Dass man sich mit den heimischen Pilzsorten vertraut zu machen hatte, war früher eine Überlebensnotwendigkeit. Ohne die Kenntnis essbarer Arten konnte das Pilzsammeln nämlich schon mal tödlich enden., © Anke von Heyl
10.01.2018

Leckerbissen fürs Hirn

Anke von Heyl ist Kunsthistorikerin und als Kulturtussi verbreitet sie Kunst und Kultur im Netz., © Anke von HeylAutor: Kulturtussi
Anke von Heyl ist Kunsthistorikerin und als Kulturtussi verbreitet sie Kunst und Kultur im Netz. Ihr Motto: „Kultur beginnt im Herzen eines jeden Einzelnen."

Oder warum Pilzmodelle Leben retten können

Pünktlich zur Leckerbissen-Führung um 12.30 Uhr stehe ich im Landesmuseum Natur und Mensch bereit. Dieses kurze und knackige Angebot hat mich interessiert. Und mit kulinarischen Begriffen kann man mich sowieso locken. Ach ja, die Leckerbissen sind fürs Hirn gedacht und werden vom Landesmuseum als „Überraschendes zur Mittagszeit“ angeboten. Und es gab die versprochenen Überraschungen. Mehr als ich erwartet hatte.
Passend zur Jahreszeit hat sich Maria Will etwas ganz Besonderes ausgedacht. Sie ist als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Uni Oldenburg immer wieder für das Museum tätig und versammelt nun einen Kreis Interessierter um sich. Die meisten nehmen offenbar nicht zum ersten Mal an so einer Führung teil. Das spricht für das Programm! Für mich ist es spannend, ein Museum, das ich gar nicht kenne, mal von einer anderen Seite kennenzulernen. Anstatt mir einen Überblick zu verschaffen, geht es sofort ins Detail!

Beziehungsweise: wir gehen in die Pilze – wie der Volksmund so gerne sagt. Zum Anfüttern zeigt Maria Will uns ein kleines Modell, über das wir gleich noch mehr erfahren sollen. Es sind zwei nebeneinanderstehende Pilze. Täuschend echt sehen die aus. Was es damit auf sich hat? Kommt noch.
Doch zunächst heißt es „Treppen steigen“. Bis ganz unter das Dach des Gebäudes, in welchem das von Großherzog Paul Friedrich August gegründete Museum seit 1880 residiert. Oben angekommen, drängelt sich unsere kleine Gruppe zwischen Depotschränken und Tierpräparaten zusammen. (Waaaah. Die Riesenschlange wirkt lebendig! Und da hinten, Raubkatzen. Schnell ein Foto für den #Depotdienstag machen!)

So unspektakulär diese Pilzmodelle aus Gips bzw. einer Porzellankompositionsmasse auf den ersten Blick wirken, die uns Maria Will jetzt zeigt, so wichtig war ihr Einsatz früher. Denn die Menschen lebten viel selbstverständlicher von dem, was die Natur zur Verfügung stellte. Dass man sich mit den heimischen Pilzsorten vertraut zu machen hatte, war eine Überlebensnotwendigkeit. Ohne die Kenntnis essbarer Arten konnte das Pilzsammeln nämlich schon mal tödlich enden.

 Und so gab es vor allem für Schulen im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts Lehrsammlungen zu kaufen, mit denen die Kenntnisse über die lokale Pilzwelt vermittelt wurden. So gerne ich Pilze esse, ich würde mir im Leben nicht zutrauen, welche in freier Natur zu pflücken. Wobei, einen Steinpilz kann ich vielleicht doch erkennen?!

Naturgetreue Sammelleidenschaft

Die Pilzmodelle im Landesmuseum haben wir unter anderem einem gewissen Herrn Arnoldi zu verdanken, der in Gotha solche Nachbildungen herstellte und vor allem für seine nach ihm benannten Obst-Kabinette bekannt war. Ich würde es im Übrigen großartig finden, wenn heute wieder solches Wissen an die Kinder weitergegeben werden könnte.

Kurator kommt von Kümmern

Bei meinem Besuch merke ich, wie wichtig es ist, dass sich Menschen um den Erhalt von Wissen und wissenschaftlichen Sammlungen kümmern. Hier nimmt man es mit dem Begriff Kurator wörtlich! Maria Will hat sich der Pilze angenommen, die in den vielen Schubladen lange ein wenig in Vergessenheit geraten war. Sie erzählt, dass sie nur mit erheblicher Mühe ursprüngliche Zusammenhänge und Beschriftungen rekonstruieren konnte.

Als die meisten Teilnehmer schon gegangen sind (viele gönnen sich eine kleine Auszeit am Tag, die mit Wissen gefüllt wird) zeigt mir Maria Will noch eine Entdeckung, die sie hier oben unter dem Dach gemacht hat. Wir betreten dazu einen weiteren Raum (vorbei an der Schlange!!!) und stehen vor einem Monstrum von Holzschrank. Okay…. Was ist daran jetzt besonders, denke ich noch. Als Frau Will ihn öffnet, kann ich einen kleinen Ausruf des Erstaunens nicht unterdrücken.

Hinter gefühlten Hunderten kleiner Schubladen verbirgt sich das sogenannte Hofstetter Herbarium. Ich kriege mich gar nicht mehr ein, so geheimnisvoll und außergewöhnlich finde ich die handschriftlich beschriebenen Zettelchen, die jede maßgefertigte Schublade zieren. Was für eine Arbeit, welche Sorgfalt. Und alles, um über 100 Nadelbaumarten zu sortieren. Heimische und ausländische – sogar aus Zentralasien sind welche dabei.

Marie Will berichtet, wie sie diese Sammlung wiederentdeckt hat. Und dass sie selber überrascht über die Vollständigkeit der Sammlung war. Lediglich ein leeres Tütchen fand sie darin. Ansonsten ist nahezu komplett erhalten, was der königliche Universitätsgärtner aus Tübingen damals fertigte und im Jahr 1870 an die großherzogliche Sammlung verkaufen konnte.

Mir hat dieser Leckerbissen aus dem Landesmuseum Natur und Mensch sehr geschmeckt. Mein Hirn ist gesättigt mit Wissen, das ich dann und wann bestimmt noch einmal hervorholen werde.

Weitere Infos:

Aktuelle Termine für die "Leckerbissen fürs Hirn" und Informationen zu weiteren Veranstaltungen im Landesmuseum Natur und Mensch gibt es hier.

Anke von Heyl ist Kunsthistorikerin und als Kulturtussi verbreitet sie Kunst und Kultur im Netz., © Anke von Heyl

Autor: Kulturtussi

Nachdem sie als klassische Kunsthistorikerin ausgebildet war, hat sich Anke von Heyl der Vermittlungsarbeit verschrieben. Es folgten einige Jahre im öffentlichen Dienst. Dann ging sie neue Wege und 2006 erblickte die Kulturtussi das Licht der Welt. Was als Blog mit einer persönlichen Sicht auf die Kunst begann, ist heute Bestandteil ihres Jobs geworden. „Mir ist es wichtig, dass man über Kunst und Kultur ins Gespräch kommt. Das auf verschiedenen Wegen anzuleiten, ist mein Beruf. Ich bin immer wieder happy, wenn es mir gelingt, Begeisterung zu wecken.“

Anke von Heyl arbeitet als Autorin, Kunstvermittlerin und Social Media Expertin für verschiedene Auftraggeber und lebt mit ihrem Mann in einer alten Brikettfabrik in Frechen bei Köln. Ihre Familie stammt aus Niedersachsen und als Kind hat sie einige Jahre in Delmenhorst gelebt. Dort sei ihr die Liebe zum Norden implantiert worden, sagt sie heute. Deswegen freut sie sich jetzt sehr, ihren Blick auf die Kultur in Oldenburg werfen zu dürfen.

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