EIN GANG ZURÜCK

Was in der Vergangenheit liegt, ist unwiderruflich vorbei. Das ist schade, wenn man an glückliche Momente zurückdenkt, das ist aber sehr erfreulich, wenn man sich die vielen dunklen Kapitel der Geschichte in Erinnerung ruft. Und obwohl man derzeit angesichts der globalen Nachrichtenlage meist den Drang verspürt, sich ausgiebig positiven Dingen zu widmen, ist es doch besonders wichtig, sich auch die negativen zu vergegenwärtigen. Und das geht am allerbesten mit einer Mischung aus kognitiver und körperlicher Erfahrung. Zum Beispiel: Beim Erinnerungsgang.


Historisches Dokument: Das Bild zeigt Erniedrigung, aber auch Haltung (Bild: Arbeitskreis Erinnerung)

Was das überhaupt ist? Natürlich: Kein beliebiger Spaziergang. Vielmehr handelt es sich um einen Weg, dessen Verlauf eine historische Bedeutung besitzt. In diesem Fall: eine, die mehr als unbequem ist: Denn der alljährlich am 10. November stattfindende Érinnerungsgang vollzieht jenen Weg nach, den die jüdischen Männer im Jahre 1938 gehen mussten, bevor sie am Folgetag ins Konzentrationslager deportiert wurden.


9. November 1938 Die Oldenburger Synagoge wird durch ein Feuer zerstört. SA-Truppen stürmen die Wohnungen jüdischen Familien und nehmen die Männer fest.


Vierzig mal Achtunddreißig


Seit 1982 bietet der Erinnerungsgang eine Geschichtserfahrung, wie sie eindringlicher und körperlich spürbarer kaum sein könnte. Vor exakt vierzig Jahren entwickelte er sich aus einer privaten Initiative heraus. Von einst kleinen Gruppen mit 30 Teilnehmenden stiegt deren Zahl auf mittlerweile in den vierstelligen Bereich.

Von Gefängnis zu Gefängnis: Diese Weg mussten die etwa vierzig jüdischen Männer am 10. November 1938 gehen (Grafik: Arbeitskreis Erinnerung)

Seit 2005 wird der Gang jedes Jahr von einer Oldenburger Schule in Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis Erinnerung und der Landesbibliothek Oldenburg organisiert. Dazu gehört auch ein Rahmenprogramm, das die konsequente Einbindung von Kultureinrichtungen vorsieht - wie etwa das Medienbüro/Cine k, den Lokalsender Oeins, die Jugendkulturarbeit und das Oldenburgische Staatstheater.


Nun ist ein Gang erstmal nur ein Gang, auch wenn er die Vorsilbe "Erinnerung" trägt. Es braucht Kontext, um seine Bedeutung zu erfassen. In diesem Fall: Das historische Ereignis, auf das er sich bezieht. Also: der 10. November 1938.


Hobbyhistoriker:innen horchen auf: Wieso eigentlich der 10. November? Ist nicht der 9. November der sogenannte Schicksalstag der Deutschen? An dem wir 1989 den Mauerfall feierten und an dem 1918 die deutsche Republik ausgerufen wurde, an dem dazwischen aber auch Fürchterliches und Fatales passierte?


 

ERINNERUNGSGANG

OLDENBURG

10. NOVEMBER, 15 UHR LANDESBIBLIOTHEK OLDENBURG INNENHOF PFERDEMARKT

26122 OLDENBURG PROGRAMM

 

Ein tiefschwarzer Tag

Richtig. Am 9. November 1938 brannten im gesamten Deutschen Reich die Synagogen. Die widerwärtige „Reichspogromnacht“ führte auch den letzten Optimist:innen vor Augen, mit wem sie es bei der NSDAP zu tun hatten: Massenmördern unter dem Deckmantel einer politischen Bewegung. Denn auch, wenn die NS-Propaganda die Ereignisse als „Volkszorn“ instrumentalisierte, war klar, dass es sich um eine konzertierte Aktion handeln musste.


Starke Beteiligung: Aus einst 30 Teilnehmenden ist längst eine riesige Gruppe geworden. (Bild: Arbeitskreis Erinnerung)


Oldenburg macht leider keine rühmliche Ausnahme. Auch hier wurde die Synagoge in der Peterstraße zerstört. Es gab eifrige Handlanger der Nazis und willige Unterstützer, vor allem aber gab es etliche Claqueure, zudem manch schweigende Zustimmung oder stille Duldung. Die Presse schloss sich dem Narrativ der Partei nahtlos an. Empörung? Fehlanzeige.



10. November 1938 Die Inhaftierten werden von der Polizeikaserne am Pferdemarkt durch die Innenstadt zum Gerichtsgefängnis getrieben.


Und damit nicht genug. Die Drangsalierungen fanden am Folgetag - dem 10. November - ihre Fortsetzung: Die Juden wurden im Innenhof der damaligen Polizeikaserne zusammengetrieben und mussten sich in einem demütigenden Marsch zum Gefängnis im Gerichtsviertel begeben. Man muss sich das in seiner Gesamtheit nochmal vor Augen führen: Das Bezugspunkt der Gemeinde zerstört, den Familien entrissen, der Öffentlichkeit vorgeführt, Schmerz und Tod vor Augen. Diese etwas vierzig Männer hatten tatsächlich alles verloren.


IST DAS KULTUR?


Absolut. Nicht umsonst gibt es den Begriff der Erinnerungskultur. Sie beschäftigt sich mit der Frage, wie wir mit Geschichte umgehen. Und der Erinnerungsgang gibt darauf eine gute, weil intensive Antwort.


Zwar ist der Gang selbst Gedenken pur. Er widmet sich ganz der unvorstellbaren Situation im Jahre 1938 und erinnert an die Opfer. Es gibt dabei keine künstlerischen Elemente. Aber die Art und Weise, wie wir diesen Tag begehen - und dass wir ihn begehen - ist sehr wohl Teil der Kultur. Hinzu kommt noch das Rahmenprogramm. Nicht nur in den Schulen werden Nationalsozialismus und Holocaust thematisiert, auch in den Theatern und Kinos laufen Stücke und Filme dazu.


All das ist ausdrücklich nicht nur was für Schüler:innen. Diese Generation mag ab weitesten entfernt sein von den historischen Ereignissen. Mit Blick auf Trends in der Gesellschaft wird die Auseinandersetzung mit den großen Fehlern der Geschichte aber immer wichtiger. Nutzt diese einzigartige Gelegenheit und begebt euch zurück in die Zeit.


Eine kontinuierliche Konfrontation

Kein Zweifel: Dieser Tag ist einer der schwärzesten und mit Sicherheit der unrühmlichste der Oldenburger Geschichte. Und genau deswegen sollt man ihn nicht vergessen, sondern das Gegenteil tun: immer wieder daran erinnern. Denn nur wer sich mit seiner Vergangenheit konfrontiert, kann daraus lernen. Das ist in diesem Fall die letzten Jahrzehnte gut gelungen. Aber damit es so bleibt und sich nicht ein Schleier des Gleichgültigkeit darüberlegt, müssen wir aktiv bleiben. Das macht das Engagement rund um den Erinnerungsgang so unglaublich wertvoll.



11. November 1938 Die Deportation in das Konzentrationslager Sachsenhausen beginnt. Viele jüdische Männer aus Oldenburg werden dort ermordet.


Man kann dich heute nicht vorstellen, wie sich das angefühlt haben muss: Nicht nur durch Propaganda diffamiert zu werden, nicht nur durch die Jugengesetze zu Untermenschen degradiert zu werden, sondern letztlich auch noch in der vollen Öffentlichkeit vorgeführt zu werden und um Leib und Leben fürchten zu müssen. Dieses Maß an Erniedrigung sprengt unsere Fantasie. Doch immerhin können wir versuchen, uns in die Situation einzufühlen. Indem wir sie, so weit es irgendwie geht, nachzuahmen. und zwar: Mit einem Erinnerungsgang.





Eine bleibende Erfahrung


Wir finden: Jede:r Oldenburgerin sollte diesen Gang einmal gemacht haben. Und zwar nicht als sorgenfreies Lustwandeln, sondern als bewusste Auseinandersetzung mit der Geschichte. Es geht dabei nicht gar nicht nur darum, sich der kollektiven Schuld Oldenburgs am 10. November 1938 bewusst zu machen. Es geht auch darum, diese menschenverachtend Entwürdigung nie wieder geschehen lassen. Denn wo ein Mensxchn seines Wesens beraubt wird, ist sein Leben nichts mehr wert. Und wozu das geführt hat, wissen wir alle.


Und ist vollkommen bewusst, dass tausend Dinge gegen die Teilnehmer an einer Veranstaltung an einem Donnerstag um 15 Uhr sprechen können. Deshalb an dieser Stelle: unser Plädoyer dafür, andere Prioritäten zu setzen. Schaltet einen Gang zurück und macht den Gang zurück in die Geschichte. Das wird eine Erfahrung, die bleibt.