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DER PULVERTURM GEHT TAUCHEN

vor 3 Stunden
6 Min. Lesezeit

Rote Backsteine, Kegeldach, ein bisschen schief: Das ist der Oldenburger Pulverturm. Er steht am Schlosswall, mitten in der Stadt, aber er wird dennoch häufig übersehen, die meisten Passant:innen laufen achtlos dran vorbei. Wir finden: Das ist ein Fehler! Wer die Tür offen sieht, sollte die Gelegenheit unbedingt wahrnehmen und reingehen. Denn man betritt nicht nur fünf Jahrhunderte Geschichte – sondern auch eine Ausstellung.


gerahmte bilder
Sieht von außen ziemlich wehrhaft aus. Im Inneren wird’s allerdings überraschend kunstvoll. (Bild: Kulturschnack)

Was ist eigentlich ein Pulverturm?


Wer durch den Nordwesten reist, begegnet ihnen öfter als man denkt: massiven, runden Türmen aus Backstein, meistens etwas abseits der alten Stadtmitte. Pulvertürme gehörten damals zur Grundausstattung einer Stadtbefestigung. Da befinden wir uns übrigens im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit, also in einer Zeit, in der Gutenberg den Buchdruck verbreitete, Martin Luther seine 95 Thesen anschlug und Kanonen die Kriegsführung veränderten. Plötzlich musste Schießpulver sicher gelagert werden und zwar möglichst weit weg von den Häusern. Wuchtige Mauern, wenig Fenster: Sicherheitsarchitektur des 16. Jahrhunderts sozusagen.


„Großer Zwinger vor dem Eversten Tor" hieß er einmal. Heute kennen ihn die meisten als Bushaltestelle mit direkter Verbindung in die Innenstadt. (Bild: Kulturschnack)
„Großer Zwinger vor dem Eversten Tor" hieß er einmal. Heute kennen ihn die meisten als Bushaltestelle mit direkter Verbindung in die Innenstadt. (Bild: Kulturschnack)

Dass so viele von ihnen heute noch stehen, liegt an genau dieser Bauweise: zu dick, zu massiv, zu teuer zum Abreißen. So wurden aus Munitionslagern Kulturorte, Restaurants, Wohngen, Museen. In Oldenburg ist es ein Ausstellungsraum geworden. Wir finden, einer der atmosphärischsten, die man sich vorstellen kann.



1529: Ein Graf rüstet auf


Der Oldenburger Pulverturm wurde 1529 unter Graf Anton I. errichtet. Die Kriegsführung veränderte sich damals rasant – schwerere Kanonen erforderten wuchtigere Befestigungen – und Oldenburg brauchte ein Upgrade seiner Stadtmauern. Damals hieß das Gebäude noch „Großer Zwinger vor dem Eversten Tor": ein flacher, offener Rundbau aus roten Klosterziegeln, ohne Dach, mit einer Wandstärke von knapp 1,60 Metern. Gebaut, um schwerem Beschuss standzuhalten. Das charakteristische Kegeldach kam erst im frühen 17. Jahrhundert hinzu, unter Graf Anton Günther, der den Turm auch zum offiziellen Pulvermagazin umgestalten ließ. Seitdem trägt er seinen heutigen Namen.


Ein kleines Kuriosum am Rande: Der Turm steht heute leicht schief. Die Bodenabsenkungen, die dazu geführt haben, entstanden schon kurz nach dem Bau und das weiche Oldenburger Moor tat sein Übriges. Oldenburg hat also seine eigene, sehr viel unbekanntere Version des Schiefen Turms von Pisa.



Einfach dran vorbei: Viele Passant:innen nehmen den Pulverturm nicht bewusst wahr - wie hier im Herbst 2023. (Bild: Kulturschnack)
Einfach dran vorbei: Viele Passant:innen nehmen den Pulverturm nicht bewusst wahr - wie hier im Herbst 2023. (Bild: Kulturschnack)

Der Pulverturm als Kühlschrank?


Als die Festungsanlagen Ende des 18. Jahrhunderts verschwanden und rund um das Schloss der Schlossgarten entstand, stellte sich eine ziemlich praktische Frage: Was macht man eigentlich mit einem massiven Backsteinturm, den man nicht mehr braucht, aber auch nicht einfach abreißen kann? Man machte ihn zum Kühlschrank!


Im Spätwinter holten Arbeiter Eisschollen aus der nahen Hunte und stapelten sie im Inneren des Turms. Die dicken Mauern halfen dabei, die Kälte möglichst lange zu speichern. So wurde aus dem ehemaligen Pulverturm so etwas wie der Tiefkühler der Herzöge – nur eben ohne Strom und mit deutlich mehr Muskelkraft beim Einräumen.

Das Eis hielt sich bis weit in den Sommer und sorgte dafür, dass im nahegelegenen Residenzschloss Lebensmittel und Vorräte schön kühl und länger frisch blieben. Heute würden wir einfach den Gefrierschrank aufmachen. Damals musste man dafür im Winter erst einmal einen Fluss voller Eisplatten plündern.


Neben dem Pulverturm sind Reste der historischen Stadtmauer freigelegt. So versteht man, wie massiv diese Befestigung einmal gewesen sein muss. (Bild: Kulturschnack)
Neben dem Pulverturm sind Reste der historischen Stadtmauer freigelegt. So versteht man, wie massiv diese Befestigung einmal gewesen sein muss. (Bild: Kulturschnack)

Dass der Turm diese etwas ungewöhnliche Zweitkarriere überhaupt erleben konnte, verdankt er unter anderem einem Großherzog des 19. Jahrhunderts. Der hatte offenbar mehr Sinn für historische Bausubstanz als seine Vorgänger und verhinderte den Abriss. 1966 kam dann der offizielle Denkmalschutz.


Und sogar die Nordwest-Zeitung setzte dem Pulverturm ein kleines Denkmal: Sie benannte ihre zweibändige Dokumentationsreihe über verlorene und gefährdete Oldenburger Bauwerke nach ihm. Der Pulverturm wurde damit zum Namensgeber für eine Reihe über all das, was in Oldenburg schon verschwunden ist und was es deshalb umso mehr zu bewahren gilt.




Da ist ein riesiges Loch im Boden!


Mit 45 Jahren hat Adolf Luther seinen Richterposten hingeschmissen, um Lichtkünstler zu werden. Wir finden: Keine schlechte Entscheidung. (Bild: Brigitte Müller-Fehn in "Mondprojekt" Pulverturm Oldenburg)
Mit 45 Jahren hat Adolf Luther seinen Richterposten hingeschmissen, um Lichtkünstler zu werden. Wir finden: Keine schlechte Entscheidung. (Bild: Brigitte Müller-Fehn in "Mondprojekt" Pulverturm Oldenburg)

Nach der großen Restaurierung 1995/96 bekam der Pulverturm eine neue Aufgabe: Am 14. Juni 1996 eröffnete er offiziell als Kulturort. Zur Premiere gab es eine Klanginstallation des Musikers Jens Carstensen, der im Gewölbe Töne erzeugte und damit den Turm selbst zum Instrument machte.


Aber eigentlich hatte die Kunst den Pulverturm schon früher entdeckt. Einer der ersten war der Lichtkünstler Adolf Luther, ein wichtiger Vertreter der Zero-Bewegung. Die Künstler dieser Bewegung experimentierten in den 1960er- und 70er-Jahren mit Licht, Bewegung und Raum und Luther fand im Pulverturm offenbar genau das, was er suchte.


Als er das Gebäude zum ersten Mal betrat, beschrieb er es als


„einen uralten Turm, fremd und geradezu orientalisch, wie eine Erinnerung an die Zukunft der Vergangenheit, ein Kugeltopf aus Backstein“.

Dann fiel sein Blick auf den Boden. Dort entdeckte Luther eine kreisrunde Öffnung, die den Keller mit dem oberen Raum verbindet. Für ihn wurde dieses Loch zum Ausgangspunkt für ein Lichtkunstwerk: Im Keller platzierte er eine Lichtquelle, die ihren Strahl durch die Öffnung nach oben schickte. An der Kuppeldecke brachte er ein drehendes Hohlspiegelobjekt an, das das Licht wieder nach unten lenkte. Plötzlich standen die Besucherinnen und Besucher nicht mehr vor einem Kunstwerk. Sie standen mitten im Kunstwerk.





Keramik? Hier wirkt sie ganz anders


1996 startete im Pulverturm „Keramik im Pulverturm“ – und damit ein Förderpreis, der junge Keramikkünstlerinnen und -künstler auszeichnet. Jeden Sommer bekommt eine:r von ihnen den ganzen Turm für eine Einzelausstellung.


Keramik klingt erst einmal nach Schalen und Blumentöpfen. Doch was hier im Pulverturm gezeigt wird, hat damit oft nur noch wenig zu tun. Noch Mitte der 1990er-Jahre war die Idee, Keramik als zeitgenössische Kunst zu präsentieren, ziemlich gewagt. Der Designkritiker Wolfgang Schmölders nannte sie damals eine „Utopie“. Heute wissen wir: Die Utopie hat ziemlich gut funktioniert.


So sieht es aus, wenn 500 Jahre Backsteinmauer auf zeitgenössische Keramik treffen – hier anlässlich von 25 Jahren Förderpreis Keramik im Pulverturm. (Bild: Stadtmuseum Oldenburg)
So sieht es aus, wenn 500 Jahre Backsteinmauer auf zeitgenössische Keramik treffen – hier anlässlich von 25 Jahren Förderpreis Keramik im Pulverturm. (Bild: Stadtmuseum Oldenburg)

Aino Nebel spannte 2004 hauchdünne Porzellanfäden durch den Turm, Mendy Arp ließ 2005 unter Schwarzlicht einen leuchtenden Mikrokosmos aus Korallen und Meereslebewesen entstehen. Der Künstler David Rauer verwandelte den Pulverturm 2017 mit bunten Pop-Art-Keramiken, Emojis und Konfetti-Glasuren in eine Art begehbaren Comic. Das Spannende dabei: Die Künstlerinnen und Künstler stellen ihre Arbeiten nicht einfach irgendwo hin. Sie beziehen den ungewöhnlichen Raum mit ein und machen ihn selbst zum Teil der Kunst.


Kuratorin Dr. Sabine Isensee, die das Programm seit vielen Jahren betreut, beschreibt den Reiz des Ortes so:


„Der mittelalterliche Pulverturm am Schloßwall ist ein wunderbar atmosphärischer Ausstellungsort. Jedes Jahr im Sommer kuratiere ich dort mit Begeisterung den Förderpreis für Keramik. Junge begabte Bildhauerinnen und Bildhauer erhalten dann die Möglichkeit, ihre innovativen Werke dem Publikum in einer Einzelausstellung vorzustellen. Es ist für mich immer wieder ein besonderes Erlebnis zu sehen, wie sich der Pulverturm dann in einen inspirierenden Kunstort verwandelt.“


Aktuell: Unterwasserwelten im Pulverturm


Im Sommer bespielt das Haus für Medienkunst Oldenburg den Turm mit einem anderen Format: Videoinstallationen. Das funktioniert, weil der Pulverturm offenbar für beides gut ist: für Keramik, die den Raum atmet, und für Geschichten in bewegten Bildern.


Toller Ausstellungsraum: Bei „All the worlds protests“ war im Jahr 2022 die gesamte Gewölbedecke mit Bildschirmen bedeckt. (Bild: Kulturschnack)
Toller Ausstellungsraum: Bei „All the worlds protests“ war im Jahr 2022 die gesamte Gewölbedecke mit Bildschirmen bedeckt. (Bild: Kulturschnack)

Wer gerade durch den Pulverturm läuft, sollte an einer Stelle unbedingt nach unten schauen. Denn genau dort, wo Adolf Luther einst mit Licht experimentierte, öffnet sich heute ein Blick in eine ganz andere Welt: eine Welt unter Wasser. Noch bis zum 1. November 2026 zeigt das Haus für Medienkunst hier „Wreckage“, eine ortsspezifische Videoinstallation der dänisch-südkoreanischen Künstlerin Jane Jin Kaisen. Der ungewöhnliche Turm ist dabei mehr als nur Kulisse!


Kaisen ist Nachfahrin der Haenyeo, der berühmten Seefrauen von der koreanischen Insel Jeju. Seit Jahrhunderten tauchen die Frauen dort ohne moderne Tauchausrüstung nach Muscheln, Seeigeln und anderen Meeresschätzen. Kaisen hat sich über viele Jahre mit ihrer Geschichte beschäftigt, aber auch mit den dunklen Kapiteln der koreanischen Vergangenheit und dem Jeju-Massaker von 1948/49.


Jetzt im Pulverturm: Jane Jin Kaisen hat für „Wreckage" fünfzehn Jahre geforscht – über die Haenyeo-Taucherinnen, über Korea, über das, was im Meer versinkt und was bleibt. (Bild: Kulturschnack)
Jetzt im Pulverturm: Jane Jin Kaisen hat für „Wreckage" fünfzehn Jahre geforscht – über die Haenyeo-Taucherinnen, über Korea, über das, was im Meer versinkt und was bleibt. (Bild: Kulturschnack)

Daraus sind drei Videoinstallationen entstanden. Zwei davon werden oben unter der Kuppel gezeigt. Für die dritte muss man den Blick nach unten richten: Ihre Bilder erscheinen im Keller des Turms und sind nur durch das runde Loch im Fußboden zu sehen.

Und plötzlich schauen wir hier mitten in die Tiefe.


Oben der alte Backsteinturm, unten das Wasser. Licht, Bewegung, Bilder und dazwischen diese schmale Öffnung, durch die man in eine andere Welt blickt. Was Adolf Luther vor Jahrzehnten mit Licht ausprobierte, macht Jane Jin Kaisen heute mit Wasser: Sie verbindet die verschiedenen Ebenen des Turms und lässt den Blick nach unten wandern.

Die Soziologin Avery Gordon beschreibt Kaisens Arbeit als einen Ort zwischen Wasseroberfläche und Wassertiefe, zwischen dieser Welt und der Unterwelt.


Das klingt zunächst ziemlich theoretisch. Im Pulverturm braucht es dafür aber gar nicht viele Worte. Man kommt in den Raum und versteht es sofort.


JANE JIN KAISEN: WRECKAGE


BIS 1. NOVEMBER 2026


PULVERTURM

26121 OLDENBURG


FREITAG 14–18 UHR

SAMSTAG & SONNTAG 11–18 UHR


EINTRITT FREI


Wer hier auf den Bus wartet, steht vor vielen hundert Jahren Stadtgeschichte. (Bild: Kulturschnack)
Wer hier auf den Bus wartet, steht vor vielen hundert Jahren Stadtgeschichte. (Bild: Kulturschnack)

Wart ihr schon mal im Pulverturm?


Falls nicht, wäre es jetzt eine richtig gute Gelegenheit. Der Pulverturm ist nicht nur eine Bushaltestelle, von der man schnell in die Innenstadt kommt. Er ist ein Raum, der sich mit jedem Kunstwerk neu erfindet und der gleichzeitig immer er selbst bleibt. Fünfhundert Jahre Backsteinmauern, eine Kuppel, die jeden Klang anders zurückwirft.


Also: ein bisschen Zeit mitbringen. Die Videos von Jane Jin Kaisen laden zum Hinschauen und Abtauchen ein. „Wreckage“ läuft noch bis zum 1. November 2026 und der Eintritt ist frei!




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