Die Ausstellung erzählt mittels verschiedenster Exponate den Lebensweg eines Schamanen, und zwar vom Tag seiner Geburt bis hin zu seiner Berufung als Heiler., © Anke von Heyl
12.04.2018

Geheimnisvolle sibirische Heiler

Mel ist ein echtes Oldenburger Kind und wurde nicht nur in der Stadt an der Hunte geboren, sondern kehrte nach der Kindheit auf dem Land auch für ihr Studium der Anglistik und Philosophie zurück zu ihren Wurzeln., © Melanie TönniesAutor: Mel
Mel ist ein echtes Oldenburger Kind und wurde nicht nur in der Stadt an der Hunte geboren, sondern kehrte nach der Kindheit auf dem Land auch für ihr Studium der Anglistik und Philosophie zurück zu ihren Wurzeln.

Wohl jeder hat den Begriff Schamane schon einmal gehört: Umschreibungen wie Geisterbeschwörer, Scharlatane und Wahrsager werden dabei oft genannt. Doch was genau macht einen Schamanen eigentlich aus, wie leben und wirken sie - und ist die allgemeine Bezeichnung wirklich akkurat? Ein Besuch in der Sonderausstellung des Landesmuseums für Natur und Mensch soll auch mir Antworten auf diese Fragen geben.

Schon auf der Fahrt zum Landesmuseum für Natur und Mensch mache ich ein kleines Brainstorming und frage mich, was ich so alles über Schamanen weiß. Schlussendlich muss ich, angekommen vor dem Haupteingang des Museums, feststellen: Nicht gerade viel. Umso gespannter bin ich auf die Sonderausstellung mit dem Untertitel „Jäger und Heiler Sibiriens“, die seit dem 17. März und noch bis zum 16. September 2018 besucht werden kann.

Beim Betreten der Ausstellung im Obergeschoss des Museums wird schnell klar: Der Begriff Schamane ist doch nicht so allgemein anwendbar, wie ich zunächst dachte. So erfahre ich direkt am Eingang auf einer großen Karten-Schautafel, dass vor allem den drei Ethnien der Nanai, Korjaken und Čukčen in dieser Sammlung viel Bedeutung zukommt. Die Ausstellung erzählt mittels verschiedenster Exponate den Lebensweg eines Schamanen, und zwar vom Tag seiner Geburt bis hin zu seiner Berufung als Heiler.

Das Landesmuseum für Natur und Mensch hat dafür mit zwei weiteren deutschen Museen kooperiert und zeigt einige interessante Objekte aus dem eigenen Fundus, aber auch Alltags- und Ritualgegenstände, die teils zum ersten Mal überhaupt öffentlich zu sehen sind. Mein neugieriger Blick wandert gleich zum lebensgroßen Eisbären, der sich bedrohlich in der Mitte des leicht abgedunkelten Ausstellungsraumes aufbaut.

Bevor ich ihn jedoch näher betrachte, widme ich mich zunächst den Exponaten aus der Schamanen-Kindheit, darunter eine aufwändig verzierte Wiege und Kinderkleidung der Nanai aus Fischhaut. Besonders ein Paar Stiefel für die Kleinen hat es mir angetan: Auch wenn die Treter schon mehr als 100 Jahre alt sind, wirken sie hervorragend verarbeitet und sorgfältig vernäht. Sogar das Muster der Fischschuppen lässt sich bei genauerem Hinsehen noch erkennen.

Auf meinem chronologischen Weg durch die Ausstellung begegne ich immer wieder auch typischen Tieren des sibirischen Lebensraumes, so unter anderem einem gesattelten Rentier, einem listig dreinschauenden Wolf und einem anmutigen Polarfuchs.

Und natürlich dem bereits erwähnten Eisbären. Als ich diesem mit seinen riesigen Pranken, den großen, spitzen Zähnen und weit aufgerissenem Maul aus nächster Nähe gegenüberstehe, wird mir doch etwas mulmig zumute. Die Schamanen, die sich vor ihrer Berufung als Heiler oft als Jäger betätigen, dürften solchen Exemplaren sicher häufiger in freier Wildbahn begegnet sein - und das nicht im regungslosen, ausgestopften und völlig ungefährlichen Zustand. Als ich dann auch noch in einer der zahlreichen Vitrinen entdecke, mit welch simplen Waffen die sibirischen Völker ausgestattet waren, wird mein Respekt umso größer: Einfache Pfeile, Fangnetze, Schleudern, Fallen, Messer, Speere und Harpunen dienten bis zur Einführung von Gewehren im 19. Jahrhundert zur lebensnotwendigen Jagd in der rauen Natur Sibiriens.

Natürlich kommt auch die Spiritualität der Schamanen nicht zu kurz. Aus einer hinteren Ecke der Ausstellung ertönen hypnotische Trommelschläge, die mir einen kleinen Vorgeschmack auf die rituellen Zeremonien geben. Mit Hilfe eines Ritualgewands, Gesängen, Tanz, Meditation und teils auch der Einnahme von bewusstseinsverändernden Pflanzen versetzt sich der Schamane in Trance und versucht, mit der Geisterwelt Kontakt aufzunehmen. Das Museum zeigt auch zu diesem Thema zahlreiche Gegenstände wie ein kunstvoll gefertigtes Zeremoniengewand, Handschuhe, Amulette, Heilpflanzen und Kultfiguren. Besonders interessant ist für mich in diesem Zusammenhang ein Schamanengürtel, der von den Nanai bei rituellen Tänzen verwendet wurde. Ganze 18 trichterförmige Metallanhänger wurden an ihm angebracht und halfen, besondere Klänge zu erzeugen. Bedenkt man, dass diese zu einem tranceartigen Zustand führenden Zeremonien oft mehrere Stunden oder gar Tage andauerten, musste ein Schamane zweifellos eine ziemlich gute Kondition haben.

Bevor ich mich von meinem liebgewonnenen Eisbären und seinen tierischen Freunden verabschiede, spannt die Ausstellung noch einen Bogen zur Lebensweise der Menschen in der Eiszeit, die der der sibirischen Ethnien und ihren Heilern nicht unähnlich war. Vor allem die kunstvoll handgefertigten Figuren der Nanai weisen eine große Ähnlichkeit zu ihren viel älteren Pendants auf - mit dem Unterschied, dass mehrere tausend Jahre zwischen ihrer Entstehung liegen. Ehrfürchtig stehe ich vor der Vitrine mit diesen kleinen Skulpturen und frage mich, ob bereits vor so vielen Jahrtausenden Schamanismus im Alltag der Menschen präsent war.

Auch heute ist dieses Konzept wiederbelebt worden, und das nicht nur in Sibirien, sondern auch in Westeuropa. Der sogenannte Neo-Schamanismus verbindet indianische und sibirische Einflüsse, wie ich anhand eines Infotextes und einigen ausgestellten Schamanismus-Ratgebern in Buchform erfahre. Und selbst die Kleinsten unter uns können sich über Schamanen als Playmobil-Figuren freuen.

Als ich die schwere Tür zur Ausstellung nach diesem kurzen Ausflug in eine fremde Welt hinter mir schließe, denke ich noch einen Moment lang nach: Mir wird klar, dass wir den Begriff des Schamanen oft in einem falschen, verallgemeinernden Kontext verwenden und viel zu wenig über das Leben und Wirken dieser besonderen Menschen wissen. Nach dem Besuch im Museum wird mir das so schnell nicht wieder passieren.

Mehr Infos zur Schamanen-Sonderausstellung gibt es auf der Museums-Website (http://www.naturundmensch.de/sonderausstellungen.html) Das Landesmuseum Natur und Mensch öffnet Dienstag bis Freitag von 9 bis 17 Uhr, sowie Samstag und Sonntag von 10 bis 18 Uhr seine Pforten für Besucher. Eine Tageskarte für alle Ausstellungen ist für 4,00 Euro (erm. 2,50 Euro) erhältlich.

Mel ist ein echtes Oldenburger Kind und wurde nicht nur in der Stadt an der Hunte geboren, sondern kehrte nach der Kindheit auf dem Land auch für ihr Studium der Anglistik und Philosophie zurück zu ihren Wurzeln., © Melanie Tönnies

Autor: Mel

Mel ist ein echtes Oldenburger Kind und wurde nicht nur in der Stadt an der Hunte geboren, sondern kehrte nach der Kindheit auf dem Land auch für ihr Studium der Anglistik und Philosophie zurück zu ihren Wurzeln. Mittlerweile arbeitet sie als Online-Redakteurin für ein Apple-Magazin und steht in ihrer Freizeit am liebsten im Oldenburger Unikum/OUT auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Vom Probenstress erholt sie sich auf ihrem Rennrad, am Gamepad ihrer PS4 und vor allem am Meer - das ist ja glücklicherweise gleich um die Ecke.

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