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POPSTARS DER KUNST

Im Museum sieht man immer doppelt. Nicht etwa, weil vorab ein kleiner Umtrunk als Inspiration hilfreich wäre. Sondern weil der Blick stets auf zwei Ebenen fällt: auf die ausgestellten Werke - und auf eine Welt jenseits davon, die sich durch Kontexte und Assoziationen ergibt. Dieses Prinzip gilt ganz besonders für die Ausstellung „Metablau und gestautes Grün“, denn sie bietet Druckgrafik der Weltklasse - inklusive echter Megastars.


Ein Bild aus der Ausstellung "Metablau und gestautes Grün" im Augusteum Oldenburg
Geradezu weihevoll: Die Inszenierung der Ausstellung ist visuell sehr gelungen. (Bild: Kulturschnack)

Andy Warhol, Max Beckmann, Joan Miró: Die Namen der Künstler:innen, die in der neuen Ausstellung des Landesmuseums Kunst und Kultur zu sehen sind, lesen sich tatsächlich wie eine Art „Who is Who“ der internationalen Kunstszene des 20. Jahrhunderts. Selbst absolute Laien dürften sie bereits gehört haben - oder sogar einen Kunstdruck von ihnen besitzen.


Nun haben wir in Oldenburg die Gelegenheit, all diese Stars ihrer Zunft im Rahmen einer einzigen Ausstellung sehen zu können. Und das ist nur eine Facette - denn beinahe noch interessanter sind die Werke derjenigen Künstler:innen, deren Namen etwas weniger geläufig sind. Unter ihnen einer, dessen berühmtestes Werk ihr wahrscheinlich schon einmal in den Händen gehalten habt. Das glaubt ihr nicht? Dann wartet mal ab!


 

LANDESMUSEUM KUNST UND KULTUR


METABLAU UND GESTAUTES GRÜN: DIE GRAFIKSAMMLUNG BRIGITTE UND HANS ROBERT THOMAS


11. NOVEMBER 2023 BIS 11. FEBRUAR 2024


DIENSTAG-SONNTAG

10-18 UHR


AUGUSTEUM

26135 OLDENBURG

 

Der zweite Blick


Es gibt Ausstellungen, deren Titel glasklar kommunizieren, was die Besucher:innen zu erwarten haben. Und es gibt andere, die wenig von sich preisgeben und deren wahrer Kern erst entdeckt und ergründet werden will. Zu jenen gehört zweifellos "Metablau und gestautes Grün": Obwohl sich der Titel ganz konkret auf zwei Werke der Ausstellung bezieht, gibt er zunächst Rätsel auf. Metablau? Ist das etwa die Farbe des Facebook-Logos? Und wie bitteschön staut man ein Grün? Wer eine Antwort auf diese Fragen möchte, kommt nicht umhin, ins Augusteum zu gehen. Doch dieser Weg lohnt sich - auch aus anderen Gründen.


Ein Raum im Augustes Oldenburg mit mehreren Bildern des spanischen Künstlers Antoni Tàpies
Beeindruckend: Insgesamt 90 Werke sind zu sehen, unter ihnen mehrere von Antoni Tàpies. (Bild: Kulturschnack)

Das beginnt bereits mit der weihevollen Atmosphäre dieses Ortes. Wer bisher daran zweifelte, dass es auch die Umgebung ist, die eine Ausstellung beeinflusst, wird spätestens hier vom Gegenteil überzeugt. Wenn man die historische Treppe ins Obergeschoss hinaufgeht, lässt man das alltägliche Getöse des Wallrings hinter sich und kann sich voll einlassen auf den kommenden Kulturgenuss.


Diese Form der Fokussierung hat die aktuelle Ausstellung auch verdient, denn sie schreibt gewissermaßen das Jubliäum des Landesmuseums fort. Anlässlich des 100-jährigen Bestehens hatte es im letzten Jahr die Schau „Wundern und Staunen“ gezeigt, die weite Bereiche der regionalen Kunstgeschichte abdeckte - um dann mit der Pop-Art Mitte des letzten Jahrhunderts abzubrechen, weil das Museum hier über keine eigenen Bestände verfügt. „Wir haben mit Stolz gezeigt, was wir haben", betont Museumsdirektor Dr. Rainer Stamm. „Man hat aber auch gesehen, was fehlt.“


Eine Aldi-Tüte, gestaltet vom Künstler Günter Fruhtrunk
Tatsächlich Kunst: Ausgerechnet Aldi hatte ein Werk mit Tragegriff im Sortiment. (Bild: Shutterstock)

Promidichte: Maximum


An dieser Stelle setzt "Metablau und gestautes Grün" an. Die Ausstellung zeigt einen Querschnitt der Sammlung von Brigitte und Hans Robert Thomas. Das Paar aus dem oberpfälzischen Weiden begann Anfang der 1950er Jahre damit, zeitgenössische Druckkunst zu erwerben. Ihre Sammlung vereint Namen, bei denen nicht nur Kunstkenner:innen mit der Zunge schnalzen, sondern die auch vielen Laien geläufig sind. Selbst wer Kultur nur vom gleichnamigen Beutel her kennt, hat die Namen Andy Warhol oder Roy Lichtenstein schon mal gehört, einen Kunstdruck von Joan Miró an der Wand eines Jugendzimmers gesehen oder ein Werk des abstrakten Malers Günther Fruhtrunk in der Hand gehabt. Wie bitte? Ja, tatsächlich: Der Münchener Künstler gestaltete im Jahr 1970 nämlich die ikonische Aldi-Tüte, die erst 2018 nach fünfzig Jahren ersetzt wurde. Aus diesem Ereignis machte Schauspieler Lars Eidinger sogar ein umstrittenes Kunstprojekt.


Dass dieses "Who is who" der internationalen Grafikszene hier in Oldenburg zu sehen ist, war allerdings kaum abzusehen. Beziehungsweise bedurfte es eines gewissen Zufalls, um die ausgestellten Werke aus der Oberpfalz über Chemnitz nach Oldenburg zu holen: Rainer Stamm wurde nämlich für einen Beitrag zum Katalog für die erste „Metablau“-Ausstellung der Kunstsammlungen Chemnitz angefragt. Nach dem Tod des Sammlerpaars haben ihre Kunstwerke dort eine dauerhafte Heimat gefunden. „Als ich mir die Sammlung ansah, war ich völlig geflasht“, ist der Fachmann heute noch fasziniert. Für ihn sei sofort klar gewesen: Diese Werke müssen auch einmal in Oldenburg zu sehen sein. Dass sie chronologisch nun nahtlos an das Jubiläum anknüpfen können, sei eine glückliche Fügung gewesen.



Die beiden Kunstwerke "Metablau" und "Gestautes Grün" im Augusteum in Oldenburg.
Metablau und gestautes Grün: Wer sich richtig positioniert, kann die titelgebenden Werke gleichzeitig sehen. (Bild: Kulturschnack)

Maßarbeit für Oldenburg


Es ist jedoch nicht so, dass die Ausstellung unverändert nach Oldenburg übernommen wurde: „Wir zeigen hier keine 1:1-Kopie, wir haben eigene Akzente gesetzt“, betont Stamm. Wichtig war für den Museumsleiter zum Beispiel die Haptik: „Man kann hier zwar nichts anfassen, aber man kann den Kunstwerken sehr nahe kommen", erklärt er. In der Tat: Wer genau hinschaut, kann die Details der Druckwerke gut erkennen und bekommt dadurch sogar Hinweise darauf, wie sie entstanden sind - etwa bei Günter Ueckers Reliefgrafiken, die auch Profis noch Entdeckungen erlauben. Vom Gesamtergebnis ist der erklärte Bauhaus-Fan Stamm regelrecht begeistert: „Man spürt hier das Freisein des Sehens“, erklärt er - und benutzt dabei eine Formulierung, die auf Günther Fruhtrunk zurückgeht.


Auch die Chemnitzer Kuratorin Katrin Bielmeier ist zufrieden mit der Oldenburger Variante der Thomas-Ausstellung. Sie freue sich, dass sie nun ein zweites Mal zu sehen ist und betont, dass immerhin 90 der insgesamt 120 Werke auch an der Hunte zu sehen seien. „Es war spannend, die Ausstellung hier nochmal neu zu denken“, blickt sie auf einen interessante Tätigkeit zurück. Wie groß diese Aufgabe war, diese Ausstellung überhaupt zu kuratieren, lässt sich dabei nur erahnen. Über fünf Jahrzehnte hinweg hat das Sammlerpaar Thomas nicht weniger als zweitausend Kunstwerke zusammengetragen. In Oldenburg sieht man also nicht nur ein „Who is who", sondern auch ein „Best of“.



Auffällig: Das Plakat für die Ausstellung strahlt in die Kreuzung am Damm hinein. Höchste Zeit, seinem Ruf zu folgen. (Bild: Kulturschnack)

Parcours der Kunstgeschichte


Wer sich die Ausstellung im Augusteum anschaut, bewegt sich nicht nur durch den Raum, sondern auch durch die Zeit. Die Bandbreite der Sammlung ist sowohl inhaltlich als auch historisch enorm, sie reicht von 1909 bis 2005, deckt also trotz des Fokus auf die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts etwa hundert Jahre ab. So bildet sie nicht nur Momente, sondern auch Entwicklungen ab, die den jeweiligen Zeitgeist widerspiegeln - oder manchmal sogar vorwegnehmen.


Die Anfänge der Sammlung machten Künstler wie Max Beckmann und Marc Chagall, die zu jenem Zeitpunk bereits etabliert waren. Erst später entwickelte sich der Entdeckergeist des Sammlerpaares und es setzte immer wieder auf junge Künstler, von deren Potenzial es überzeugt war, mit denen es langen und intensiven Austausch pflegte und von deren Werken es ganze Sammlungen aufbaute.


So ist ein ganzer Raum der Ausstellung dem spanischen Maler, Grafiker und Bildhauer Antoni Tàpies gewidmet. „Mit 820 Blättern befindet sich das halbe Lebenswerk des Multitalents in der Thomas-Sammlung“, erklärt Katrin Bielmeier. Insgesamt seien etwa 1.600 Werke von ihm bekannt. Eine kleine Auswahl sehen wir nun in Oldenburg und erhalten einen guten Eindruck vom enormen Talent des 2012 verstorbenen Kataloniers. Obwohl Tàpies in der Fachwelt selbstverständlich eine Größe darstellt, gehört er zu jenen Künstler:innen, die von Laien erst noch entdeckt werden wollen. Auch dies ist eine Stärke der Ausstellung: Neben den großen Namen bleibt Raum für Entdeckungen - die sich lohnen.



Aufgeräumter Eindruck: Die historischen Räume des Augusteum ermöglichen das „Freisein des Sehens“. (Bild: Kulturschnack)


Kunstvoll komponiert


Entdeckungen ist ein Schlüsselbegriff für „Metablau und gestautes Grün“, denn sie finden hier nicht nur in Bezug auf die Künstler:innen statt, sondern auch mit Blick auf die Werke. Sie funktionieren nämlich auch allein, ohne ein erklärendes Schildchen, auf dem ein möglicherweise bekannter Name steht. Die Auseinandersetzung mit den Werken selbst ist eine deutlich spannendere Angelegenheit als manch einer zunächst vermuten würde. Die Besucher:innen sehen und fühlen hier doppelt: Man betrachtet die kunstvoll komponierten Werke, die ästhetisch unabhängig von allen Zusammenhängen ein Gewinn sind. Gleichzeitig taucht man aber auch ein in die Kontexte, stellt sich fragen nach dem „Wie“, dem „Was“, dem „Warum“. Antworten findet man nicht immer, ein Problem ist das jedoch nicht: Der Weg ist das Ziel, das Herumwandern im Raum und im Kopf ein Genuss.


Blick durch eine Tür auf Bilder des spanischen Künstlers Antoni Tàpies
Neugierig? Der Besuch der Ausstellung lohnt sich aus verschiedenen Gründen. (Bild: Kulturschnack)

Es gibt also viele gute Gründe, sich „Metablau und gestautes Grün“ noch bis zum 11. Februar im Augusteum anzusehen. Es würde eigentlich vollkommen ausreichen, einfach mal Werke weltberühmter Popstars der Kunst im Original zu sehen. Darüber hinaus lohnt sich die Ausstellung aber auch wegen der weniger bekannten Namen und der Entdeckungen, die sie ermöglichen - sowohl inhaltlicher als auch stilistischer Art. Schließlich kommt man ganz nah ran an die Werke.


Und es gibt noch einen dritten Grund für einen Besuch: Seit vielen Jahrzehnten ist Grafik- und Druckkunst in unserer Gesellschaft allgegenwärtig - manchmal so spektakulär, dass sie uns direkt ins Gesicht springt, manchmal so unauffällig, dass man sie durch die Gegend trägt, ohne es zu merken. Grund genug, sich einmal intensiver mit ihr zu beschäftigen - und im besten Sinne doppelt zu sehen.

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