DER CARL-VON-OSSIETZKY-PREIS
- 22. Apr.
- 7 Min. Lesezeit
Wer nach Oldenburg kommt, erkennt früher oder später, dass es eine besondere Verbindung zu Carl von Ossietzky geben muss. Nicht nur ist die Universität nach ihm benannt, auch die Stadt vergibt einen Preis für Zeitgeschichte und Politik, der seinen Namen trägt. Was hat es damit auf sich? Das erklären wir hier.

Nobelpreis, Sacharow-Preis, Karlspreis: Weltbekannte Auszeichnungen wie diese stehen für die Würdigung wichtiger Persönlichkeiten und setzen ein deutliches Zeichen für die Bedeutung der damit verbundenen Themen. Sie erzielen aber auch enorme Werbeeffekte für Stockholm, Straßburg und Aachen - also jene Städte, in denen sie verliehen werden. Kein Wunder, dass diese Preise aus beinahe jeder Perspektive eine hohe Wertschätzung genießen.
Und Oldenburg? Hier gibt es den Carl-von-Ossietzky-Preis. Aber was genau verleiht die Stadt da eigentlich? Worum geht es, was hat das mit Ossietzky zu tun - und was wiederum hat Ossietzky mit Oldenburg zu tun? Und was bringt das Ganze für die Stadt? Berechtigte Fragen, die wir hier zu klären versuchen - in drei übersichtlichen Kapiteln.
VERLEIHUNG DES CARL VON OSSIETZKY PREISES FÜR ZEITGESCHICHTE UND POLITIK
PREISTRÄGERIN: GÜNER YASEMIN BALCI
21, MAI 2026, 18 UHR
KULTURZENTRUM PFL PETERSTRAßE 3
26121 OLDENBURG
Kapitel 1 Warum Carl von Ossietzky?
Fangen wir mal mit dem auffälligsten an: Dem Namen. Bei Carl von Ossietzky denken die meisten heutzutage automatische an die Universität. Damit geht häufig die Annahme einher, Ossietzky werde schon irgendwas mit der Stadt zu tun gehabt haben. Aber: Das hatte er nicht. Genauer gesagt hat Ossietzky Zeit seines Lebens nie einen Fuß nach Oldenburg gesetzt. Vielmehr war er in den Metropolen Hamburg und vor allem Berlin zuhause. Wie kam es dennoch zur Namensgebung?

Das ist leider eine leidvolle, aber deswegen umso wichtigere Geschichte. Ossietzky war als Journalist für die „Weltbühne“ ein leidenschaftlicher Pazifist. Damit stand er im diametralen Gegensatz zur Ideologie der Nationalsozialisten, denen Ossietzky mehr als nur ein Dorn im Auge war.
Im Februar 1933 wurde er in „Schutzhaft“ genommen. Als prominentester politischer Häftling jener Zeit wurde ihm im Jahr 1936 der Friedensnobelpreis verliehen, doch das half ihm nicht: Ossietzky wurde in verschiedenen Konzentrationslagern interniert, unter anderem im KZ Esterwegen - das gerade mal 50 Kilometer von Oldenburg entfernt lag. Am 4. Mai 1938 erlag er schließlich in Berlin den Folgen der Misshandlungen.
![]() Fahrt mal zur Gedenkstätte in Esterwegen, das etwa eine Autostunde westlich von Oldenburg liegt. Am besten an einem trüben Herbsttag, wenn die Kraft der Sonne schon langsam schwindet - eine unheimliche Erfahrung. Dieser Ort hat auch heute noch eine düstere Magie und mahnt uns stumm, bestimmte Entwicklungen nie wieder zuzulassen. |
Diesen Umstand hat man in unserer Region als eine historische Verpflichtung interpretiert, anfänglich - in Zusammenhang mit der Namensgebung der Universität - auch gegen Widerstände. Heutzutage aber ist es Konsens, dass es sich bei der Benennung der Hochschule und beim Preis der Stadt Oldenburg um zwei angemessene und aussagekräftige, vielleicht aber auch notwendige Formen der Ehrung handelt.
Denn mit dem Carl-von-Ossietzky-Preis für Zeitgeschichte und Politik werden Persönlichkeiten geehrt, die sich im Sinne von Ossietzky eingesetzt haben: für Frieden, Versöhnung und Pazifismus, für eine Annäherung zwischen Ost und West, für ein friedvolles Zusammenleben der Nationen und Völker. Diese Persönlichkeiten zeichnen sich durch ein Engagement aus, das über das übliche Maß hinausgeht, für das sie teilweise kritisiert und angefeindet werden und das in manchen Fällen sogar gefährlich ist. Umso wichtiger ist es, dass es diese Menschen gibt. Wir brauchen sie.
Kapitel 2 Warum Zeitgeschichte und Politik?
Der Untertitel des Preises hat es durchaus in sich. Die Formulierung „Zeitgeschichte und Politik“ mag zwar erstmal nicht aufregend klingen. Zumindest zählen die meisten Menschen diese Themen nicht zu ihren leidenschaftlichsten Interessen. Aber: Das liegt weniger an ihnen als vielmehr an einer Fehlinterpretation.
Illustre Runde: Von Pulitzer- und Friedenspreisträgrin Anne Applebaum über den Pianisten/Politaktivisten Igor Levit und die spätere Friedensnobelpreisträgerin Irina Scherbakova bis zur Holocaustüberlebenden Inge Deutschkron bilden die Preisträger:innen ein breites Spektrum ab.
Zeitgeschichte und Politik sind keine abstrakten Fachgebiete, bei denen man idealerweise einschlägig studiert haben sollten, um einen Bezug herstellen zu können. Ganz im Gegenteil: Zeitgeschichte und Politik passieren jetzt, immer und überall. Sie bestimmen unser tagtägliches Leben, definieren unsere Möglichkeiten und Grenzen. Was ihr in Newsportalen anklickt, was ihr in der Zeitung lest, was ihr mit euren Freund:innen besprecht - das ist alles Zeitgeschichte und Politik. Diese Themen haben einen hohen Aktualitätsbezug und außerdem eine enorme Bedeutung.
In diesem Licht muss man auch die diesjährige Preisträgerin sehen: Die Journalistin, Schriftstellerin und Dokumentarfilmerin Güner Yasemin Balci. Einst überschrieb die Frauenzeitschrift „Emma“ ein Portrait der Deutschtürkin mit einem einzigen Wort: „Wütend“. Zwar bezog sich die Autorin damit auf einen bestimmten Moment in einer Talkshow, doch der Begriff stand für mehr: Für die bewusste Bereitschaft, sich von Beobachtungen emotionalisieren zu lassen. Für Deutlichkeit in der Meinungsäußerung und die Fähigkeit, Widerspruch auszuhalten. Vor allem aber für die Weigerung, Ist-Zustände als unveränderbar zu begreifen. Balci beobachtet genau, stellt Kontexte her, gelangt zu Erkenntnissen, sucht nach Lösungen. Was sie bewegt, spricht die 50-Jährige klar und deutlich aus. Dass dies bei brisanten Themen wie Islamismus und Antsemitismus auch für Kritik sorgt? Scheint die Integrationsbauftragte von Berlin-Neukölln als Notwendigkeit zu begreifen.
Güner Yasemin Balci lässt sich nicht einschüchtern. Weder von Rechtsextremen noch von Islamisten. Die Journalistin und Integrationsbeauftragte weiß: Der Kampf für die Freiheit muss geführt werden. Das hat sie schon als Kind in Berlin-Neukölln gelernt. Im Januar 2026 sprach sie mit Susanne Führer vom Deutschladfunk. Unter dem Titel „Ihr wollt Stress? Könnt ihr haben“ kommt man der Carl von Ossietzky Preisträgerin ganz nah. |
Auffällig ist, dass man Balci keiner „Seite“ und keinem „Lager“ zuordnen kann. In ihrem Buch „Heimatland. Zähne zeigen gegen die Feinde der Demokratie“ erzählt die Preisträgerin überzeugend, wie Integration gelingen kann und warnt zugleich vor den Feinden einer offenen Gesellschaft - unabhängig davon, unter welchem Banner sie sich versammeln. Ihr Plädoyer für Freiheit und gegen Fundamentalismus und Rassismus ist zugleich ein Plädoyer für ein Deutschland, ihr „bestes Heimatland“, wie sie es einmal beschrieb. Entsprechend breit gefächert sind die meist wohlwollenden Kommentare über sie: Für die konservative FAZ ist Balci „einer der klarsten politischen Köpfe des Landes“ - für die taz gar eine mögliche Kandidatin für das Amt der Bundespräsidentin.
Die Zeiten und Umstände mögen andere sein, Parallelen zum Denken und Handeln Ossietzkys lassen sich im Fall von Güner Yasemin Balci aber tatsächlich herstellen. Es ist vor allem das unerschrockene und furchtlose Einstehen für die eigene, zutiefst demokratische Grundhaltung sowie der unbeirrbare Glaube, etwas zum Guten verändern zu können, die an den Friedensnobelpreisträger erinnern. Was auch die Jury des Ossietzky-Preises so sieht: „Dass sie sich seit 2020 als Integrationsbeauftragte in ‚ihrem‘ Stadtteil Berlin-Neukölln gegen die unterschiedlichsten Widerstände und unter persönlichen Gefahren auch gegen islamistische Tendenzen und kulturelle Dominanzansprüche in den migrantischen Communities engagiert, macht sie zum ‚Role Model‘ einer konstruktiven Integrationspolitik, die niemanden ausgrenzt und auf einem klaren Bekenntnis zu Demokratie, den Werten der Menschenrechte und einer offenen Gesellschaft beruht.“

Kapitel 3 Warum ein Preis?
Verliehen wird der Preis seit 1984. Erinnern wir uns kurz zurück an die damalige Zeit: Wir befanden uns inmitten des Kalten Krieges zwischen West und Ost mit dem Brennglas Deutschland, wo beide Systeme eine Grenze teilten. Nach vier flüchtigen Jahrzehnten des Friedens in Europa schien vieles wieder auf dem Spiel zu stehen. Zudem gab es in den Jahren zuvor eine langwierige - auch international beachtete - Auseinandersetzung um die Namensgebung der Oldenburger Universität. Diese Zeit war der ideale Moment, um die pazifistischen Ideale Carl von Ossietzkys wieder aufzunehmen. Er, der im KZ Esterwegen vor den Toren Oldenburgs inhaftiert war, forderte schon sechzig Jahre zuvor "Nie wieder Krieg!". Oldenburg nahm sich zum Ziel, diejenigen Menschen auszuzeichnen, die sich im Geiste Ossietzkys genau dafür engagierten - und die dabei vor allem die Verständigung zwischen West und Ost im Blick hatten.
„Geschichte wiederholt sich nicht“, sagen manche. „Tut sie doch, wenn man nicht daraus lernt“, kontern andere. Und sie scheinen in diesem Fall recht zu haben, denn die Konstellation aus dem Jahr 1984 kommt uns heute, weitere vier Jahrzehnte später, seltsam bekannt vor. Fronten zwischen Ost und West, Kriegsgefahr in Zentraleuropa und der große Bedarf an Verständigung zwischen beiden Seiten - das ist heute fast so brennend aktuell wie damals. Der Carl-von-Ossietzky-Preis hat also weiterhin genau die richtige, wichtige Zielrichtung. Denn er hält Erinnerungen wach, vertritt Werte und Ideale und wirkt positiv in die Zukunft - genau wie seine Preisträger:innen auch.
Die langjährige Organisatorin des Carl-von-Ossietzky-Preises Gerd Grebe ist mittlerweile zwar im verdienten Ruhestand. Im Vorfeld der letzten Verleihung an den weltberühmten Pianisten Igor Levit im Dezember 2022 konnten wir aber einen Podcast mit ihr aufzeichnen. Hört nach, was sie in all den Jahren erlebte, worauf sie besonders stolz ist und was sie von der Zukunft erwartet. |
Im Ergebnis wurden beim Carl-von-Ossietzky-Preis also die Ideale und die Verdienste einer großen historischen Persönlichkeit in die Gegenwart übertragen. Und genau dort gehören sie auch hin. Frieden ist vielleicht die höchste zivilisatorische Errungenschaft, denn ohne ihn nutzt alles andere nichts. Ihn zu bewahren sollte ein Ziel für uns alle sein. Dass man dafür Zeitgeschichte und Politik beeinflussen oder sogar prägen muss, leuchtet ein. Sie bestimmen unsere Wahrnehmung der Gegenwart, definieren Narrative und Framings. Sie sind also nicht weniger als dasjenige Feld, auf dem sich entscheidet, ob wir den Frieden erhalten oder nicht. Deshalb gebührt ihnen unsere große Aufmerksamkeit.
Ihr fragt euch vielleicht: Kann dieser Preis wirklich so wichtig sein, wenn er nicht auf sämtlichen Titelseiten der Nation auftaucht? Wenn er nicht in einer Reihe mit Nobelpreis, Sacharow-Preis oder Karlspreis steht? Berechtigter Einwand. Aber: Bekanntheit und Bedeutung standen noch nie in einem zwingenden Zusammenhang, sonst würde niemand die Kardashians kennen. Außerdem genießt der Preis in Fachkreisen höchste Wertschätzung. Woran es aber tatsächlich noch hakt: Möglichst vielen Menschen plausibel zu machen, warum der Preis kein Nischenthema ist, sondern uns alle betrifft und für uns alle spannend und lehrreich sein kann. Aber dafür gibt es ja uns.























