast.



 

KLEINES GLOSSAR:

KERNBEGRIFFE DER KULTURTAFEL


Oft merken wir es gar nicht, aber unsere Alltagssprache ist voller unterschwelliger Diskriminierungen. Bei der KulturTafel wird auch verbal auf Augenhöhe geachtet. Die drei Schlüsselbegriffe erklären wir hier kurz:


KULTURGAST

Diejenigen, die berechtigt sind, die Leistungen der KulturTafel in Anspruch zu nehmen. Den Nachweis haben sie entweder schon bei eine SozialPartnerschafts-Einrichtung erbracht oder reichen ihn auf einfache Weise bei der Tafel ein.


SOZIALPARTNERSCHAFT

Dabei handelt es sich um Einrichtungen, die sich grundsätzlich an den gleichen Adressat:innenkreis richten wie die KulturTafel. Dort wurde oft bereits ein Nachweis für die Berechtigung erbracht. Dieser lässt sich übertragen. Gleichzeitig dienen die SozialPartner als Orte der Information.


KULTURPARTNERSCHAFT

Dies sind die Einrichtungen, die der Tafel aktiv Kartenkontingente anbieten, die entweder nicht nachgefragt werden oder die sie als bewusste Geste zur Verfügung stellen wollen. In Oldenburg sind bereits über vierzig Anbieter dabei.




Aber wie baut man das auf? Wie findet man Angebot und Nachfrage - und wie führt man beides zusammen? „Das ist tatsächlich viel Fleißarbeit“, berichtet Mareike Urfels, Geschäftsführerin der KulturTafel Oldenburg. Sie weiß, wovon sie spricht, denn sie war von Anfang an dabei. „Wichtig sind unsere SozialPartnerschaften, z.B. mit der Oldenburger Tafel. Wir haben sozusagen den gleichen Kund:innenkreis. Wer dort seine Berechtigung nachgewiesen hat, muss das bei uns nicht erneut tun“, erklärt die Koordinatorin das pragmatische Vorgehen. Und sie nennt noch einen weiteren Vorteil solcher Kooperationen: „Wir können dort natürlich auch sehr gut auf unser Angebot hinweisen. Wir sind ja erst zwei Jahre aktiv, da müssen wir immer noch viel bekannter werden.“


Die Zahlen der Bundesvereinigung Kulturelle Teilhabe können sich sehen lassen. (Grafik: Wikicommons)

Nah dran am Menschen


Und die andere Seite? Wie kommt die KulturTafel an die Tickets? „Die Karten, die wir vergeben, werden uns aus KulturPartnerschaften zur Verfügung gestellt“, erklärt Mareike das Verfahren. „Sie melden uns, welche Kontingente für welche Veranstaltung zu Verfügung stehen. Wir pflegen sie in eine Übersicht ein und machen uns an die Vermittlung.“


Und wie funktioniert die? Übernimmt das ein cleverer Algorithmus? „Nein, nein", wehrt die studierte Kunst- und Medienwissenschaftlerin lachend ab. „Wir nutzen eine andere technische Errungenschaft, das Telefon!“ Die KulturGäste haben ihre Interessen bei der Tafel hinterlegt. Sie werden von Mareike und ihrem kleinen Team aus ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen persönlich angerufen. Dabei kommen zunächst diejenigen zum Zuge, die am längsten nicht mehr profitiert haben.


„Das Verfahren ist natürlich aufwändig“, ist sich die gebürtige Lüneburgerin bewusst. „Es hat aber einen großen Vorteil: den direkten Kontakt.“ So könne man zum Mitmachen ermutigen, Fragen beantworten, aber auch mal Ängste nehmen und Hemmschwellen abbauen. Auch die andere Richtung sei wichtig. Im Gespräch erfahre man viel über das, was die Kulturgäste bewegt. Erfreulich oft sind es es auch Freude und Dankbarkeit für die Angebote der KulturTafel und begeisterte Erzählungen des letzten Kulturerlebnisses. „Man spürt, dass unsere Gäste etwas zurückgeben möchten. Das müssen sie nicht, aber wir hören das natürlich trotzdem gern“, ist Mareike froh über die Resonanz.



Alle an einem Strang


Aber wie waren eigentlich die Reaktionen der Kultureinrichtungen? Karten, die sie an die Tafel vergeben, können schließlich nicht verkauft werden. Das bedeutet Einnahmeeinbußen. War es schwer, die Theater, Museen und Bühnen davon zu überzeugen? „Ganz und gar nicht“, betont Mareike. Sie wirkt auch jetzt noch sehr erfreut über die positive Resonanz auf das Projekt. „Wir sind zu einem großen Teil offene Türen eingerannt. Viele kannten die Idee einer Kulturtafel schon oder haben sich selbst um Ansätze für kulturelle Teilhabe in ihrem Haus bemüht. Sie haben sich gefreut, dass es nun in Oldenburg eine KulturTafel gibt. Manche sind sogar direkt auf uns zugekommen.“ Im Alltag müsse man zwar hin und wieder daran erinnern, dass die KulturTafel sich nach wie vor über Kartenkontingente freue. Generell liefe die Zusammenarbeit mit den Kulturakteuren aber hervorragend, was sich auch anhand der Statistiken ablesen lässt:



Ein Einruck drängt sich auf: Von diesem Projekt profitieren alle Beteiligten. Die KulturGäste kommen in den Genuss von Kulturveranstaltungen, die sei sonst nicht hätten besuchen können. Die KulturPartner können im Kleinen Großes bewirken und die gesellschaftlichen Ungleichheiten zumindest ein wenig ausgleichen. Und auch die Künstler:innen auf der Bühnen haben was davon: Es bleiben keine Plätze leer - und vor vollen Reihen spielt es sich doch immer am Besten.


Die Schnittstelle all dieser positiven Wirkungen ist die KulturTafel. Sie übernimmt den arbeitsintensiven Part, aber eines ist im Gespräch mit Mareike zu jeder Zeit spürbar: Alle Beteiligten tun das gern und mit viel Herzblut. Dank der Claus Hüppe-Stiftung wurde der Aufbau in Oldenburg möglich und der Betrieb für die ersten Jahre gesichert. Um die Initiative langfristig in und für Oldenburg erhalten zu können und die Finanzierung sicherzustellen, ist die KulturTafel jedoch auf Spenden angewiesen.


Auch in der Vermittlung ist noch Luft nach oben, denn der Wunsch nach kultureller Teilhabe ist groß. In einigen Bereichen, wie etwa Kinderveranstaltungen oder Sport, sind die Angebote noch rar gesät, sodass KulturGäste mit diesen Interessen häufig lange auf das nächste Erlebnis warten müssen. „Wenn Privatpersonen sich engagieren möchten, würde uns das sehr helfen“, erklärt die Geschäftsführerin. Das ginge auf ganz unterschiedliche Weise: Über eine Mitgliedschaft im Förderkreis, über Geld- und private Kartenspenden oder über ehrenamtlichen Mitarbeit.


NOCH EIN GEHEIMTIPP:

DER KULTURTAFEL-NEWSLETTER


Die Vermittlung von regulären Eintrittskarten schafft ganz konkrete Zugänge zu Veranstaltungen, bei denen der Eintrittspreis sonst eine unüberwindbare Barriere dargestellt hätte. Es gibt aber noch einen andere Möglichkeit, an Kulturereignissen teilzuhaben, ohne Geld auszugeben. Überraschend viele sind nämlich kostenlos.


Als einen weiteren Service für KulturGäste und Mitglieder des Fördervereins trägt die KulturTafel Oldenburg Informationen über solche Veranstaltungen zusammen und veröffentlicht sie alle zwei Wochen in einem Email-Newsletter. Der ist nicht nur für die KulturGäste der Tafel interessant, sondern auch für die anderen Teile der Bevölkerung, denn er weist häufig auf Kleinode der Kulturszene hin, die im Rauschen der Großveranstaltungen übersehen werden. Ein guter Grund mehr, sich über eine einmalige oder jährliche Spende für die KulturTafel zu engagieren.



Frohe Botschaft(er)


Der Mensch ist ein soziales Wesen - und ein kulturelles noch dazu. Das macht all die Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten unserer Welt umso unverständlicher. Sie hindern die Betroffenen - wenn man es zu Ende denkt - am Menschsein. Zum Glück helfen viele gemeinnützige und ehrenamtliche Organisationen dabei, die Webfehler unserer Gesellschaft ein Stück weit auszugleichen. Seit 2020 gehört die KulturTafel dazu und übernimmt dabei ein ganz entscheidende Rolle. Kultur ist nämlich nicht „nice to have“, sie ist essentiell. Was für den Körper die Nahrung ist, das sind für den Geist Informationen, Anregungen, Impulse. Wir brauchen sie, um kognitiv und emotional aktiv zu sein. Und niemand liefert Denkanstöße so eindrücklich wie die Kultur.

Große Worte? Stimmt, aber sie sind angemessen. Deshalb wollen wir ihnen Taten folgen lassen: Der Kulturschnack wird offizieller Botschafter für die KulturTafel Oldenburg!


Das heißt: Nach der großartigen ersten Botschafterin Annika Blanke unterstützen nun auch wir Mareike und ihr Team, indem wir die Idee der KulturTafel weiter verbreiten. Sie ist einfach zu gut, um sie nicht zu fördern. Für uns heißt es also in Zukunft: Spread the word! Aber das Gute ist: In Oldenburg stoßen wir damit wahrscheinlich auf offene Ohren. Auch bei Dir?