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- SCHMERZHAFT SCHÖN
Die World Press Photo Oldenburg findet in diesem Jahr zum zehnten Mal statt. In verschiedenen Rollen war Kulturschnacker Thorsten von Anfang an dabei - und durfte deshalb einen Beitrag zum Programmheft beisteuern. Seine Gedanken zur „WPP“ lest ihr hier! Ahnengalerie: Bisher fanden neun Ausstellungen statt, die zehnte folgt vom 15. Februar bis zum 16. März 2025 (Bilder: Mediavanti / Montage: Kulturschnack) Es ist lange her. Genauer gesagt: neun Jahre. Trotzdem erinnere ich mich noch genau an das Gefühl von damals. An diese Wucht der Erkenntnis, dass gerade etwas ganz Besonderes passiert. Wovon ich rede, ist klar: Von der allerersten World Press Photo Ausstellung in Oldenburg. Heute kann man es kaum noch glauben, aber damals war sie ein Experiment. Ob das Ganze funktionieren würde? Wusste vorab niemand. Außer einem: Claus Spitzer-Ewersmann. Dem früheren Journalisten war klar, dass die besten Pressefotos der Welt Relevanz und Ästhetik vermischen wie kein anderes Medium. Sie stammen von Brennpunkten dieser Welt und erzählen Geschichten, die sie bewegen und uns berühren. Gleichzeitig sind sie visuell überwältigend und sorgen dadurch für eine manchmal schmerzhafte, jedoch immer wertvolle Konfrontation. Es ist diese spannungsvolle Kombination, die sie so wirkungsvoll macht. Ästhetik und Relevanz: Diese beiden Faktoren vermischen sich auch beim Bild von Eddie Jim, mit dem er in der Region „Südostasien-Ozeanien“ gewann. Klickt auf das Bild, um das Programmheft herunterzuladen. (Bild: Eddie Jim) Über die Ränder hinaus Für das Medivanti-Team kam jedoch nie in Frage, einfach nur Bilder aufzuhängen. Drei Dinge machen die WPP in Oldenburg einzigartig: Erstens: Die spürbare Leidenschaft für Fotografie. Zweitens: Das Wissen um die Bedeutung und Wirkungskraft der Bilder über ihre Ränder hinaus. Und drittens: Das redaktionelle Gespür für eine starke Inszenierung. Diese Faktoren ergänzen und verstärken sich perfekt. Das Ergebnis? Die vielleicht beste Variante der Ausstellung überhaupt. Natürlich stehen auch in Oldenburg die Bilder im Mittelpunkt. Doch das umfangreiche Rahmenprogramm setzt sie in einen Kontext, bietet Hintergrundwissen, stellt Zusammenhänge her, gewährt Einblicke. Entscheidend dabei: Die Menschen hinter der Linse – und die Begegnung mit ihnen. Dem Mediavanti-Team gelang es nicht nur, viele Preisträger:innen nach Oldenburg zu locken und sie für spannende, bewegende Vorträge zu gewinnen. Darüber hinaus entdeckten sie weniger bekannte Fotograf:innen, die erst nach ihren Besuchen in Oldenburg zu Ruhm gelangten – wie Esther Horvath oder Johannes Kako. Der Eindruck täuscht: Preisträger Mads Nissen und Thorsten sind sich im Premierenjahr 2016 nicht an die Gurgel gegangen, sondern verstanden sich prächtig. (Bild: Andreas Burmann) Die Bedeutung der Pressefotografie Aber auch die vielen anderen Punkte des Programms sorgten dafür, dass aus der WPP in Oldenburg ein „Place to be“ wurde: Ein Ort, an dem man gewesen muss. Ob es die intime, nahbare Atmosphäre der Sonntags-Matineen ist, der genial-kreative Spirit der Slam- oder Impro-Formate oder die lehrreichen Einblicke der Vorträge und Workshops, eines haben alle Veranstaltungen gemeinsam: Sie feiern die (Presse-)Fotografie und betonen ihre Bedeutung für Demokratie und Gesellschaft. Noch dazu steht die Oldenburger Ausstellung nie still. So wurde mit der Einbindung der „Everyday Projects“ gewissermaßen das Gegenteil der Pressefotos zum Bestandteil der Ausstellung und bereicherte sie um einen Blick auf die globale Alltäglichkeit. Wie gesagt: Es ist lange her. Die Wucht hat nachgelassen, doch die Erkenntnis ist geblieben: Mit der World Press Photo Ausstellung passiert in Oldenburg etwas ganz Besonderes – Jahr für Jahr, in unverändert hoher Qualität. Die Welt dreht sich zwar weiter, doch die Pressbilder halten sie fest, in den Zuspitzungen des Augenblicks. Dadurch sind sie beides: Pause-Taste und Brennglas für die Zeitgeschichte. Genau das macht sie so wichtig, wertvoll - und schmerzhaft schön.
- EINFACH UNBEZAHLBAR
Der Mensch ist ein soziales Wesen. Und dennoch hat er sich ein Welt konstruiert, in der manche von der gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen werden. Umso wichtiger sind Angebote, die diese Grenzen aufheben. Zu ihnen gehört seit zwei Jahren die KulturTafel Oldenburg. In Kooperation mit über vierzig Kulturinstitutionen ermöglicht sie jenen den Kulturgenuss, die ihn sich sonst nicht leisten könnten. Dabei sein, wenn das Licht angeht: Für viele keineswegs selbstverständlich. (Bild: Shutterstock) Das Bild der Tafel hat sich durchgesetzt. Sie steht für einen langen Tisch, an dem Platz für alle ist und zu dem alle eingeladen sind. Man kommt dort zusammen und tauscht sich aus, vor allem aber teilt man. Den Moment, das Erlebnis, aber auch die Gemeinschaft. Und vielleicht stellt man sogar fest, dass die imaginären Grenzen zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen genau das sind: imaginär. Im Sinne von: gar nicht da, wenn man einmal genauer hinschaut. Bekannt sind die Tafeln vor allem aus dem sozialen Bereich. Dort leisten sie seit Jahrzehnten unschätzbare Dienste für benachteiligte Gruppen der Bevölkerung. Sie finden dort Hilfe und Unterstützung. Die Versorgung richtet sich hier vor allem an die elementaren Bedürfnisse wie Essen und Trinken. Für den Körper ist also gesorgt. Doch was ist mit dem Geist? Braucht er nicht ebenso eine "Versorgung", damit es ihm gut geht und wir aktiv bleiben? Die Antwort ist klar: auf jeden Fall. Selbstverständlicher Teil des Lebens Aus dieser Feststellung heraus entstanden die Kulturtafeln. Sie haben es sich zum Ziel gemacht, eben jenen Gruppen, die auch Kund:innen der Tafeln sind, einen Zugang zur Kultur zu verschaffen. Und nicht nur ihnen, sondern noch vielen mehr: Menschen, die zwar arbeiten, aber aufstocken müssen, Selbständige und Freiberufler:innen mit niedrigem Einkommen, Rentner:innen und viele mehr. Für viele von ihnen sind Kultur-Tickets purer Luxus. Was schaut man sich an, wenn man im Gegenzug etwa auf Nahrungsmittel verzichten muss? Vermutlich: Wenig oder gar nichts - auch wenn der Wunsch noch so groß ist. Starkes Team für die gute Sache: Mareike Urfels, Dr. Hermann Klasen, Isabell Hüppe (Foto: KulturTafel Oldenburg) Seit dem Frühjahr 2020 gibt es so eine Kulturtafel nun auch in Oldenburg. Die Initiative kam von Dr. Hermann Klasen. Er hatte bei einem Besuch in Lübeck von der dortigen KulturTafel erfahren und war gefesselt von der Idee. Er war der festen Überzeugung, dass Kultur für Menschen mit geringem Einkommen nicht in unerreichbare Ferne rücken dürfe, sondern - ganz im Gegenteil - zu einem möglichst selbstverständlichen Teil des Lebens werden müsse. Teilhabe darf sich nicht über das Portemonnaie definieren, stand für den Mediziner im Ruhestand fest. Unermüdlich suchte er nach Unterstützer:innen. Schließlich fand er sie in Person von Isabel Hüppe und Anna-Julia Reinking von der Claus Hüppe-Stiftung . Sie ließen sich von Klasens Begeisterung anstecken und sorgten für eine finanzielle Grundausstattung der KulturTafel. DER WEG ZUM TICKET SO WIRD MAN KULTURGAST Umständliche Verfahren, komplizierte Anträge, lange Bearbeitungszeiten? Gibt es bei der KulturTafel nicht. Der Weg zur Kultur soll so kurz und einfach wie möglich sein. Deshalb lässt er sich anhand von nur drei Schritten erklären: 1. ANMELDUNG Anmeldeformular ausdrucken und ausfüllen oder digital ausfüllen und abspeichern. 2. EINKOMMENSNACHWEIS Ausgefülltes Anmeldeformular zusammen mit einem Nachweis des Einkommens oder dem Oldenburg Pass per Post an das Büro in der Osterstraße 10, 26122 Oldenburg oder per Email schicken. 3. GESCHAFFT Schon ist man ein gern gesehener KulturGast. KLEINES GLOSSAR KERNBEGRIFFE DER KULTURTAFEL Oft merken wir es gar nicht, aber unsere Alltagssprache ist voller unterschwelliger Diskriminierungen. Bei der KulturTafel wird auch verbal auf Augenhöhe geachtet. Die drei Schlüsselbegriffe erklären wir hier kurz: KULTURGAST Diejenigen, die berechtigt sind, die Leistungen der KulturTafel in Anspruch zu nehmen. Den Nachweis haben sie entweder schon bei eine SozialPartnerschafts-Einrichtung erbracht oder reichen ihn auf einfache Weise bei der Tafel ein. SOZIALPARTNERSCHAFT Dabei handelt es sich um Einrichtungen, die sich grundsätzlich an den gleichen Adressat:innenkreis richten wie die KulturTafel. Dort wurde oft bereits ein Nachweis für die Berechtigung erbracht. Dieser lässt sich übertragen. Gleichzeitig dienen die SozialPartner als Orte der Information. KULTURPARTNERSCHAFT Dies sind die Einrichtungen, die der Tafel aktiv Kartenkontingente anbieten, die entweder nicht nachgefragt werden oder die sie als bewusste Geste zur Verfügung stellen wollen. In Oldenburg sind bereits über vierzig Anbieter dabei. Aber wie baut man das auf? Wie findet man Angebot und Nachfrage - und wie führt man beides zusammen? „Das ist tatsächlich viel Fleißarbeit“, berichtet Mareike Urfels, Geschäftsführerin der KulturTafel Oldenburg. Sie weiß, wovon sie spricht, denn sie war von Anfang an dabei. „Wichtig sind unsere SozialPartnerschaften, z.B. mit der Oldenburger Tafel . Wir haben sozusagen den gleichen Kund:innenkreis. Wer dort seine Berechtigung nachgewiesen hat, muss das bei uns nicht erneut tun“, erklärt die Koordinatorin das pragmatische Vorgehen. Und sie nennt noch einen weiteren Vorteil solcher Kooperationen: „Wir können dort natürlich auch sehr gut auf unser Angebot hinweisen. Wir sind ja erst zwei Jahre aktiv, da müssen wir immer noch viel bekannter werden.“ Die Zahlen der Bundesvereinigung Kulturelle Teilhabe können sich sehen lassen. (Grafik: Wikicommons) Nah dran am Menschen Und die andere Seite? Wie kommt die KulturTafel an die Tickets? „Die Karten, die wir vergeben, werden uns aus KulturPartnerschaften zur Verfügung gestellt“, erklärt Mareike das Verfahren. „Sie melden uns, welche Kontingente für welche Veranstaltung zu Verfügung stehen. Wir pflegen sie in eine Übersicht ein und machen uns an die Vermittlung.“ Und wie funktioniert die? Übernimmt das ein cleverer Algorithmus? „Nein, nein", wehrt die studierte Kunst- und Medienwissenschaftlerin lachend ab. „Wir nutzen eine andere technische Errungenschaft, das Telefon!“ Die KulturGäste haben ihre Interessen bei der Tafel hinterlegt. Sie werden von Mareike und ihrem kleinen Team aus ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen persönlich angerufen. Dabei kommen zunächst diejenigen zum Zuge, die am längsten nicht mehr profitiert haben. „Das Verfahren ist natürlich aufwändig“, ist sich die gebürtige Lüneburgerin bewusst. „Es hat aber einen großen Vorteil: den direkten Kontakt.“ So könne man zum Mitmachen ermutigen, Fragen beantworten, aber auch mal Ängste nehmen und Hemmschwellen abbauen. Auch die andere Richtung sei wichtig. Im Gespräch erfahre man viel über das, was die Kulturgäste bewegt. Erfreulich oft sind es es auch Freude und Dankbarkeit für die Angebote der KulturTafel und begeisterte Erzählungen des letzten Kulturerlebnisses. „Man spürt, dass unsere Gäste etwas zurückgeben möchten. Das müssen sie nicht, aber wir hören das natürlich trotzdem gern“, ist Mareike froh über die Resonanz. Alle an einem Strang Aber wie waren eigentlich die Reaktionen der Kultureinrichtungen? Karten, die sie an die Tafel vergeben, können schließlich nicht verkauft werden. Das bedeutet Einnahmeeinbußen. War es schwer, die Theater, Museen und Bühnen davon zu überzeugen? „Ganz und gar nicht“, betont Mareike. Sie wirkt auch jetzt noch sehr erfreut über die positive Resonanz auf das Projekt. „Wir sind zu einem großen Teil offene Türen eingerannt. Viele kannten die Idee einer Kulturtafel schon oder haben sich selbst um Ansätze für kulturelle Teilhabe in ihrem Haus bemüht. Sie haben sich gefreut, dass es nun in Oldenburg eine KulturTafel gibt. Manche sind sogar direkt auf uns zugekommen.“ Im Alltag müsse man zwar hin und wieder daran erinnern, dass die KulturTafel sich nach wie vor über Kartenkontingente freue. Generell liefe die Zusammenarbeit mit den Kulturakteuren aber hervorragend, was sich auch anhand der Statistiken ablesen lässt: Starker Start: So sehen die Zahlen der KulturTafel im Juni 2022 aus. Ein Eindruck drängt sich auf: Von diesem Projekt profitieren alle Beteiligten. Die KulturGäste kommen in den Genuss von Kulturveranstaltungen, die sei sonst nicht hätten besuchen können. Die KulturPartner können im Kleinen Großes bewirken und die gesellschaftlichen Ungleichheiten zumindest ein wenig ausgleichen. Und auch die Künstler:innen auf der Bühnen haben was davon: Es bleiben keine Plätze leer - und vor vollen Reihen spielt es sich doch immer am Besten. Die Schnittstelle all dieser positiven Wirkungen ist die KulturTafel. Sie übernimmt den arbeitsintensiven Part, aber eines ist im Gespräch mit Mareike zu jeder Zeit spürbar: Alle Beteiligten tun das gern und mit viel Herzblut. Dank der Claus Hüppe-Stiftung wurde der Aufbau in Oldenburg möglich und der Betrieb für die ersten Jahre gesichert. Um die Initiative langfristig in und für Oldenburg erhalten zu können und die Finanzierung sicherzustellen, ist die KulturTafel jedoch auf Spenden angewiesen. Auch in der Vermittlung ist noch Luft nach oben, denn der Wunsch nach kultureller Teilhabe ist groß. In einigen Bereichen, wie etwa Kinderveranstaltungen oder Sport, sind die Angebote noch rar gesät, sodass KulturGäste mit diesen Interessen häufig lange auf das nächste Erlebnis warten müssen. „Wenn Privatpersonen sich engagieren möchten, würde uns das sehr helfen“, erklärt die Geschäftsführerin. Das ginge auf ganz unterschiedliche Weise: Über eine Mitgliedschaft im Förderkreis, über Geld - und private Kartenspenden oder über ehrenamtlichen Mitarbeit . NOCH EIN GEHEIMTIPP DER KULTURTAFEL-NEWSLETTER Die Vermittlung von regulären Eintrittskarten schafft ganz konkrete Zugänge zu Veranstaltungen, bei denen der Eintrittspreis sonst eine unüberwindbare Barriere dargestellt hätte. Es gibt aber noch einen andere Möglichkeit, an Kulturereignissen teilzuhaben, ohne Geld auszugeben. Überraschend viele sind nämlich kostenlos. Als einen weiteren Service für KulturGäste und Mitglieder des Fördervereins trägt die KulturTafel Oldenburg Informationen über solche Veranstaltungen zusammen und veröffentlicht sie alle zwei Wochen in einem Email-Newsletter. Der ist nicht nur für die KulturGäste der Tafel interessant, sondern auch für die anderen Teile der Bevölkerung, denn er weist häufig auf Kleinode der Kulturszene hin, die im Rauschen der Großveranstaltungen übersehen werden. Ein guter Grund mehr, sich über eine einmalige oder jährliche Spende für die KulturTafel zu engagieren . Frohe Botschaft(er) Der Mensch ist ein soziales Wesen - und ein kulturelles noch dazu. Das macht all die Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten unserer Welt umso unverständlicher. Sie hindern die Betroffenen - wenn man es zu Ende denkt - am Menschsein. Zum Glück helfen viele gemeinnützige und ehrenamtliche Organisationen dabei, die Webfehler unserer Gesellschaft ein Stück weit auszugleichen. Seit 2020 gehört die KulturTafel dazu und übernimmt dabei ein ganz entscheidende Rolle. Kultur ist nämlich nicht „nice to have“, sie ist essentiell. Was für den Körper die Nahrung ist, das sind für den Geist Informationen, Anregungen, Impulse. Wir brauchen sie, um kognitiv und emotional aktiv zu sein. Und niemand liefert Denkanstöße so eindrücklich wie die Kultur. Große Worte? Stimmt, aber sie sind angemessen. Deshalb wollen wir ihnen Taten folgen lassen: Der Kulturschnack wird offizieller Botschafter für die KulturTafel Oldenburg! Das heißt: Nach der großartigen ersten Botschafterin Annika Blanke unterstützen nun auch wir Mareike und ihr Team, indem wir die Idee der KulturTafel weiter verbreiten. Sie ist einfach zu gut, um sie nicht zu fördern. Für uns heißt es also in Zukunft: Spread the word! Aber das Gute ist: In Oldenburg stoßen wir damit wahrscheinlich auf offene Ohren. Auch bei Dir?
- KOLUMNE: DER WOW!-FAKTOR
Seit Mitte 2020 schreibt Kulturschnacker Thorsten eine monatliche Kolumne für die wunderbare Theaterzeitung des Oldenburgischen Staatstheaters. Digital findet ihr sie zum Nachblättern unter www.staatstheater.de. Oder: hier. Frohes Neues: Hoffentlich beginnt jetzt keine Saure-Gurken-Zeit. Die beste Vorbeugung: Theaterstücke wie „Macbeth“ anschauen und den Wow!-Faktor genießen. (Bild: Stephan Walzl) Meine Mutter löst gern Kreuzworträtsel. Ob Zufall oder nicht, kürzlich sah ich bei einem flüchtigen Blick auf eines ihrer Hefte folgende Frage: „Ausdruck des Erstaunens mit drei Buchstaben“. Die Antwort war klar, noch bevor ich den kurzen Text zu Ende gelesen hatte. Diese drei Buchstaben sind nämlich meine ständigen Begleiter, wenn ich auf die Oldenburger Kulturszene schaue: WOW! Und auch jetzt, während ich diesen Text schreibe, formt sich so ein Ausdruck des Erstaunens in meinem Kopf. Denn ich habe darüber nachgedacht, wie viele Jahreswechsel ich in dieser Kolumne schon gefeiert habe – und es ist tatsächlich bereits der fünfte! Und an dieser Stelle teilen sich meine Gedanken in zwei Hälften: Die eine freut sich darüber, dass ich mich an dieser Stelle weiterhin einmal pro Monat gedanklich austoben darf. Und die andere? Die fürchtet sich davor, Sie alle zu langweilen. Denn was soll man zu einem Jahresanfang noch schreiben, wenn man es schon fünf Mal getan hat? Ist nicht schon alles gesagt? Langeweile? Keine Chance! Zum Glück nicht. Erstaunlicherweise lautet dasjenige Wort, das meine Haltung zur Oldenburger Kultur am besten zusammenfasst, auch nach fünf Jahren noch: WOW! Das ist auch für mich ein wenig überraschend. Man würde ja vermuten, dass sich die anfängliche Begeisterung allmählich abnutzt. Aber: Das tut sie nicht. Und das liegt daran, dass die Oldenburger Kultur Jahr für Jahr neue Perlen liefert – wie „ Prima Facie “ im Staatstheater, Graffitikunst unter Brücken, Leoniden in der Umbaubar, Techno im Alten Klärwerk oder Tuan Andrew Nguyen im Edith-Russ-Haus. Geliebte Routine: Seit über fünf Jahren hat Thorsten sein Plätzchen in der Theaterzeitung. (Bild: Oldb. Staatstheater) Diese völlig willkürlichen Beispiele aus dem letzten Jahr zeigen, wie spannend, überraschend, abwechslungsreich die Oldenburger Szene ist. Und derzeit spricht nichts dafür, dass sich daran etwas ändern könnte. Diese Vielfalt hat dazu geführt, dass ich auch nach fünf Jahren nicht etwa mit einer abgeklärten „Seen it all“-Attitüde auf die Szene blicke, sondern weiterhin mit kindlicher Neugier und unschuldiger Faszination. Und nun beginnt ein neues, prallgefülltes Kulturjahr! Ich bin schon wieder unglaublich neugierig und voller Vorfreude auf all die winzig kleinen und riesengroßen Kulturmomente, die in den nächsten zwölf Monaten auf uns zukommen. Und ich bin ganz sicher, dass ich dabei sehr oft einen Ausdruck des Erstaunens mit drei Buchstaben im Kopf haben werde: WOW! Experiment und Abenteuer Und Sie? Was ist mit Ihnen? Geht es Ihnen ähnlich? Falls ja: Wunderbar. Dann sehen wir uns sicher hier oder da und können gemeinsam genießen, was auf Oldenburger Bühnen passiert. Und falls nein: Schade – aber das lässt sich ändern. Denn wie gesagt: Das neue Jahr hat begonnen. Und zu der Liste an guten Vorsätzen kann man auch folgenden ergänzen: Offen sein! Lassen Sie öfter das neugierige Kind in Ihnen das Kommando übernehmen, wagen Sie Experimente und Abenteuer. All ihr Jungen und Wilden, schaut euch eine Oper oder Niederdeutsches Theater an. All ihr Älteren und Erfahrenen, traut euch ins Rockkonzert oder ins verrückte Probierformat! Es gibt keinen besseren Zeitpunkt, seine Leidenschaften zu intensivieren oder etwas Neues auszuprobieren, als genau jetzt! Das kommt Ihnen bekannt vor? Ja, womöglich habe ich etwas ähnliches in den letzten sechzig Monaten schon einmal erwähnt. Vielleicht sogar in einer Neujahrskolumne. Sollte es so sein, deuten Sie die Wiederholung bitte als Stilmittel der Betonung. Mir ist wichtig, dass wir nicht in unseren Bubbles verharren, nicht nur auf den üblichen Bahnen unterwegs sind. Wir sollten mit offenen Sinnen durchs Leben gehen, interessiert und aufgeschlossen, wertschätzend und positiv. Dann begegnen uns WOW!-Effekte nicht nur in Kreuzworträtseln, sondern auch in der Realität. Und dort wirken sie am stärksten. PS: Danke, liebe Mama und lieber Papa, für diese und viele weitere Inspirationen! Ihr seid die besten!
- PODCAST: FOLGE 32
Er fand als junger Student an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg nicht nur ein erfüllendes Studium, nein, er fand auch eine Leidenschaft, die sein Leben nachhaltig verändern sollte. Sie ließ ihn die ganze Welt bereisen und sorgte nicht zuletzt dafür , dass er auch heute noch das kulturelle Leben der Universität und unserer Stadt entscheidend mitprägt. Wir hatten die große Freude in einer neuen Episode unseres Podcasts mit Jürgen Boese zu schnacken, der nicht nur Kulturreferent des Studierendenwerks Oldenburg ist, sondern auch erfolgreich als Improschauspieler, Moderator und Trainer arbeitet. Die Universität ist ein pulsierender Ort des Lernens, Forschens und Strebens. Doch abseits dessen existiert eine weitere, unverzichtbare Dimension, die maßgebliches Einfluss auf das eigene Leben nehmen kann. Denn das Studium sollte - im Idealfall - auch der eigenen Selbstfindung dienen und einen Raum schaffen, sich in unterschiedlichsten Bereichen auszuprobieren. Dabei womöglich auch in die Welt der Kultur einzutauchen gehört ebenso dazu! In eben genau dieser Welt fand Jürgen Boese sowohl seine persönliche Erfüllung als auch Berufung, der er bis heute als Kulturreferent des Studierendenwerks, aber auch als erfolgreicher Improvisationskünstler, Moderator und Trainer nachgeht. Nicht nur konnte er Formate wie die Kabarett-Tage, die inzwischen ihr 30. Jubiläum feiern weiterentwickeln, sondern er lockte auch frühzeitig Talente wie Till Reiners oder Moritz Neumeyer für Gastspiele ans Unikum , die heute deutschlandweit Bekanntheit erlangt haben. Mit dem SpontanOL , ist ihm zudem die Gründung und Etablierung eines eigenen Festivals für Improvisationskunst gelungen, das nicht nur ebenfalls einen runden, 10. Geburtstag in diesem Jahr feiert, sondern deutschlandweit Anerkennung genießt. Wie es zu all dem kam, was ein Imbiss und eine Kneipe damit zu tun haben, wie Jürgen gezielt Impulse von der Uni heraus in die Stadt setzen möchte und wie ein einziger Auftritt dafür sorgte, dass es Jürgen um die ganze Welt verschlug, das hört ihr in dieser neuen Episode vom Kulturschnack. Viel Spaß dabei! Mehr Infos und aktuelle Termine zu Veranstaltungen findet ihr unter: https://www.theater-unikum.de/
- KOLUMNE: DER NORMALE WAHNSINN
Seit Mitte 2020 schreibt Kulturschnacker Thorsten eine monatliche Kolumne für die wunderbare Theaterzeitung des Oldenburgischen Staatstheaters. Digital findet ihr sie zum Nachblättern unter www.staatstheater.de. Oder: hier. Opulent: Bei der Oper „Xerxes“ steht der gleichnamige Großfürst Persiens im Rampenlicht. So ähnlich sehen sich auch viele Politiker:innen auf der Weltbühne. (Bild: Stephan Walzl) Für Zentraleuropa hob sich der Vorhang am Morgen des 6. November. Viele von uns wachten auf und checkten umgehend den Newsfeed auf ihrem Smartphone oder schalteten das Radio ein. Und nach wenigen Sekunden war es Gewissheit: Der neue, alte Präsident der Vereinigten Staaten würde Donald Trump heißen. Und auch wenn etliche Details zu diesem Zeitpunkt noch ungewiss waren, stand doch zumindest eines fest: Er würde die Welt ab dem 20. Januar wieder zu einer großen Bühne machen. Noch am selben Tag - nur etwas später – mühte sich die bundesdeutsche Ampelregierung, das mediale Rampenlicht auf sich zu ziehen, indem sie nicht nur sich selbst für beendet erklärte, sondern eine Zankerei startete, die jedem Kindergarten zur Ehre gereicht hätte. Was damals und im Folgenden zwischen den Herren Scholz, Lindner und Merz ablief, wäre theoretisch gute Unterhaltung gewesen – wäre es nicht um die Zukunft unseres Landes gegangen. Die Realität als Satire Auf beiden Seiten des Atlantiks sucht die Politik immer stärker die große Bühne – und verwandelt sie oft in eine Manege. Es ist vor allem die Absurdität, die es schwer macht, all das ernst zu nehmen – obwohl es das leider ist. Schon in Trumps erster Amtszeit fragte man sich in der Kultur dasselbe wie später in vielen glorreichen Ampel-Momenten: Wie sollen wir reflektieren, was keinen Sinn ergibt? Wie sollen wir persiflieren, was bereits ein Witz ist? War die Realität etwa dabei, das Theater als Schauplatz der Zuspitzungen und Übertreibungen abzulösen? Was Hoffnung macht: Die Idee der „Weltbühne“ ist gar nicht neu. Siegfried Jacobsohn gab seiner politischen Wochenzeitschrift – die später auch von Ossietzky geleitet wurde – bereits 1918 diesen Namen. Auch damals hatte man bereits den Eindruck, dass es in der Politik – wie am Theater – (Selbst-)Darsteller und Zuflüsterer gibt. Und das Maskulinum ist an dieser Stelle bewusst gewählt. Es sind eben doch immer die Männer, die den Karren am heftigsten in den Dreck schieben. Große Ehre: Die aktuelle Kolumne landete auf der Titelseite der Theaterzeitung. (Bild: Oldb. Staatstheater) Geben wir es ruhig zu: Die große Trump-Show bietet ebenso wie die Ampel-Streitereien bisweilen mehr Entertainment als manche Bühne (außerhalb Oldenburgs, versteht sich). Rückt das Theater also in den Hintergrund? Bis zu einem gewissen Grad kann ich diese Sorge verstehen. Jeder Mensch erreicht irgendwann ein Maximum an Theatralik, das erträglich erscheint. Aber dennoch habe ich keine Befürchtungen. Denn aus der ersten Amtszeit Trumps wissen wir, dass die absolute Fassungslosigkeit und die obsessive Dauerbeschäftigung mit dem Präsidentendarsteller recht schnell abflachen. Und nur einen Monat nach seinem Amtsantritt wird eine neue Bundesregierung gewählt. Gegenwind für Populist:innen Genau - und gerade - dann brauchen wir die Kultur! Nein, nicht um uns beim Eskapismus zu unterstützen. Sondern um zu zeigen, dass es auf der Weltbühne eben nicht nur die Zampanos gibt, die mit aller Kraft versuchen, Uhren zurückzudrehen – in jene Zeiten, als der alte weiße Mann noch hemmungslos bestimmen durfte, ohne dass ihm das vorgeworfen wurde. Auf der Bühne begegnen uns immer wieder kluge Positionen zu aktuellen Themen und Fragen. Und oftmals machen sie uns deutlich, dass die Antworten in uns selbst liegen. So etwas wollen wir hören, sehen, fühlen – grundsätzlich immer, aber gerade dann, wenn die Weltbühne wieder einmal gnadenlos übertreibt. Freuen wir uns darüber, dass ein Donald Trump vielleicht vieles, aber eben nicht alles bestimmen wird. Er mag die Weltbühne dominieren, aber nicht die Bühnen dieser Welt. Von dort kommt für Populisten wie ihn intellektueller, aber auch emotionaler Gegenwind. Und ein Trost bleibt sowieso: In vier Jahren werden wir eines Novembermorgens wieder aufwachen und unsere Smartphones checken oder die Radios anschalten. Und dann wird die Gewissheit sicher eine andere sein.
- FUNNY BONE
Was bedeutet es, Kunst zu erleben, die sich der greifbaren Realität entzieht? Warum können einzelne, singuläre Striche, auf einer blanken Leinwand zu wertvoller, bereichernder und bewegender Kunst werden? Wer das herausfinden möchte, findet in der Auseinandersetzung mit Jenny Brosinskis neuer Ausstellung "Funny Bone" im Oldenburger Kunstverein sehr wahrscheinlich seine persönlichen, individuellen Antworten. Und darum geht es ja! Was wir damit meinen? Das lest ihr hier. Lasst uns häufiger (metaphorisch) an der Oberfläche kratzen und schauen, was dahinter liegt. Bild: Jenny Brosinski JENNY BROSINSKI - FUNNY BONE OLDENBURGER KUNSTVEREIN DAMM 2A 26135 OLDENBURG NOCH BIS 09. FEBRUAR 2025 Man könnte es sich so leicht machen. Gerade die abstrakte und minimalistische Kunst hat immer wieder damit zu kämpfen, dass ihr der Rang wirklicher Kunst abgesprochen wird. Es klingen einem bereits die großspurigen Kommentare à la „Und das soll jetzt Kunst sein? Das kann ich doch auch!“ oder noch schlimmer „Ist das Kunst oder kann das weg?“ in den Ohren. Wann werden Formen zu etwas Gegenständlichem? Bild: Jenny Brosinski, What Is Mine Will Always Fine Me 2024 Und natürlich ist dieser Reflex in erster Instanz und in gewisser Hinsicht durchaus verständlich. Denn ein Werk, das beispielsweise „nur“ auf einzelnen Strichen basiert, zu sehen, weckt wahrscheinlich für viele die Assoziation der (eigenen) Kindheit und den ersten Gehversuchen, etwas gestalterisch festzuhalten und den Dingen der wirklichen Welt ihre tatsächliche Form zu verleihen. Wir alle mussten das vermutlich lernen und waren, je nach malerischer Begabung, mal mehr, mal weniger erfolgreich dabei. So ist für viele von uns, wenn nicht sogar für uns alle, die Darstellung einer tatsächlichen Form, die wir schon nach unserem ersten Blick in dieser Welt verorten können, in dieser Perspektive ein Merkmal von künstlerischer Qualität. „Ich erkenne es, ich kann es definieren, also kann ich es auch als Kunst akzeptieren.“ Doch so einfach ist es natürlich bei weitem nicht! Zwischen Expressivität und Minimalismus Denn warum sollte ausschließlich dieser Anspruch an Kunst etwas über ihre Qualität verraten? Warum sollte nur das hochwertige Kunst sein, was bereits an der obersten Oberfläche, binnen der ersten Sekunde, für jedes Auge klar erkennbar einem vermeintlichen technischen Anspruch genügt? Die abstrakte Malerei wurde seit ihren Anfängen zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts als ein klarer und bewusster Bruch mit der traditionellen Malerei verstanden. Daraus hat sich eine neue Tradition gebildet, die auch in der zeitgenössischen Kunst ihre eigenständigen Ausdrucksformen findet. Sie fordert die Betrachterinnen und Betrachter heraus, stellt ihnen Werke gegenüber, die ein Ausharren erfordern und den Blick für die Ebenen hinter dem vermeintlichen und besagten schnellen ersten Blick fördern. Werke, die nichts verstecken wollen. Bild: Jenny Brosinski, We Were Right 'Till We Weren't, 2024 Jenny Brosinski , die an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee studierte und dort ihr Studium als Meisterschülerin beendete, zählt hierbei zu den spannendsten Stimmen dieser zeitgenössischen abstrakten Malerei. Sie lädt uns in eine Welt ein, in der Reduktion auf das Wesentliche einen Dialog über Komplexität eröffnet und vertritt in der heutigen Generation abstrakter Malerinnen und Maler mit ihrer einzigartigen Verbindung von Expressivität und Minimalismus eine besondere und bedeutende Position. Teil des Werkes In ihren Gemälden verwendet sie Materialien wie Ölfarbe, Holzkohle und Grafit, doch auch Unkonventionelles wie Olivenöl findet immer wieder den Weg auf ihre Leinwände. Dabei entstehen zarte Schatten, die den jeweiligen Werken eine besondere Tiefe verleihen und nur erkennbar werden, wenn man ihnen die volle Aufmerksamkeit schenkt. Da sie ihre Leinwände nicht grundiert, spielt auch das rohe Medium in seiner Stofflichkeit eine Rolle in der letztlichen Wahrnehmung ihrer Werke. Die Leinwand ist nicht bloßer Bildträger, sondern bewusster Teil des Werkes, was etwas Rohes erzeugt und dabei gleichzeitig Ehrlichkeit vermittelt. Besonders spannend ist hierbei der Kontrast zu den im Oldenburger Kunstverein ausgestellten Zeichnungen der Künstlerin. Denn für Brosinski sei die Auseinandersetzung mit dem Material, der Grundlage, auf der sie ihr Schaffen verewigt, von wesentlicher Bedeutung. Deshalb grundiert sie, ganz entgegen des üblichen Vorgehens, ihr Papier und verleiht diesem hierdurch bedeutsame Unebenheiten und eine völlig neue Beschaffenheit, die in der inneren Einstellung zum künstlerischen Schaffen etwas ganz bewusst Handwerkliches ausstrahlen. Denn aus einer eben solchen Handwerksfamilie stammt Brosinski auch selbst. Hinterfragen & Verstehen Wenn jeder Strich von Bedeutung ist. Bild: Jenny Brosinski, Talk To Myself For Hours, 2024 Natürlich hinterfrage auch sie immer mal wieder ihr Schaffen und habe Zweifel, erzählt Brosinski im Gespräch. Doch gerade diese Momente versuche sie in ihrer Arbeit zu manifestieren, und oftmals liege gerade hier, in den unerwarteten Wendungen und dem Unerklärlichen, das, was sie am Malen wirklich liebe. So steht man innerhalb der Ausstellung beispielsweise einer fast vier Meter hohen Leinwand gegenüber, an deren Spitze eine Art pinke Wolke thront. Gerade auf dieser Größe bleibt vieles der ursprünglichen Leinwand frei und erkennbar. Für Brosinski sei gerade eine solche Entscheidung total wichtig, weil eben diese Nichtanwesenheit einen klaren Kontrast zu einem vor Selbstbewusstsein strotzenden, einnehmenden Auftreten anderer Werke dieser Größe darstelle. Ein Zulassen des Zweifels, des Nachdenkens und Reflektierens in Form einer Leinwand, der der entsprechende Raum verliehen wird, den es benötigt. Denn sind nicht auch wir oftmals viel mehr mit uns selbst im Zweifel, als wir es nach außen zugeben möchten? Auch stehe sie ganz bewusst in einem inneren Austausch mit ihren Arbeiten darüber, wann der richtige Zeitpunkt gekommen sei, sie loszulassen. Ein Entscheidungsprozess, der sich auch über längere Zeit hinweg abspielen kann, weshalb sie immer an mehreren Werken zur selben Zeit arbeite und zwischen Leinwänden, Zeichnungen oder auch Skulpturen rotiere. Dieser Abstand von Zeit zu Zeit sei auch deshalb wichtig, um immer wieder einen klaren Blick für die wesentlichen Dinge zu finden, denn gerade wenn eben so vermeintlich wenig auf den Leinwänden passiere, wie es bei ihr der Fall sei, stehe natürlich jeder Strich, jede Entscheidung viel stärker auf dem Prüfstand, und nichts könne man wirklich vor den Augen der Betrachtenden verstecken. Ihr persönlicher Anspruch ist, dass diejenigen, die ihre Kunst betrachten, die Möglichkeit haben, das gleiche Verständnis wie sie selbst für ihre Arbeiten zu entwickeln. Das fehlende Puzzleteil Obwohl in ihrem Atelier oftmals eher die Stille vorherrsche und der Fokus möglichst immer auf ihren Arbeiten stehe, sei es trotzdem nach Abschluss eines Bildes oftmals die Musik, die ihr zufällig in der Welt begegne und sich wie das letzte, entscheidende und fehlende Puzzleteil einfüge und so mehrfach bereits die Grundlage ihrer Werktitel wurde, wie auch in der aktuellen Ausstellung der Fall. So tragen gleich mehrere Arbeiten Einzelreferenzen zu Songs von Miley Cyrus im Titel und eröffnen dabei natürlich die Frage einer innerlichen Zugehörigkeit, die zudem eine Brücke zwischen Pop- und Hochkultur schlägt. Eine Vase? Oder doch nur ein Pinselstrich? Bild: Jenny Brosinski, I Can Take Myself Dancing, 2024 Wir sollten es uns also nie zu einfach machen. Denn „Funny Bone“ ist ein fantastisches Beispiel dafür, was passiert, wenn wir uns selbst und unsere Wahrnehmungen herausfordern, uns auf Werke einlassen und uns die Zeit geben zu verweilen. Brosinski selbst fragte sich als Kind immer, was sich wohl in ihrem Bilderbuch hinter dem Lebkuchenhaus der Hexe bei Hänsel und Gretel verberge und erdachte sich, was sie wohl dort erwarten würde. Wir sollten es Brosinski gleichtun und ebenfalls unseren Blick auf die Ebenen richten, die hinter dem liegen, was wir auf der vermeintlichen Oberfläche der Kunst zu erkennen glauben. Wir wünschen viel Spaß bei der Ausstellung! Mehr Infos zu Jenny Brosinski gibt es hier: https://jennybrosinski.com/
- PODCAST: FOLGE 31
„Weil die Kunst zum Leben gehört“. Dieser Satz springt einem förmlich entgegen, wenn man die Internetseite des Werkschule - Werkstatt für Kunst und Kulturarbeit e.V. aufruft. Hier steht also ganz klar eine Überzeugung im Mittelpunkt allen Handelns. Wie die Werkschule diesem Gedanken bereits seit 1983 gerecht wird und dabei sogar noch mit den Internationalen Keramiktagen eine Veranstaltung geschaffen hat, deren Ruf weit über die Grenzen der Stadt und Deutschlands hinaus ragt, darüber haben wir mit der Geschäftsführerin der Werkschule, Nicola Heppner, in dieser Folge Kulturschnack gesprochen. Seit über 40 Jahren gelingt es der Werkschule die Kraft und Bedeutung von Kunst den Menschen im wahrsten Sinne „greifbar“ zu machen. Sie dient als Ort, an dem Kreativität auf Leidenschaft trifft, an dem etablierte, schaffende Künstlerinnen und Künstler auf Kunstbegeisterte treffen, die die Neugierde antreibt. Dabei entstehen unter anderem Gemeinschaften, die über Jahrzehnte von Bestand sind, für alle Beteiligten Reflexion ermöglichen, Routinen schaffen und einen Gegenpol, eine Entschleunigung zum sonstigen Alltag bieten. Denn das vielfältige Kursprogramm, das von Zeichnen, Malerei, Bildhauerei, Fotografie bis hin zur - natürlich - Keramik reicht, bietet den Teilnehmenden die Möglichkeit, sich unter Anleitung künstlerisch auszuprobieren, eigene kreative Visionen umzusetzen und gleichzeitig in den direkten Austausch zu gehen, was besonders in einem immer digitaleren Zeitalter einen kostbaren Wert für viele von uns darstellt. Das liest sich zwar bereits alles wunderschön, doch wir haben bei Nicola Heppner als Geschäftsführerin mal nachgefragt, wie das alles in der Praxis wirklich funktioniert. Kann man als völliger Neuling starten oder braucht es doch ein gewisses Maß an Vorkenntnis? Wie gehe ich mit meiner Erwartungshaltung an den eigenen Fortschritt um? Wie und wo findet man eigentlich die Künstlerinnen und Künstler, die letztlich an der Werkschule unterrichten und im besten Fall zu echten Mentoren für die Kursteilnehmenden werden? Und welche Pläne und Ideen hat die Werkschule für sich selbst in der kommenden Zeit ins Auge gefasst? Hier bekommt ihr Antworten! Und selbstverständlich darf ein Thema nicht fehlen und wir sprechen über DAS Aushängeschild der Werkschule, nämlich die mit großem Erfolg verantworteten Internationalen Keramiktage Oldenburg . Das jährlich am ersten Augustwochenende stattfindende Highlight, das den Schlossplatz mit Menschen füllt und Oldenburg zu einer der renommiertesten Adressen schlechthin für Keramik in Deutschland gemacht hat, genügt den höchsten künstlerischen Ansprüchen. Nicola erzählt uns alles zu den Ursprüngen der Keramiktage und ihre gravierende Neuausrichtung, die inzwischen mit hochkarätigen Auszeichnungen ebenso wie begleitenden Ausstellungen im Landesmuseum Kunst & Kultur aufwartet. Wir wünschen euch viel Spaß mit der Folge! Wer schon immer mal selbst mit dem Gedanken gespielt hat, den Schritt in die Welt der Kunst zu wagen und wem diese Episode nun den entscheidenden Schub verpasst haben sollte, findet unter diesem Link alle notwendigen Informationen, um an einem der Kurse teilnehmen zu können: www.werkschule.de
- KOLUMNE: JAHRESZEITLICHE BEFINDLICHKEITEN
Seit Mitte 2020 schreibt Kulturschnacker Thorsten eine monatliche Kolumne für die wunderbare Theaterzeitung des Oldenburgischen Staatstheaters. Digital findet ihr sie zum Nachblättern unter www.staatstheater.de. Oder: hier. Allein im Dunkel: Dieses Gefühl kann im November durchaus aufkommen, wie hier bei „Antigone / Schwester von“. Doch wer ins Theater geht, hat immer Gesellschaft. (Bild: Stephan Walzl) Ich habe ein Geständnis zu machen: Ich mag den November nicht. Dabei weiß ich, dass auch er schöne Momente hat. Wenn die tieferstehende Sonne ihre Strahlen durch goldgelbe Baumkronen schickt oder wenn Kinder lachend ihre Drachen steigen lassen – ja, dann finde auch ich das ganz wunderbar. Aber meistens ist der November doch ziemlich nass, kalt und ungemütlich. Und wo ich schon dabei bin: Ich bin auch kein allzu großer Fan des Winters. Die drei Schneetage wiegen monatelange Dunkelheit und Frostigkeit nicht auf. Als jemand, der durchaus sein gesamtes Leben in Shorts und T-Shirts verbringen könnte, ist das Winter-Sommer-Verhältnis auf dem 53. Breitengrad absolut fragwürdig. Und nun steht all das wieder vor der Tür. Wie soll ich es nur überstehen? Jenseits der Matrix Die Antwort auf diese Frage ist überraschend simpel: Indem ich einfach das mache, was mir guttut. Und da geht mein Blick nicht etwa an die Streaminganbieter, die den heimischen Kokon mit Dauerbespaßung zukleistern. Nein, er geht zu unserer Oldenburger Kultur. Man stelle sich mal die kommenden fünf Monate vor, ohne die Möglichkeit, in Kinos, Theater, Konzertsäle, Ausstellungsräume und andere Veranstaltungshallen zu gehen. Man wäre allein mit sich in der eigenen Welt, mit dem Smart TV als abendlicher Allein-Unterhalter, der uns mit seinem unendlichen Sortiment an Serien, Staffeln, Episoden überfordert. Das Glasfaserkabel als Lebensader: An was erinnert mich das noch? Ach ja, richtig: Willkommen in der Matrix! Zum Glück sind wir von einem Leben ohne Kultur aber sehr weit entfernt. Der Sommer ist zwar längst nicht mehr jene Jahreszeit, in der Oldenburg eine große Pause macht. In Herbst und Winter nimmt die Kulturszene aber dennoch Fahrt auf: Die Programme sind prallgefüllt – spannend, unterhaltsam, interessant, relevant! Etwas anderes kommt aber noch hinzu: Menschen brauchen Orte, an denen sie zusammenkommen können. An denen sie Momente, Genüsse, Erlebnisse teilen. Und wenn diese Orte witterungsbedingt nicht die Nischen und Ecken in der Stadt sein können, dann bildet die Kultur einen sehr guten Ersatz. So wie unsere Vorfahren sich einst ums Feuer scharten, können wir dies vor den Bühnen tun. Mit den Mänteln geben wir den Winter an der Garderobe ab und können uns befreit einlassen auf das, was da kommen mag. Die Wärme kehrt zurück Als Novembernörgler habe ich mir schon ein paar Highlights rausgesucht, die diesen Monat so angenehm und inspirierend machen, wie er nur sein kann. Leider muss ich dafür auch mal raus aus Oldenburg, zum Beispiel zu DICE nach Utrecht oder zu Hot Water Music nach Hannover. Aber auch hier vor Ort gibt es sehr viel zu erleben. Das Prinzip bleibt sowieso überall dasselbe: Wenn schon das Leben nicht mehr auf den Straßen und Plätzen sattfindet, dann doch zumindest in den Sälen, Hallen, Kneipen und Clubs. Sie geben uns tatsächlich etwas von der Wärme zurück, die uns an der frischen Luft verloren gegangen ist. Und dieser Effekt ist umso wichtiger, je dunkler es draußen wird. Dunkel ist es jetzt im November in der Tat. Und nass. Und kalt. Shorts und T-Shirts müssen wieder in den Schrank, es beginnt die Zeit der Pullis und Parkas. Aber: Das ist halb so schlimm. Denn ich weiß, dass ich auch bei fünf Grad und Nieselregen tolle Möglichkeiten habe, die mir all das geben können, was mir draußen fehlen wird. An meinen jahreszeitlichen Befindlichkeiten wird sich zwar nichts ändern. Aber solange die Oldenburger Kultur so hell strahlt, fällt mir das Warten auf den Sommer leicht. Und außerdem hat der November ja auch schöne Momente.
- PERSPEKTIVEN AUF LEBEN UND RAUM
Was bedeutet das eigentlich - Lebensraum? In der Ausstellung "habitat" lassen uns 34 Studierende der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg an ihren künstlerischen Interpretationen dieser Begrifflichkeit teilhaben und schaffen somit vor allem eines: eines Basis für den Dialog mit sich selbst. Alles eine Frage der Perspektive! Grafik: Landesmuseum Natur und Mensch HABITAT - KÜNSTLERISCHE PERSPEKTIVEN AUF LEBEN UND RAUM LANDESMUSEUM NATUR & MENSCH DAMM 46 26135 OLDENBURG NOCH BIS 28. NOVEMBER DONNERSTAGS 18 - 21 UHR SAMSTAGS 13 - 17 UHR EINTRITT AUF SPENDENBASIS Habitat - das bedeutet übersetzt so viel wie "Lebensraum". Es sind Orte, die wir bewohnen, die uns prägen und die vor allem auch wir als Menschen prägen, wenn nicht sogar dominieren. Denn inzwischen gibt es vermutlich kaum noch einen Lebensraum auf dieser Erde, der frei von menschlichem Einfluss existiert. Doch was gibt es womöglich alles zu entdecken, wenn wir den Versuch wagen eine Ebene tiefer auf diese Thematik zu blicken? Was bedeutet es genau, wenn wir sagen, ein Raum sei unser Habitat? Eine gleichnamige Ausstellung nimmt sich dieser Frage an und zeigt dabei auf, wie vielfältig und komplex dieser Begriff sein kann. 34 Studierende der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg präsentieren hierzu in einer Zusammenarbeit zwischen dem Institut für Kunst und visuelle Kultur mit dem Landesmuseum Natur und Mensch ihre künstlerischen Interpretationen. Räume werden zu Kunstobjekten Die Nerven liegen, im wahrsten Sinne, blank. Foto: Institut für Kunst und visuelle Kultur, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg In den meisten Fällen ist es so: es existiert ein künstlerisches Werk, dieses soll ausgestellt werden und hierzu wird eine Ausstellungsfläche benötigt. Das Werk fügt sich am Ende des Tages dem zur Verfügung stehenden Raum. Doch das Besondere an dieser Ausstellung ist nicht nur der Inhalt, sondern auch der Ort selbst: Die leerstehenden Räume, die sich neben dem eigentlichen Landesmuseum Natur & Mensch befinden, dienen in Form einer kreativen Zwischennutzung als Inspiration und Leinwand zugleich. Eine Symbiose aus Raum und Werk entsteht, weil sich beides bereits mit Entstehung bedingt. Die Studierenden nutzen diese ungewöhnliche Umgebung, um ihren Werken eine eigene Stimme zu geben. So wird das Gebäude zum metaphorischen Habitat der Kunst – ein Raum, der auf vielfältige Weise bespielt wird, bevor er sich selbst verändert. Die Ausstellung spielt mit der Grenze zwischen physischem und psychischem Raum. Ausgehend von den Medien Skulptur und Fotografie loten die beteiligten Künstlerinnen und Künstler verschiedene Facetten aus: Was bedeutet Heimat? Wie beeinflusst die Stadt unser Zusammenleben? Und wo beginnt der Körper als Habitat? Dabei spielt die Balance sozialer Gefüge eine wichtige Rolle und so bildet die Ausstellung weit mehr ab als nur Räume und Objekte. Eine Frage der Fragilität Die hier zu sehenden Werke fühlen sich an wie eine Einladung zu Auseinandersetzung, ein Stein des Anstoßes zu Thematiken wie Familien, Stadtgesellschaften, dem eigenen Ich. Fragilität scheint dabei immer wieder ein zentrales Thema zu sein, denn die Art und Weise, wie wir uns in einer Welt verorten, die sich ständig wandelt, lässt am Ende die Frage übrig: Wie sicher können wir uns unserer Habitate überhaupt sein? Ist nicht vielmehr der Wandel das prägende Motiv unserer Zeit, das Manövrieren durch Umbrüche sowie Ungewissheiten oftmals zum eigentlichen Habitat geworden? Das Versprechen von Gemütlichkeit, oder etwa nicht? Foto: @habitat.ausstellung In der Ausstellung begegnen einem dafür immer wieder interessante und ungewöhnliche Umsetzungen. So findet sich etwas eine Art Sofa, das in unserer Gesellschaft schlichtweg als das Versprechen auf Gemütlichkeit, auf Entspannung überhaupt gilt. Doch kaum lässt man sich nieder, findet man keinerlei bequeme Position und man versinkt förmlich, fühlt sich erdrückt. Ein Versprechen, das also am Ende in völliger Dissonanz zum eigentlichen Erlebnis steht. Oder man schreitet durch den Flur der Ausstellungsräume und wird von einer Lichtinstallation an der stark abgehängten Decke in Empfang genommen, die in rot aufleuchtenden Strängen, auf uns herabdrückt und so wunderbar als Verbildlichung unseres Nervensystems dient, dass aus dem Inneres heraus unser Äußeres Sein beeinflusst. Man sollte den Besuch von "habitat" also viel weniger als etwas Passives oder Konsumierendes, sondern viel eher als einen proaktiven Dialog über unser aller Leben und die Räume, die wir bewohnen verstehen, der eine bereichernde Auseinandersetzung mit sich selbst bewirkt. Ein Dialog, der sich lohnt! Auf der Instagram Seite zur Ausstellung findet ihr weitere Informationen: @habitat.ausstellung
- OPEN STAGE DELUXE
Offene Bühne: das bedeutet, sich einfach mal auszuprobieren, sein verstecktes Talent einem Publikum zu präsentieren, das selbst nicht genau weiß, ob nicht vielleicht bereits beim nächsten Auftritt schon schlichtweg die zukünftige Entdeckung der Unterhaltungskunst überhaupt aufwartet. Da liegt der Reiz auf der Hand, sowohl für Zuschauende aber auch diejenigen auf der Bühne stehen! Das weiß auch das Team der Sparte 7 und veranstaltet eine Open Stage der absoluten Extraklasse. Weshalb? Das lest ihr hier! Das könnte DEIN Moment sein! Foto: Kulturschnack SPARTE 7 - OPEN STAGE 01. OKTOBER 2024 / 20:00 UHR EXHALLE JOHANNISSTRAßE 6 26121 OLDENBURG ZEITFENSTER: 7 MINUTEN ANMELDUNG MIT BEITRAG BIS ZUM 15. OKTOBER UNTER: SPARTE7@STAATSTHEATER.DE Ein dunkler, verrauchter Club, vielleicht eine kleine Bar in einer belebten Ecke der Stadt, wo sich Künstlerinnen und Künstler sowie Amateure gleichermaßen in gemütlicher Atmosphäre einfinden. Die Bühne ist vielleicht nur eine kleine Erhebung, gerade groß genug für einen Mikrofonständer und eine Gitarre, und das Publikum lauscht in gedämpftem Licht. Wer glaubt, dass es sich auch bei dieser offenen Bühne der Sparte 7 um ein solches, vermeintliches Klischee handelt, wird in der Exhalle des Oldenburgischen Staatstheaters eines Besseren belehrt. Hier habt ihr die fantastische Gelegenheit am Abend des 01. November um 20 Uhr einen Platz zu ergattern und auf einer Bühne zu performen, die ihres Gleichen sucht. Denn euch steht eine gigantische Leinwand zur Verfügung, die ihr nach Belieben nutzen könnt und euch vollkommen neue, kreative Möglichkeiten eröffnet: egal ob Bilddateien oder Videoclips – der Fantasie zur Gestaltung eures eigenen, digitalen Bühnenbildes sind keine Grenzen gesetzt. Musik, Stand-up-Comedy, aber auch visuelle Kunst, oder experimentelle Performances, die digitale und analoge Kunst miteinander verschmelzen wollen, finden hier ihren Platz. "Wir wollen gezielt diesen Raum nutzen um für uns auszuloten, wie wir die Sparte 7 auch in digitaler Hinsicht denken können", erzählt Verena Katz im Gespräch. Lasst euch deshalb diese Chance nicht entgehen, nehmt all' euren Mut zusammen und schreibt die Mail, die vielleicht der Start von etwas Großem sein könnte - wer weiß. Wir sind uns sicher: es wird toll! Euch sagt die Sparte 7 noch nichts? Gar kein Problem, hier haben wir eine Podcastepisode für euch, in der ihr sowohl die Sparte als auch das Team hinter dieser besser kennenlernt:
- KOLUMNE: ZU UNSEREM BESTEN
Seit Mitte 2020 schreibt Kulturschnacker Thorsten eine monatliche Kolumne für die wunderbare Theaterzeitung des Oldenburgischen Staatstheaters. Digital findet ihr sie zum Nachblättern unter www.staatstheater.de. Oder: hier. Immer in Bewegung: Theater ist ein Aktivposten unserer Gesellschaft - nicht nur auf der Bühne, sondern auch in unseren Köpfen. (Bild: Stephan Walzl) Was Theater mit uns machen kann Was erwarten Sie, wenn Sie ins Theater gehen? Auf was freuen Sie sich am meisten? Vielleicht eine kurze Auszeit vom Alltag, die uns in eine andere Welt entführt, in denen Probleme und Sorgen ganz weit weg erscheinen? Gute Unterhaltung, die ihnen ein positives Gefühl gibt und vielleicht zwei, drei Schmunzler ins Gesicht zaubert? Oder hochklassige Darbietungen der beteiligten Akteur:innen, die Sie vollauf genießen können und die Sie vielleicht sogar in fasziniertes Erstaunen versetzt? All das wäre verständlich - und häufig ist es wohl eine Mischung aus allem. Aber: Es gibt sogar noch mehr. Nämlich eine Facette, die ich persönlich sehr wichtig finde, weil ich schon oft die Erfahrung gemacht habe, dass Theater dadurch lange in meinem Kopf nachhallt. Wovon ich rede? Von der gesellschaftlichen Bedeutung des Theaters. Ich gebe zu: Das klingt erstmal etwas spröde. Doch es ist das Gegenteil. Denn ich denke dabei nicht an den mahnend erhobenen Zeigefinger, der auch auf einer Bühne unangenehm überheblich wirken würde. Ich denke stattdessen an die feinen Beobachtungen von sublim verlaufenden Veränderungen, das genaue Gespür für Zusammenhänge und Folgewirkungen, die klugen Analysen von Veranlagung und Verhalten und nicht zuletzt die philosophischen Gedankenspiele, die uns das Theater bietet. Denn mit alledem gelingt ihm ein Spagat, den niemand sonst schafft: Die nahtlose Verbindung zwischen Ratio und Emotio, zwischen Verstand und Gefühl. Klarheit und Katharsis Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich frage mich: Wie oft habe ich schon im Theater gesessen und war ergriffen von Gedanken, die ich theoretisch auch zu jedem anderen Zeitpunkt hätte haben können, aber nur dort hatte? Wie oft habe ich dabei eine Klarheit gefühlt, die sich im Alltag in dieser Form nie einstellen wollte? Und wie oft hatte dieses Gefühl eine geradezu körperliche Dimension, die – ich übertreibe jetzt mal ein bisschen – beinahe wie eine Katharsis wirkte? Das kann kein Zufall sein: Theater hat tatsächlich eine völlig andere Wirkungsmacht als Nachrichten, als Faktenwissen, als Datenlagen. Es wirkt viel tiefer, als jede Zahl es könnte. Und geradezu erstaunlich ist es, dass diese Wirkung nicht mit den Erwartungen konkurriert, die ich im ersten Absatz aufgezählt habe. Nein, all das fließt zusammen und ergibt am Ende das, was wir alle so sehr lieben: Eine Theaterwelt, die gleichzeitig nah genug ans uns dran und weit genug von uns weg ist, um uns tief zu berühren, ohne dabei plakativ zu sein. Sie wissen schon: Der Zeigefinger. Nun wäre all das nur eine nette Facette, die das Theatererlebnis lediglich ergänzt, wäre da nicht die Langzeitwirkung. Denn es bleibt ja nicht bei den intensiven Momenten im Dunkel des Saals. Was in diesen Augenblicken mit uns passiert, das verändert etwas. Das verändert uns. Weil wir eben nicht alles wieder löschen, wenn das Licht angeht – als wäre es nie dagewesen. Wir nehmen es mit nach Hause, gehen mit ihm um, denken es weiter, verinnerlichen es. Und das ist es, was Theater doppelt wichtig macht. Auch ohne diesen Effekt würde es jede Daseinsberechtigung genießen. Doch mit ihm gewinnt es das, was ich anfangs als spröde beschrieben habe: eine gesellschaftliche Bedeutung. Wirkung im Innersten Ich fand das immer wichtig. Ich ertappe mich aber dabei, dass ich es immer wichtiger finde. Wenn ich mir eine Vielzahl an Entwicklungen in unserem Land anschaue, die immer wieder auf Zuspitzungen und Polarisierungen zulaufen, dann wünsche ich mir mehr Feingefühl, mehr Zwischentöne, mehr Offenheit und mehr Einsicht. Man darf nicht erwarten, dass Schulen, Marktplätze und Soziale Medien als Orte der Begegnung und des Austauschs für eine Lösung sorgen. Zumal es allzu oft an jener Fähigkeit mangelt, auf die es ankommt: Die Herzen zu berühren. Und damit Verständnis und Empathie zu erzeugen. Theater kann das. Mehr noch: Es ist seine Kernkompetenz. Es erreicht unser Innerstes – und kann deshalb dort Wirkung entfalten. Deshalb lautet mein Rat an uns alle: Lasst uns ins Theater gehen. Nicht als vierteljährliches Ritual, sondern so oft wie möglich. Lasst uns ansehen, was wir bisher nicht für uns entdeckt haben. Seien wir offen für Anderes, für Neues, für Experimente. Lasst uns immer wieder neu empfinden, was Theater mit uns machen kann. Und brechen wir einfach mal mit den Erwartungen, die wir ans Theater haben, und saugen wir das Unerwartete auf. Denn ich glaube: Das kann nur zu unserem Besten sein.
- DIGITALOG LIVE: DESINFORMATION
2024 ist ein Jahr der Wahlen. National aber auch international. Dabei wird mehr als deutlich: Desinformationen werden immer stärker zu einem bestimmenden Faktor und nehmen zunehmend Einfluss auf die politische Willensbildung und uns als Gesellschaft im Allgemeinen. Deshalb widmeten wir uns dieser Thematik in einer weiteren Ausgabe unseres Digitalog Formats, erneut als Live-Aufzeichnung aus dem Oldenburger Computer-Museum . Wie immer möchten wir uns hierzu mit den zentralen Fragen der Digitalität auseinandersetzen, deren Einfluss auf unsere Gesellschaft abbilden, ohne dabei in Schwarzweißmalerei zu versinken. Auch das Feld der Desinformation ist dabei ein so weit gefächertes, dass wir uns der Thematik anhand der konkreten Beispiele „Deep Fakes“ und „Fake News“ nähern, die prägende Elemente innerhalb des Bereichs darstellen. Denn in einer zunehmend digitalisierten Welt spielen soziale Netzwerke und Online-Plattformen eine zentrale Rolle in der politischen Meinungsbildung. Schnell wird die aktuelle Nachrichtenlage einer immer komplexer werdenden Welt mal eben schnell über ein paar Kacheln oder Clips bei Instagram und TikTok aufgeschnappt. Das bringt zwar gewisse Vorteile mit sich, die jedoch andererseits auch den idealen Nährboden für gezielte Desinformation schaffen. Fake News – also gezielt gestreute Falschinformationen – und Deepfakes, die mithilfe von Künstlicher Intelligenz manipulierte Medieninhalte, wie gefälschte Videos oder Audiodateien, darstellen, sind dabei zwei der gefährlichsten Instrumente. Diese beiden Phänomene bedrohen nicht nur das Vertrauen in demokratische Prozesse und Institutionen, sondern beeinflussen potenziell auch Wahlergebnisse in erheblichem Maße. DIE PLAYLIST Ein Live-Podcast wäre kein Live-Podcast wenn es nicht auch die Möglichkeit gäbe, dass ihr alle bisherigen Folgen ganz nach eurem Belieben auch nachhören könnt. Hierzu haben wir euch die Digitalog Podcast-Playlist zusammengestellt, die alle bisherigen Folgen des Formats für euch bereithält. Vor dem Hintergrund der diesjährigen Wahlen in Deutschland, Österreich und den USA wurde und wird die Gefahr durch Desinformation besonders evident. Die politische Landschaft dieser Länder ist stark polarisiert, und die Verbreitung von Falschinformationen kann das ohnehin fragile Vertrauen der Wähler in die Politik weiter erschüttern. Das Ziel vieler Akteure hinter Fake News und Deepfakes ist es, Unsicherheit und Misstrauen zu säen, politische Gegner zu diskreditieren oder gezielt bestimmte Gruppen zu beeinflussen, um Wahlergebnisse zu manipulieren. Worum handelt es sich also bei diesen Phänomenen, warum werden sie eingesetzt, wie sind sie überhaupt entstanden und vor allem: wie können wir mit ihnen umgehen? All‘ diese Fragen und Aspekte werden in einer neuen Episode unter die Lupe genommen! Denn Susann Huischen und Sarah Kaltofen, Studierende der Universität Oldenburg, arbeiteten sich unter Anleitung unseres Podcast-Partners Prof. Dr. Martin Butler in den vergangenen Wochen intensiv in die Thematik ein, um ihr Wissen in dieser Folge mit euch zu teilen. Und aufgepasst: wer die ersten Aufzeichnungen im Oldenburger Computer-Museum verpasst hat, hat in diesem Jahr noch eine letzte Gelegenheit! Am 05. Dezember , um 19 Uhr werden wir uns erneut bei freiem Eintritt zusammenfinden und gemeinsam über Digitale Teilhabe sprechen.











