Die Fotografien Zinks halten kleine, aber feine zwischenmenschliche Situationen fest - wie hier bei den Gastarbeitern auf St. Pauli., © Günter Zint, Melanie Tönies
30.05.2018

Wilde Zeiten

Mel ist ein echtes Oldenburger Kind und wurde nicht nur in der Stadt an der Hunte geboren, sondern kehrte nach der Kindheit auf dem Land auch für ihr Studium der Anglistik und Philosophie zurück zu ihren Wurzeln., © Melanie Tönnies Autor: Mel
Mel ist ein echtes Oldenburger Kind und wurde nicht nur in der Stadt an der Hunte geboren, sondern kehrte nach der Kindheit auf dem Land auch für ihr Studium der Anglistik und Philosophie zurück zu ihren Wurzeln.

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Es gibt wohl nur wenige Menschen, die bei wichtigen politischen und kulturgeschichtlichen Ereignissen direkt im Geschehen zugegen waren. Der Besuch der Kultband The Beatles in Hamburg im Jahr 1966, die Studentenproteste nach dem Attentat auf Rudi Dutschke in Berlin 1968, Demonstrationen im Jahr 1982 gegen das Atommüllzwischenlager Gorleben im niedersächsischen Wendland - der Fotograf Günter Zint stand bei all diesen Ereignissen gewissermaßen in erster Reihe und hielt eindrucksvolle Momentaufnahmen mit seiner Kamera fest.

Die eindrücklichen, großformatigen Fotografien gibt es aktuell vom 19. Mai bis zum 17. Juni 2018 in einer Sonderausstellung des Stadtmuseums Oldenburg zu sehen. Auch ich als Hobby-Knipserin war sehr gespannt, wie diese mehr als 60 ausgestellten Werke des mittlerweile 76-jährigen Fotografen auf mich wirken würden.

Günter Zint sieht sich selbst als einen politischen Fotografen, der jahrzehntelang dort mit seiner Kamera auf der Pirsch war, wo deutsche Geschichte geschrieben wurde. Mittendrin statt nur dabei könnte sein Motto geheißen haben: Nicht umsonst heißt der Titel der Ausstellung „Wilde Zeiten“. Zint war dort vor Ort, wo es weh tat, sich Abgründe auftaten, Welten aufeinander prallten, Kurioses und Ungewöhnliches zu sehen war.

Gleich beim Betreten der Ausstellung im Stadtmuseum wird der Besucher mit Zitaten des in Fulda geborenen Fotografen konfrontiert. „Ich will Realität zeigen, meine Bilder sind Gebrauchsfotografien“, heißt es zur Vorbereitung auf die weiteren Werke, die in einem großen Raum des Stadtmuseums präsentiert werden.

Beim Rundgang durch die Ausstellung wird schnell klar: Diese Aussage Zints lässt sich in fast jedem Exponat bestätigen. Die durchgängig in Schwarz-Weiß gehaltenen Aufnahmen sind nüchtern, dokumentarisch, und zeigen ungeschönt und unbearbeitet auch unangenehme Realitäten. Da ist beispielsweise ein weinender Demonstrant in Berlin im Jahr 1968, der einem Polizisten mit ausgestreckten Schlagstock flehend seine Hände entgegenstreckt, oder auch ein blutüberströmter Teilnehmer einer Berliner Demo aus dem gleichen Jahr, der von zwei weiteren Männern gestützt werden muss. Schmerzverzerrtes Gesicht, geschlossene Augen - Günter Zint inszeniert nichts. Und gerade, weil diese Fotos nicht in Farbe vorliegen, strahlen sie eine fast schon schmerzhafte Direktheit aus, an die sich der Betrachter gewöhnen muss.

Andere Fotografien Zints wiederum halten kleine, aber feine zwischenmenschliche Situationen fest. Da ist beispielsweise ein Akkordeon-spielender Demonstrant bei Protesten gegen das Atommüllzwischenlager Gorleben im Jahr 1982, der gemeinsam mit einem Polizisten des Bundesgrenzschutzes lacht, im Hintergrund hoher Stacheldraht und vermummte Polizisten mit Helmen und Schutzschildern. Oder ein liebevolles Porträt alter Damen in einem Altersheim, die im Jahr 1995 gemeinsam Karneval feiern, inklusive Papp-Hütchen und Piraten-Augenklappe. Steht man vor einigen Exponaten fassungslos und nachdenklich, huscht einem in diesen Fällen ein Lächeln übers Gesicht.

Eine ganz besondere Fotografie der Sonderausstellung ist mir jedoch nachhaltig im Gedächtnis hängen geblieben, und zwar keines der schnell ins Auge fallenden Motive mit Berühmtheiten wie Jimi Hendrix, den Beatles, Frank Zappa, Nina Hagen oder The Who. Das für mich eindrucksvollste Werk befindet sich gleich am Eingang der Ausstellung in einem kleinen Vorraum: Ein mit einem Fussball spielender Junge. Das an sich klingt noch nicht sonderlich spektakulär, allerdings ist es die Umgebung, in der der Kleine seinen Ball gegen eine Mauer wirft - es ist die Berliner Mauer im Jahr 1963. Umgeben von Stacheldraht, Barrikaden, Warnschildern, dicken Mauern und Wachposten mit Gewehren dahinter scheint es das Kind nicht im Geringsten zu interessieren, welch gefährlichen Spielplatz es sich ausgesucht hat. Das aus erhöhter Position aufgenommene Bild ist betitelt mit den Worten, „Der Junge, der an der Mauer wohnt“ und zeigt so eindrücklich und ohne Inszenierung den Alltag an der deutsch-deutschen Grenze.

Die von der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland zur Verfügung gestellten 63 großformatigen Exponate der Sonderausstellung „Wilde Zeiten“ von Günter Zint können noch bis zum 17. Juni 2018 im Stadtmuseum Oldenburg besichtigt werden. Der Eintritt in die Ausstellung ist frei. Das Stadtmuseum hat von Dienstag bis Sonntag jeweils zwischen 10 und 18 Uhr geöffnet, weitere Informationen gibt es hier: www.stadtmuseum-oldenburg.de.

Mel ist ein echtes Oldenburger Kind und wurde nicht nur in der Stadt an der Hunte geboren, sondern kehrte nach der Kindheit auf dem Land auch für ihr Studium der Anglistik und Philosophie zurück zu ihren Wurzeln., © Melanie Tönnies

Autor: Mel

Mel ist ein echtes Oldenburger Kind und wurde nicht nur in der Stadt an der Hunte geboren, sondern kehrte nach der Kindheit auf dem Land auch für ihr Studium der Anglistik und Philosophie zurück zu ihren Wurzeln. Mittlerweile arbeitet sie als Online-Redakteurin für ein Apple-Magazin und steht in ihrer Freizeit am liebsten im Oldenburger Unikum/OUT auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Vom Probenstress erholt sie sich auf ihrem Rennrad, am Gamepad ihrer PS4 und vor allem am Meer - das ist ja glücklicherweise gleich um die Ecke.

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