EIN FADEN WAHRHAFTIGKEIT
Zunehmend spielt sich unser Alltag in digitalen Kontexten ab. Fakten und menschengemachte Inhalte verschwimmen in einer unendlichen Flut an Fehlinformationen und hinterlassen uns als Gesellschaft in einem Zustand steter Verunsicherung. Als ehemalige Stipendiatin des Horst-Janssen-Museums setzt Andrea Ziegler in einem künstlerischen Dialog diesem Umstand die haptische Erfahrung des Handwerks entgegen. Doch wie lange wird das noch funktionieren?

In der Ausstellung „What Is the Truth and Where Did It Go? Von Menschen und Maschinen“ verarbeitet Ziegler ihre persönliche, monatelange Auseinandersetzung mit zentralen Kunstserien, sogenannten Werkzyklen, von Horst Janssen. Alle eint miteinander, dass sie grundlegende Fragen dazu stellen, wie wir unsere Umwelt wahrnehmen und das Menschsein begreifen.
Wenn sich in Janssens „Laokoon. Die Bäume der Annette“ das, was wir zunächst als Baum- und Aststrukturen erkennen, bei genauerem Hinsehen in Körperfragmente verwandelt, passt das auch heute zu einer Welt, in der wir uns immer weniger auf Informationen wirklich verlassen können. Fake News und KI-generierte Inhalte verzerren das, was wir am Ende als individuelle Realitäten wahrnehmen und uns als Gesellschaft entzweit. In ihren textilen Arbeiten setzt sich Andrea Ziegler deshalb - unter anderem - mit den Folgen des Klimawandels auseinander und präsentiert Flächen, die erst auf den zweiten Blick Naturkatastrophen, wie die Flut im Ahrtal, zu erkennen geben. Eine wunderbare Repräsentation dessen, wie wir uns als Gesamtgesellschaft den Umwälzungen durch die Klimakrise zu verschließen scheinen und nicht erkennen wollen, was offen vor uns liegt.

Direkt ins Auge fällt dabei die Präsentation der Kunst vor Ort. Von der Decke herab hängen ihre freihandgefertigten Maschinenstickereien inmitten des Ausstellungsraums. Es wirkt ganz so als sei der Raum noch immer von all den Gedanken gefüllt, die sich Andrea Ziegler bei der Betrachtung der Werke von Horst Janssen machte. Man kommt - im wahrsten Sinne - nicht daran vorbei, kleine Gänge zu entdecken und sich an den teppichähnlichen Leinwänden so manches Mal entlang zu schlängeln. Das ganze hat zwangsläufig auch zur Folge, dass sich jede ihrer Arbeiten von beiden Seiten betrachten lässt, was Ziegler als Analogie dient. Denn was in einem Moment vertraut und verständlich wirken mag, kann sich schon ein paar Schritte weiter zu einer verunstaltet wirkenden Version desselben wandeln. Während ein Großteil der Menschheit Services wie ChatGPT, Claude und Gemeni lediglich als erweiterte Suchmaschine und zur Erstellung des nächsten Dorffestplakats nutzt, bewältigen die sogenannten Frontier-Modelle (quasi die Champions League der künstlichen Intelligenz) inzwischen mathematische Probleme, die vorher unlösbar schienen und bilden aus eigenem Antrieb heraus Kollektive, denen es jüngst immer wieder gelang aus vermeintlich abgesicherten Entwicklungsumgebungen eigenständig auszubrechen.
ANDREA ZIEGLER & HORST JANSSEN
WHAT IS THE TRUTH AND WHERE DID IT GO? VON MENSCHEN UND MASCHINEN
BIS 08. NOVEMBER
HORST JANSSEN MUSEUM
AM STADTMUSEUM 4-8
26121 OLDENBURG
Der genaue Blick
Das stellt die Menschheit vor existenzielle Fragen hinsichtlich des Umgangs mit diesen neuen Technologien. Wir als Besucherinnen und Besucher des Museums können in diesem Fall die persönliche Suche einer Künstlerin nach etwas wirklich Authentischem in einer solchen Welt vor Ort mitverfolgen. Das Handwerk, die Stickerei, ist hier nicht bloß Technik sondern mindestens genau so auch als ein Statement zu verstehen. Stoff und Faden schaffen eine haptische Erfahrung und repräsentieren einen Schaffensprozess, auf den wir uns als Menschen (zumindest heute noch) einigermaßen verlassen können. Er vermittelt uns ein Gefühl der Authentizität. Auch in Zieglers textiler Verarbeitung des Werkzyklus „Nigromontanus“, mit dem Janssen einen Bezug zur gleichnamigen Figur aus „Das Abenteuerliche Herz“ von Ernst Jünger herstellte, lässt sich das erkennen.

Sie erlaubt es ihr, die Ursprungsintention von Horst Janssen zu intensivieren und konsequent weiterzuführen. Janssen teilte damals die Ansicht Jüngers, dass die haargenaue Betrachtung der Dinge verborgene Bedeutungsebenen und eine besondere Tiefe zum Vorschein bringe. Gerade die Arbeit mit Faden und Stickerei lässt nun aber die einzelnen Strukturebenen wirklich erfahrbar werden und verleitet dazu, ganz genau hinzuschauen, was sich hinter diesen verbirgt. Und dieser genaue Blick lässt aus dem, was für Janssen damals anatomische Studien waren, etwas werden, das womöglich mehr mit einer Maschine als mit uns zutun hat. Denn hinter der menschlichen Fassade und aufgerissenen Stoffstellen verbergen sich in Zieglers Adaption maschinell anmutende Fremdkörper und aus den ursprünglichen Textpassagen von Ernst Jünger werden Zitate der großen Tech-Bosse unserer Zeit. Diese mögen zwar verheißungsvoll klingen, doch könnten sie ebenso gut den Beginn einer Dystopie bedeuten.
Eine Frage der Zeit?
Für Ziegler nimmt der Verlust unseres kollektiven Verständnisses dessen, was wir als gemeinsame Wahrheit begreifen, mit der Ermordung John F. Kennedys einen ihrer Anfänge - also noch lange bevor an das Internet in seiner heutigen Form überhaupt zu denken war. Das Attentat, das 1963 geschah, wurde damals zu einem globalen Medienereignis: Fotografien, Augenzeugenberichte und Filmaufnahmen verbreiteten sich in kürzester Zeit, was jedoch nicht zur Schaffung einer klaren Wahrheit beitrug. Im Gegenteil: schnell wurden offizielle Erklärungen angezweifelt, widersprüchliche Deutungen machten die Runde und Verschwörungserzählungen setzten sich fest. Ihr Werk „Unscheduled Disassembly I“ zu diesem schicksalhaftes Einzelereignis fungiert deshalb als ein Sinnbild für den heute umso deutlicher spürbaren, nachhaltigen Vertrauensverlust in staatliche Institutionen, mediale Vermittlung und die Möglichkeit, sich auf eine gemeinsame Realität zu verständigen.

Doch wenn sich auch ein möglicher Anfang verorten lässt, bleibt trotzdem die Frage: wird es ein Ende geben? Denn vermutlich schneller als uns allen lieb ist, könnte sich das, was wir aktuell in der digitalen Welt verorten, einen Weg hinaus ins Analoge bahnen. Wer hätte vor ein paar Jahren gedacht, als wir die ersten Gehversuche einer künstlichen Intelligenz sahen, ein Video von Will Smith beim Spaghetti essen zu zeigen, dass wir heute kaum mehr die Fiktion von der Realität unterscheiden könnten. Transhumanisten möchten heute die Grenzen des Menschseins überwinden und auch in der Robotik läuft ein sprichwörtliches Wettrennen darum, welcher Konzern als erstes den vormals persönlichen Chat-Bot in den eigenen vier Wänden der Menschen platziert. Spätestens dann würde auch das Handwerk als eine Bastion des Menschlichen zunehmend an Wert verlieren.
Doch im Gegensatz dazu betont Ziegler die eigentliche Verletzlichkeit des Menschen indem sie persönlichen Katastrophen ihres Umfelds künstlerischen Ausdruck und somit auch in gewisser Weise Schönheit verleiht. Womöglich liegt hier ein Symbol darin, dass der Wert eines erfüllten Lebens auch darin liegt, dass es zwangsläufig irgendwann ein Ende findet. Insgesamt ist es Ziegler gelungen, auch durch die Art ihrer Präsentation eine stets im Raum schwebende Mahnung zu gestalten, die uns allen die Frage aufdrängt:
Wollen wir das wirklich?
Weitere Infos zur Ausstellung, Öffnungszeiten und Eintrittspreisen findet ihr unter: www.horst-janssen-museum.de


