Im Zentrum des Raumes steht natürlich der außergewöhnliche Moorblock., © Stephan Walzl
30.01.2019

Gefühl für die Landschaft

Anke von Heyl ist Kunsthistorikerin und als Kulturtussi verbreitet sie Kunst und Kultur im Netz., © Anke von Heyl Autor: Kulturtussi
Anke von Heyl ist Kunsthistorikerin und als Kulturtussi verbreitet sie Kunst und Kultur im Netz. Ihr Motto: „Kultur beginnt im Herzen eines jeden Einzelnen."

Ein emotionaler Besuch im Landesmuseum Natur und Mensch

Bei meinem ersten Mal im Landesmuseum  Natur und Mensch hatten sie mich schon magisch angezogen. Die Räume mit dieser besonderen Szenographie. Damals hatten sie mir schon einige Gedanken mit auf den Heimweg gegeben. Aber weil ich mich auf eine andere Geschichte aus dem Museum konzentriert hatte, habe ich mir die künstlerisch gestalteten Räume im historischen Museumsbau von 1879 für einen zweiten Besuch aufgehoben.
Ich glaube, es gibt niemanden, der das Museum besucht, der nicht von diesen Räumen beeindruckt ist. Sie sind zwischen 1999 und 2006 bei einer Neukonzeption der Dauerausstellung für das Haus entstanden. Mittlerweile auch preisgekrönt zeigen die Themenräume „Moor“, „Geest“ und „Küste“ ein künstlerisches Gesamtkonzept für das die Münchener Künstlergemeinschaft „Parameter“ verantwortlich ist. Sie gestalteten in einem der ältesten Museen Deutschlands ein begehbares Gesamtkunstwerk.

Moorblick am Moorblock

Im Zentrum des Raumes steht natürlich der außergewöhnliche Moorblock. Als ich Jennifer Tadge nach ihrem Lieblingsobjekt im Museum frage, nennt sie ohne zu Zögern dieses. Ich mache mit der Pressesprecherin des Hauses einen Rundgang durch das Haus und wir sind uns sofort einig: so, wie hier über Bilder kommuniziert wird, wird die Botschaft „Natur und Mensch“ in den Köpfen der Besucher verankert. Dafür muss man auch Abstriche machen, erzählt mir Tadge, denn mal eben die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse einpflegen, funktioniert hier nicht. Darauf käme es aber bei dieser Art der Präsentation auch gar nicht an. Was macht die Räume also so besonders?

Schauen wir uns den gigantischen Moorblock einmal genauer an. Eine raumgreifende Installation, die quasi einen Querschnitt durch das Moor liefert. Moorleichen inklusive. Dass man sich beim Betrachten dieser speziellen Exponate nicht komisch fühlt, hat sicher viel mit der respektvollen Art der Präsentation zu tun. Die Fundstücke liegen so geborgen und selbstverständlich im Moor, das über Jahrhunderte vieles verschluckt hat. Ein Phänomen, das zur Geschichte der Landschaft gehört. Es ist aber auch ein Aspekt der Kulturgeschichte der Region, den die Künstler in ihrem überdimensionalen Querschnitt deutlich machen.
An dieser Stelle kommt mir der Name des Museums in den Sinn. Landesmuseum Natur und Mensch. Darum geht es! Um die Natur und die Veränderungen, die eben auch vom Menschen ausgehen. Seit 1962 beschäftigen sich die Wissenschaftler mit der sogenannten Moor-Archäologie. Beim Umrunden des Moorblocks, den man aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten kann, vollzieht der Besucher das nach und wenn man den Blick hebt, sieht man die Oberfläche des Moores mit all seiner Fauna und Flora. Was darunter verborgen ist, wird seit dem Trockenlegen der Moore wieder ans Licht geholt.

Wunderkammer heute

Dass die Region einen besonderen Stellenwert in der Präsentation des Museums einnimmt, war nicht von Anfang an so gedacht. Im 19. Jahrhundert kümmerte man sich mehr um die Volksbildung und Großherzog Paul Friedrich wollte den Menschen vornehmlich über ihre eigene Umwelt und Geschichte bilden. Die Menschen sollten zum Staunen gebracht werden, was vielleicht damals nicht ganz so schwierig war wie heute. Und dann konnte man ihnen die Welt erklären.
Mich hat sehr entzückt, dass diese Idee sich bis heute im Hundertjährigen Raum erhalten hat. Das historische Naturalienkabinett zeigt, wie das Museum in seinen Anfängen ausgesehen hat. Die Faszination, die davon ausging, ist bis heute ungebrochen und ich kann mich der Magie nicht entziehen, als ich zwischen den Holzvitrinen umhergehe. Für die Neugestaltung hat man sich dann offensichtlich der Frage gestellt, wie kann so eine Wunderkammer im 21. Jahrhundert aussehen?

Steinliebe oder die Wirksamkeit der Kunst

Besonders gelungen ist die Antwort für mich in einer Installation von schwebenden Steinen, die über der Darstellung einer Nord-Europa-Karte hängen. An dieser Stelle geht es um das Thema „Geest“ und die Entstehung der regionalen Landschaft.

Ich liebe Steine und sammele sie in meinen Urlauben. Besonders verfolgt mich dabei der Gedanke, dass sie vor vielen Tausenden von Jahren von einem anderen Ort kamen. So verkörpern sie für mich auch das Phänomen der vergangenen Zeit. Im Museum geben sie so wortwörtliche Denkanstöße zu den Themen von Landschaftsveränderungen und Klimaeinflüssen. Man erinnert die Eiszeit, in der sie von Skandinavien bis zu uns geschoben wurden.
Parameter– das sind Rainer und Tobias Wittenborn sowie Michael Lukas – haben mit ihren künstlerisch inszenierten Räumen keineswegs simple Bilder geschaffen. Nicht immer lösen die sich sofort auf in die Informationen dahinter. Das Schöne ist, dass sie Neugier erzeugen. Neugier, auch mehr zu erfahren über die Hintergründe.

Ein Raum, bei dem die Bildinformation auf einmal sehr direkt wirkt, ist der Raum, der die Nutztierhaltung thematisiert. Mit Schweinenasen und anderen Tierköpfen zeigt sich das Pro-Kopf-Verhältnis von Menschen und Tieren im Verlauf der letzten 100 Jahre. Obwohl ich eigentlich um die Problematik Massentierhaltung weiß – eindrücklicher als mit dieser Installation ist es mir nie vor Augen geführt worden.

Nachglühen

Die Bilder haben noch lange in meinem Kopf gewirkt. Und jede Menge Fragen aufgeworfen. Bewirken sie etwas bei mir und bei anderen Besuchern? Vielleicht sogar in die Richtung, dass man achtsamer ist im Umgang mit der Natur? Ich glaube, die Chance steht höher, als wenn man mit viel Faktenwissen daherkommt. Menschen werden in erster Linie über Emotionen erreicht. Bei mir hat das besonders gut funktioniert, wo die Räume poetisch und leise sind. An vielen Stellen finden sich Hinweise in der Ausstellung, wie sehr sich die Landschaft in das Unterbewusstsein der Menschen eingeschrieben hat. Und ich bin überzeugt davon, dass ich die Region auch in mir trage. Aus meinen ersten Kindertagen, die ich in Delmenhorst verbracht habe, ist mir zum Beispiel die Moorlandschaft in lebendiger Erinnerung. Und so schließt sich der Kreis bei diesem Museumsbesuch, an den ich immer wieder gerne zurückdenke.

Lust auf mehr. Infomationen zur Dauerausstellung und zu aktuellen Aktionen im Landesmuseum Natur und Mensch gibt es hier: www.naturundmensch.de.

Anke von Heyl ist Kunsthistorikerin und als Kulturtussi verbreitet sie Kunst und Kultur im Netz., © Anke von Heyl

Autor: Kulturtussi

Nachdem sie als klassische Kunsthistorikerin ausgebildet war, hat sich Anke von Heyl der Vermittlungsarbeit verschrieben. Es folgten einige Jahre im öffentlichen Dienst. Dann ging sie neue Wege und 2006 erblickte die Kulturtussi das Licht der Welt. Was als Blog mit einer persönlichen Sicht auf die Kunst begann, ist heute Bestandteil ihres Jobs geworden. „Mir ist es wichtig, dass man über Kunst und Kultur ins Gespräch kommt. Das auf verschiedenen Wegen anzuleiten, ist mein Beruf. Ich bin immer wieder happy, wenn es mir gelingt, Begeisterung zu wecken.“

Anke von Heyl arbeitet als Autorin, Kunstvermittlerin und Social Media Expertin für verschiedene Auftraggeber und lebt mit ihrem Mann in einer alten Brikettfabrik in Frechen bei Köln. Ihre Familie stammt aus Niedersachsen und als Kind hat sie einige Jahre in Delmenhorst gelebt. Dort sei ihr die Liebe zum Norden implantiert worden, sagt sie heute. Deswegen freut sie sich jetzt sehr, ihren Blick auf die Kultur in Oldenburg werfen zu dürfen.

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