Revolvervorrat, © Laura Horstmann
10.10.2019

Wo der Zauber des Theaters entsteht

Laura Horstmann ist Studentin an der Jade Hochschule in Wilhelmshaven. Dort studiert sie Tourismuswirtschaft., © Laura Horstmann Autor: Laura
Laura Horstmann ist Studentin an der Jade Hochschule in Wilhelmshaven. Dort studiert sie Tourismuswirtschaft. Durch ein Praktikum in Oldenburg kam sie zum ersten Mal mit dem Bloggen in Berührung.

Das Geniale am Bloggen ist, dass ich Einblicke erhalte, die einem zumeist vorenthalten werden. Und so darf ich mich dieses Mal hinter die Kulissen des Oldenburgischen Staatstheaters begeben.

Um die 450 Personen sind am Staatstheater beschäftigt. Einer von ihnen hat sich für mich Zeit genommen und mir Rede und Antwort gestanden. Thomas arbeitet nun seit vier Jahren als Requisiteur. In der Werkstatt und den Gängen hinter der Bühne erfahre ich von ihm was geschieht, um den Zuschauer in den Zauber einer Theaterinszenierung zu ziehen und wo in diesem zahnradähnlichen Zusammenspiel die Arbeiten in der Requisite ihren Platz finden.

Laura: Was ist der Unterschied zwischen Requisite und Bühnenbild?

Thomas: Das Bühnenbild ist die Kulisse, die aufgebaut wird, sei es ein Innenraum oder Sonstiges. Die Requisiten sind Dinge, die die Schauspieler in die Hand nehmen. Offiziell definieren wir die Requisite als Gegenstände bis 90 cm, aber da sind wir natürlich flexibel. Von der Tasse bis zur Heugabel. Es ist alles, was die Schauspieler während der Inszenierung aktiv bespielen.

Laura: Wie groß ist eure Abteilung und wie ist die Arbeit verteilt?

Thomas: Wir von der Requisite sind dafür da, den Schauspielern die Gegenstände während der Inszenierung anzureichen, bereitzustellen und wegzuräumen. Einer von uns ist immer dabei. Wir sind fünf Mitarbeiter und ein Chef. Jeder bekommt im Laufe der Spielzeit Stücke zugeteilt, um die er sich dann allein kümmert. Vom ersten Probentag an bis zur Prämiere werden die Gegenstände gefertigt und vorbereitet und ab der Prämiere betreuen wir das Stück abends. Wir arbeiten parallel zum Probenprozess, im Gegensatz zu „Bühne“ und „Kostüm“. Was genau gebraucht wird, entscheidet sich zumeist erst während der Proben.

Laura: Wie wird man Requisiteur bzw. was sind die Voraussetzungen?

Thomas: Eine häufig gestellte Frage. Eine klassische Ausbildung zum Requisiteur gibt es nicht. Prinzipiell sind wir also alle Quereinsteiger. Die Kollegen haben meist eine handwerkliche Grundausbildung, aber wichtig sind die Kenntnisse bezüglich des Theaterapparates. Ich für meinen Teil habe Theater und Kunst studiert. Die perfekte Kombination sozusagen. Das Theater habe ich zuerst als Regieassistent kennengelernt, ehe ich in die Requisite gewechselt bin. Man braucht auf jeden Fall handwerkliches Geschick und Kreativität. Hier lernt man viel von erfahrenen Kollegen oder durch Ausprobieren. Meistens ist jedes Stück so einzigartig, dass man sich an die Probleme ohnehin immer neu „heranpirschen“ muss.

Laura: Wie viel Vorlaufzeit hast du bis zur Fertigstellung der Requisiten?

Thomas: Während der Proben müssen die Requisiten noch nicht perfektioniert sein, da viel kaputt oder verloren geht. Wir treffen uns nachdem das Stück einmal grob geprobt wurde mit dem Regieteam und machen eine sogenannte Requisitenbesprechung. Zu diesem Zeitpunkt weiß das Regieteam schon genau, was auf der Bühne benötigt wird. Anhand einer Liste wird dann jedes Requisit einzeln besprochen. Braucht der Teller ein Blümchenmuster oder muss er weiß sein? Dann heißt es suchen, kaufen oder basteln.

Laura: Gibt es eine Requisite, die ziemlich aufwendig war?

Thomas: Ja, die gibt es meist in jeder Produktion. Jedes Stück ist anders und fordert einen aufs Neue. Ein Beispiel: In der Produktion „Der Steppenwolf“ wurde eine essbare Goethebüste gewünscht, die stabil sein, bei Berührung aber zerfallen und vielleicht auch ein bisschen ekelig aussehen sollte. Dann ging es mit dem Experimentieren los. Nehme ich nun Kartoffelbrei mit Gelatine oder doch Kloßteig? Am Ende wurde es dann ein Butterkuchen, der in einen Silikonabzug einer echten Goethebüste gebacken wurde. Vorder- und Hinterkopf getrennt voneinander, damit sich die Konturen auch perfekt absetzen.

Schlussendlich hat es der Kuchen leider nie auf die Bühne geschafft. Schade, aber auch das passiert.

Dann gibt es noch die Dinge, bei denen der Zuschauer nicht merkt wie extrem aufwendig alles war. Als Requisiteur hat man immer einen gewissen Perfektionsanspruch, den man teilweise ablegen muss. In der Produktion „Die Mitte der Welt“ sollten wir ein Herbarium fertigen, also ein Buch in dem getrocknete Pflanzen liegen. Das Problem ist, dass die Pflanzen so fragil sind, dass sie auf der Bühne nicht bespielbar sind. Also wollten wir künstliche Pflanzen nehmen, die dann aber zu dick waren. Was sollten wir also nehmen, um das Herbarium alt und natürlich wirken zu lassen? Das hat lange gedauert. Schlussendlich entwickelte ich eine Kombination aus künstlich-zugeschnittenen und fotokopierten, bemalten Pflanzen. Zum Glück verspielt sich vieles auf der Bühne, das der Zuschauer aus der Entfernung oder durch gegebene Beleuchtung nicht mehr wahrnimmt.

Laura: Werden die Requisiten wieder benutzt?

Thomas: Nach Abschluss der Produktion werden die Requisiten eingelagert. Wir haben hier im Haus Dinge, die man ständig braucht. Zudem es gibt den Hauptfondus am Fliegerhorst, in der ehemaligen Spielstätte „Halle 10“. Das sind riesige Räume mit unzähligen Gegenständen. Dort ist alles grob nach Kategorien geordnet., wie „Koffer“ oder „Instrumente“. Dabei merken wir uns wo die Sachen liegen, eine Dokumentation gibt es nicht. Wir wissen, was wir haben und was nicht.

Wo der Zauber des Theaters entsteht - Fragiles Bruchglas

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Laura: Gibt es eine Requisite, die man mal eben schnell herstellen kann?

Thomas: Ja, Erbrochenes. Das ist standartmäßig Apfelmus mit Haferflocken. Dann kann man noch variieren, je nachdem was die Figur vorher gegessen hat.
Theaterblut kaufen wir fertig. Bei großen Mengen mischen wir auch Rote Bete-Saft, das aber nur in Rücksprache mit unserer Kostümabteilung. Dabei geht es dann um die Frage, ob man den Saft wieder aus dem Kostüm herausbekommt.

Laura: ist schonmal etwas richtig schiefgegangen?

Thomas: Wir versuchen natürlich zu vermeiden, dass Fehler passieren. Dafür haben wir unsere detaillierten Listen und überprüfen auch nach etlichen Vorstellungen immer noch alles sehr genau.

Aber in einigen Sachen steckt man einfach nicht drin. Immer mal wieder geht ein Requisit auf oder hinter der Bühne kaputt. Letzterer Fall ist der bessere, denn da kann man noch schnell reagieren und spontan etwas improvisieren. Das bringt einen aber ganz schön ins Schwitzen. Andere Requisiten sind immer wieder Glücksspiele. Konfettishooter haben oft Ladehemmungen, Schüsse mit Platzpatronen leider auch. Es gibt diese berühmte Theateranekdote, in der der Schauspieler ins Off geht und ein Schuss ertönen soll, woraufhin sein Kollege auf der Bühne sagt: „Jetzt hat er sich erschossen.“ Der Schuss kam aber nicht. Klassische Ladehemmung. Der Schauspieler auf der Bühne musste improvisieren und sagte: „Jetzt hat er sich erhängt.“ Kurz darauf löste sich der Schuss doch und der Schauspieler ergänzte: „Und erschossen hat er sich auch noch.“

Thomas vermittelte mir einen tollen Einblick in seine Arbeit. Den Eindruck, den ich bekam, ist ein bleibender. Wenn ich das nächste Mal als Zuschauer das Theater betrete, werde ich mich wieder von der einzigartigen Atmosphäre verzaubern lassen. Doch einen Unterschied wird es geben: Ich schaue noch genauer hin! Und das besonders auf die Requisiten.

Laura Horstmann ist Studentin an der Jade Hochschule in Wilhelmshaven. Dort studiert sie Tourismuswirtschaft., © Laura Horstmann

Autor: Laura

Laura Horstmann ist Studentin an der Jade Hochschule in Wilhelmshaven. Dort studiert sie Tourismuswirtschaft. Durch ein Praktikum in Oldenburg kam sie zum ersten Mal mit dem Bloggen in Berührung. Ihr Interesse war geweckt. „Durch das Bloggen habe ich die Möglichkeit hinter die Kulissen meiner Heimatstadt zu schauen. Ich lerne immer neue Blickwinkel kennen und bin fasziniert, was Oldenburg kulturell alles zu bieten hat.“

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