Treppenaufgang in der Francksen-Villa, © Stadtmuseum, Peter Duddek
22.06.2018

Zurück in die Zukunft

Anke von Heyl ist Kunsthistorikerin und als Kulturtussi verbreitet sie Kunst und Kultur im Netz., © Anke von Heyl Autor: Kulturtussi
Anke von Heyl ist Kunsthistorikerin und als Kulturtussi verbreitet sie Kunst und Kultur im Netz. Ihr Motto: „Kultur beginnt im Herzen eines jeden Einzelnen."

Fünf gute Gründe für einen Besuch im Stadtmuseum Oldenburg

Am Vorabend des 1. Weltkriegs starb Theodor Francksen und hinterließ ein wertvolles Erbe, das bis heute das Gedächtnis der Oldenburger prägt. Ich durfte diesen außergewöhnlichen Herrn bei meinem Rundgang mit Andreas von Seggern kennenlernen. Der Museumschef hat sich Zeit genommen und mich durch die drei Villen geführt, die heute zum Stadtmuseum Oldenburg gehören.
In diesem Beitrag liefere ich fünf Gründe, warum man die Francksen-Villa und die angrenzenden Häuser unbedingt besuchen muss. Und warum es gewisse Dinge gibt, die man von der Vergangenheit für die Zukunft lernen kann.

1. Think global, act local

Was mir aufgefallen ist: Da hat jemand eine erkennbare Liebe zu Italien. Theodor Francksen fuhr zwischen 1902 und 1906 mehrmals nach Italien. Dort kauft er antike Kunst ein, wieder zu Hause beauftragte er Künstler wie Ludwig Fischbeck, Ansichten Italiens zu malen. „Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn“ – es überrascht nicht, dass die Italiensehnsucht besonders im Norden ausgeprägt ist. Ich kann mir gut vorstellen, wie der kränkelnde Francksen (er litt seit seiner Kindheit an Tuberkulose) seine Aufenthalte im Süden genossen hat. Das Besondere bei ihm: er wollte seine Erlebnisse teilen und brachte Italien mit nach Hause. Vielleicht wäre er heute Reiseblogger!

Das, was er in der Ferne an Schönheiten wahrgenommen hat, trübte aber nicht seinen Blick für die Heimat. Gleichberechtigt stellte er den Ansichten von Italien in seinem Arbeitszimmer zum Beispiel Bilder der beiden Francksen-Erbhöfe in der Wesermarsch gegenüber. Die Liebe zu seiner Oldenburgischen Heimat ist überall spürbar. In den letzten Jahren seines Lebens konnte er sein Haus kaum mehr verlassen und so schuf er sich hier eine eigene Welt, die er bewusst für die Generationen nach ihm gestaltete.

2. Zeig mir, wie du wohnst – und ich sage dir, wer du bist

Beim Betreten des Biedermeier-Zimmers spüre ich spontanes Wohlbefinden. Die Möbel sind elegant und gemütlich zugleich. Ich liebe Kirschbaumholz!! Die zarten Streifenmuster der Polster wiederholen sich an den Wänden. Ich kann mir gut vorstellen, dass man damals im Schein der grünen Lampe auf dem Tisch gestickt oder genäht hat.

Das „Musterzimmer“ ist mustergültig. Heiter und hell soll es wirken. Eine stimmige Einheit. Die Menschen auf den Porträts lächeln fein. Im Schrank sitzt ein Püppchen. Mein Blick bleibt an den dekorativen Wandbildern hängen. Das seien sogenannte Haarbilder, erklärt mir Dr. von Seggern. Was für eine schräge Idee damals, sich solche „Erinnerungsbilder“ zu machen.

Je länger ich mich in dem Zimmer umschaue, das Theodor Francksen im Wohnstil des frühen 19. Jahrhunderts einrichten ließ, desto mehr Fragen kommen in meinen Kopf. War das Biedermeier hausbacken? Ist Cocooning das neue Biedermeier? Lässt sich damals wie heute eine Flucht in die Idylle feststellen? Wenn ich mich auf Instagram umschaue, dann meine ich das manchmal zu erkennen. Neben allerlei #Lifestyle findet man dort auch #germangemütlichkeit. Gemütlichkeit – dieser Begriff stammt tatsächlich aus der Zeit des Biedermeier.

3. Inspiration für ein außergewöhnliches Selfie

Wer war Theodor Francksen, der Connaisseur? Ein ausgewiesener Experte. Für die Antike. Für die Kunst seiner Zeit. Er war belesen und weise. Und folgte in seinem kurzen Leben der Vision, sich hier in der elterlichen Villa und den dazugekauften Häusern einen ganz besonderen Ort zu gestalten, für den er die kostbarsten Dinge herbeischaffte.

Es macht mich ein bisschen traurig, als ich von seinem frühen Tod höre, doch er hat sich hier in den Villen selbst verwirklicht. Und besser als in jedem Selbstbildnis hat er sich in der Decke seines Arbeitszimmers verewigt. Vogelnest, Eichhörnchen, Leseratte und Eule findet man dort in Stuck nachgebildet. Mir zeigen diese putzigen Figuren noch eines: der Mann hatte Humor!

4. Apropos Lifestyle

Hand hoch! Wer kennt die Technik des Stukkolustro? Das ist glänzender Stuck und man kann das aufs Feinste ausgeführt im Rokoko-Zimmer der Francksen-Villa bestaunen. Natürlich kennt heute keiner mehr Stukkolustro. Und zugegebenermaßen war das auch nicht unbedingt Standard, als man zur Zeit des Rokokos die Räume damit gestaltet hat. Solch einen Überfluss konnten sich nur diejenigen leisten, die genügend Mittel für einen gewissen Prunk hatten. Und so wird man sicherlich auch schon zu Franckens Lebzeiten nicht schlecht gestaunt haben über die Orgie in weißem Schleiflack, die gekonnt mit roten Seidendamast-Polstern kontrastieren. Goldakzente setzten dann die i-Tüpfelchen.

In Zeiten leicht zusammenschraubbarer Mitnahme-Möbel, versteht man eine so aufwendige Ausstattung überhaupt noch? Jedes Detail ist mit unfassbarer Sorgfalt gearbeitet. Ich habe mich hier gleich ganz anders bewegt und den Rücken etwas mehr durchgedrückt! Räume machen etwas mit einem!

5. Turn back the clocks - Zeitkapseln für Millenials

Zeitkapseln sind extra für die Nachwelt angelegte Behältnisse, die meist Dinge aus der Gegenwart festhalten, um sie für die Zukunft zu bewahren. Es ist nicht verwunderlich, dass Francksen seine Zeitkapseln gerade in Zeiten des Wandels eingerichtet hat. Der Übergang vom 19. ins 20. Jahrhundert war wie kaum eine zweite Epoche geprägt von wirklich heftigen Veränderungen. Allein die Industrialisierung! Wir können uns die Wirkung der rasanten Neuerungen von damals kaum vorstellen. Heute kommt ja fast jede Woche ein neues Gadget auf den Markt.

Francksen wollte auch die authentische Welt der oldenburgischen Bauern erhalten. Zu genau dem Zeitpunkt, als diese sich von ihren traditionellen Einrichtungsgegenständen lieber trennten. Was ist ein „Prahlhans“, was steckt hinter „Buddeleien“ und wie sieht ein „Bültofen“ aus? Dinge, die für unsere Vorfahren selbstverständlich waren, verschwinden aus unserem Gedächtnis. Dennoch sind sie Teil unserer Kultur und gehören zur Identität Oldenburgs. Das Stadtmuseum erzählt uns diese Geschichten.

Auch wenn es verlockend scheint, sich hier mit einer schicken Inszenierung auszutoben – das authentische Erlebnis solcher Zeitkapseln bleibt nur erhalten, wenn sie nicht dem jeweiligen Zeitgeschmack angepasst werden. Gut, dass das im Stadtmuseum Oldenburg so schnell nicht geschehen wird.

Weitere Infos:

Weitere Informationen zu aktuellen Ausstellungen und Veranstaltungen im Stadtmuseum gibt es auf www.stadtmuseum-oldenburg.de

Anke von Heyl ist Kunsthistorikerin und als Kulturtussi verbreitet sie Kunst und Kultur im Netz., © Anke von Heyl

Autor: Kulturtussi

Nachdem sie als klassische Kunsthistorikerin ausgebildet war, hat sich Anke von Heyl der Vermittlungsarbeit verschrieben. Es folgten einige Jahre im öffentlichen Dienst. Dann ging sie neue Wege und 2006 erblickte die Kulturtussi das Licht der Welt. Was als Blog mit einer persönlichen Sicht auf die Kunst begann, ist heute Bestandteil ihres Jobs geworden. „Mir ist es wichtig, dass man über Kunst und Kultur ins Gespräch kommt. Das auf verschiedenen Wegen anzuleiten, ist mein Beruf. Ich bin immer wieder happy, wenn es mir gelingt, Begeisterung zu wecken.“

Anke von Heyl arbeitet als Autorin, Kunstvermittlerin und Social Media Expertin für verschiedene Auftraggeber und lebt mit ihrem Mann in einer alten Brikettfabrik in Frechen bei Köln. Ihre Familie stammt aus Niedersachsen und als Kind hat sie einige Jahre in Delmenhorst gelebt. Dort sei ihr die Liebe zum Norden implantiert worden, sagt sie heute. Deswegen freut sie sich jetzt sehr, ihren Blick auf die Kultur in Oldenburg werfen zu dürfen.

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