Stephan Parie ist schon seit 1991 am Staatstheater tätig, zunächst als Herrenschneider, später dann auch als Fundusverwalter und sogenannter Rüstmeister für die Rüstkammer des Theaters., © Melanie Tönnies
02.08.2018

Der Herr der Kostüme

Mel ist ein echtes Oldenburger Kind und wurde nicht nur in der Stadt an der Hunte geboren, sondern kehrte nach der Kindheit auf dem Land auch für ihr Studium der Anglistik und Philosophie zurück zu ihren Wurzeln., © Melanie Tönnies Autor: Mel
Mel ist ein echtes Oldenburger Kind und wurde nicht nur in der Stadt an der Hunte geboren, sondern kehrte nach der Kindheit auf dem Land auch für ihr Studium der Anglistik und Philosophie zurück zu ihren Wurzeln.

Als Zuschauer eines Schauspiels, einer Oper oder eines Musicals des Oldenburgischen Staatstheaters sieht man sie nur auf der Bühne - die aufwändigen, ungewöhnlichen, schicken Kostüme, die die Akteure während der Aufführung tragen. Aber was steckt dahinter? Wer ist für die Pflege und Verwaltung der Kleidungsstücke verantwortlich? Und wie viele Kostüme beherbergt das Staatstheater eigentlich?

Seitdem ich seit einigen Jahren selbst im Oldenburger Uni Theater (OUT) auf den Brettern, die die Welt bedeuten, umher wandele, weiß ich, wie schwierig es sein kann, ein exakt passendes Kostüm für eine Figur zu beschaffen, vor allem, wenn es um sehr ungewöhnliche Vorgaben geht. Eine Papst-Soutane? Eine historische Militär-Uniform? Das OUT arbeitet daher seit mehreren Jahren mit dem Kostümfundus des Oldenburgischen Staatstheaters zusammen, um gelegentlich auf deren Bestand zugreifen zu können. Da ich bereits mehrmals staunend im Fundus des größten Oldenburger Theaters stand, war es für mich ein besonderes Anliegen, auch für den Kulturschnack-Blog darüber berichten zu können. Schließlich bleiben dem normalen Theaterbesucher die Türen zum Fundus im Regelfall verschlossen.

An einem Freitagnachmittag bin ich daher mit dem Fundusverwalter des Staatstheaters, Stephan Parie, verabredet, der mich mitnimmt in sein Arbeitsreich. Der gebürtige Wilhelmshavener ist schon seit 1991 vor Ort tätig, zunächst als Herrenschneider, später dann auch als Fundusverwalter und sogenannter Rüstmeister für die Rüstkammer des Theaters. Dort lagern sorgsam verschlossen hinter dicken Türen allerhand Waffen aus mehreren Jahrhunderten. Von Säbeln und Degen bis hin zu Salut-Gewehren, Bajonetten und Kalaschnikow-Attrappen findet man dort alles, auch Stahlhelme, englische „Bobby“-Polizistenhelme und Pickelhauben, sowie mehrere komplette Ritterrüstungen und Kettenhemden zählen zum Bestand. Schließlich soll sich der junge Werther auf der Bühne ja auch angemessen erschießen, oder Hamlet und Laertes einen möglichst realistischen finalen Fechtkampf führen.

Wie Stephan Parie mir an seinem kleinen, von Nähutensilien übersäten Schreibtisch sitzend im Herrenfundus berichtet, zählt zu seinen täglichen Aufgaben aber nicht nur die Bestandsverwaltung und Pflege der vorhandenen Kostüme, sondern auch der sogenannte Abenddienst. Schon etwa eine Stunde vor Vorstellungsbeginn ist Parie im Haus, sortiert die für die Aufführung benötigten Kostüme und bringt sie in den Backstage-Bereich. Wenn dann das Schauspiel, die Oper oder das Musical in vollem Gange ist, steht er auf der Seitenbühne bereit, kennt die Abläufe und weiß, wann welcher Schauspieler in welche Klamotte schlüpfen muss. Da teils auch Kostümwechsel binnen Sekunden notwendig sind, kümmern sich manchmal gleich mehrere Personen um einen einzigen Schauspieler, um beim Aus- und Anziehen zu helfen. Und sollte einmal während der Vorstellung etwas kaputt gehen, hält Parie immer eine Handvoll Sicherheitsnadeln bereit - oder läuft, sofern es die Zeit zulässt, schnell hoch in den Fundus und besorgt ein identisches Ersatzkostüm. So kann es sein, dass der Tag von Stephan Parie erst gegen 22.30 oder 23 Uhr endet, Aufräumen und Transport der Kostüme zurück in den Fundus inklusive.

Auf meine unvermeidliche Frage, wie viele Kostüme denn der Herren- und Damenfundus des Staatstheaters beheimatet, kann selbst ein Experte wie Stephan Parie keine definitive Antwort geben. Der gelernte Herrenschneider runzelt die Stirn und seufzt. „Das ist schwierig: Wo fängt man an, was ist ein Kostüm? Zusammen mit unserem Außenlager am Fliegerhorst würde ich schätzen, etwa 350.000 bis 500.000 Kostüme.“ Am Fliegerhorst an der Alexanderstraße lagert das Staatstheater vor allem solche Bekleidung, die in großen Mengen vorhanden ist und nicht allzu oft zum Einsatz kommt, beispielsweise ganze Uniformserien für die Luftwaffe, Feuerwehr oder Polizei. Diese dienen dann auch dazu, beizeiten etwas improvisieren zu können, wenn sehr spezifische Kostüme benötigt werden. „Wir haben vor einiger Zeit Pique Dame aufgeführt, eine Oper“, erzählt Stephan Parie. „Da sie in Russland spielt, wurden russische Uniformen benötigt. Dafür haben wir Uniformen der Luftwaffe genommen, neue Knöpfe aufgenäht, die aufgesetzten Taschen abgenommen und nur die Patten so belassen, und andere Dienstgrad-Abzeichen aufgesetzt. So kamen sie der Optik der russischen Uniformen sehr nahe.“ Wenn dann auch noch der hauseigene Chor sowie Statisten komplett einheitlich auftreten sollen, benötigt Parie schnell mal 40 bis 50 identische Uniformen - und ist froh, dass er gute Beziehungen zur Polizei und anderen Behörden pflegt, die ihre ausgemusterte Bekleidung gerne an das Staatstheater weitergeben.

Der umfangreiche Bestand hat dem Oldenburger Kostümfundus mittlerweile auch einen sehr guten Ruf in der deutschen Theaterlandschaft eingebracht. „Wir sind bekannt für unsere gute Ausstattung an Uniformen aus dem Dritten Reich“, berichtet Stephan Parie. Nicht selten kommt es vor, dass sich Kleidungsstücke auch auf die Reise in andere Theater machen und auf Leihbasis auf anderen Bühnen verwendet werden. Ein ganz besonderes, da international gefragtes Stück ist ein präpariertes Gewehr, das von der hausinternen Schlosserei umgebaut wurde. Im Theaterstück „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ will die Protagonistin ihrem Ehemann einen Schreck einjagen und zielt mit einem Gewehr auf ihn: Aus dem Lauf schießt aber lediglich ein Regenschirm heraus. Eine derart ungewöhnlich präparierte Waffe ist selbst in deutschen Theater-Rüstkammern eine Seltenheit - und so wurde das Regenschirm-Gewehr sogar bis in die Schweiz verliehen, um dort für Aufführungen zum Einsatz zu kommen.

Damit auch weiterhin externe Spielstätten sowie das Staatstheater selbst auf die große Vielfalt des Fundus zugreifen können, sind groß angelegte jährliche Pflegemaßnahmen notwendig. Mindestens einmal im Jahr wird daher ein Kammerjäger durch die beiden Etagen des Damen- und Herrenfundus geschickt - denn wo Kleidungsstücke hängen, sind auch Motten oft nicht weit. Meistens geschieht diese große Abwehraktion in der Sommerpause des Theaters: Nach der kompletten Berieselung der Räume mit einem Insektenschutzmittel werden alle Zugangstüren verschlossen und Warnschilder angebracht, ehe Stephan Parie und seine Damenfundus-Kollegin Waltraut Sonnert nach einigen Tagen wieder erste Schritte in ihre Kostümsammlung wagen dürfen.

Dass Menschen wie Stephan Parie und Waltraut Sonnert ihr Handwerk perfekt beherrschen, durfte ich schon selbst persönlich erleben. Als ich für ein Theaterstück im Oldenburger Uni Theater einige spezielle Kostüme benötigte, führte mich die Suche auch in den Staatstheater-Fundus. Ein prüfender, musternder Blick von oben bis unten, und schon ist die Konfektionsgröße ohne weitere Nachfragen bestimmt. Eine kurze Beschreibung des benötigten Kostüms - Farbe, Muster, Epoche, Accessoires - und dann verschwindet der Fundusverwalter in den Weiten der Kleiderstangen und kommt alsbald mit passenden Beispielen zurück. Nicht selten gibt es beim Blick in das eingenähte Schildchen auch entsprechende Anekdoten zu den Schauspielern, die damit bereits auf der Bühne standen, oder zu den Produktionen, bei denen das Kleidungsstück zum Einsatz kam. So hat jedes Kostüm seine ganz eigenen Geschichten - sei es ein Smoking, ein Abendkleid aus den 50er Jahren, eine napoleonische Militäruniform oder der glitzernde Zauberer-Mantel.

Mel ist ein echtes Oldenburger Kind und wurde nicht nur in der Stadt an der Hunte geboren, sondern kehrte nach der Kindheit auf dem Land auch für ihr Studium der Anglistik und Philosophie zurück zu ihren Wurzeln., © Melanie Tönnies

Autor: Mel

Mel ist ein echtes Oldenburger Kind und wurde nicht nur in der Stadt an der Hunte geboren, sondern kehrte nach der Kindheit auf dem Land auch für ihr Studium der Anglistik und Philosophie zurück zu ihren Wurzeln. Mittlerweile arbeitet sie als Online-Redakteurin für ein Apple-Magazin und steht in ihrer Freizeit am liebsten im Oldenburger Unikum/OUT auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Vom Probenstress erholt sie sich auf ihrem Rennrad, am Gamepad ihrer PS4 und vor allem am Meer - das ist ja glücklicherweise gleich um die Ecke.

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