Selbst inmitten von schützenden Pappecken und Luftpolsterfolie, Reinigern und Lappen wirken die Fotos ganz anders als noch vor zwei Tagen auf dem Computerbildschirm., © Phyllis Frieling
16.02.2018

Von Aufbau-Marathon und Zollstock-Wahnsinn

Während ihres Studiums der Kulturwissenschaften und Wirtschaftswissenschaften lernte Phyllis Bremen und später auch Oldenburg kennen. Für die Ausbildung zur Redakteurin zog sie schließlich Anfang 2017 nach Oldenburg., © mediavanti Autor: Phyllis
Während ihres Studiums der Kulturwissenschaften und Wirtschaftswissenschaften lernte Phyllis Bremen und später auch Oldenburg kennen. Für die Ausbildung zur Redakteurin zog sie schließlich Anfang 2017 nach Oldenburg.

Dienstag, 13.2.2018
Ein Handy klingelt. Kurzes Gespräch, dann ist klar – die WPP ist da. Die Tasche mit den wichtigsten Materialien ist gepackt: Zollstock, Post-Its und Wasserwaage. Von der Agentur dauert es mit dem Auto nur zehn Minuten bis zum Schloss. Und genau dort geht es jetzt hin.

12 Uhr, Landesmuseum:
Das Tor knarzt, die Reifen quietschen, die Rampe kracht mit einem Knall auf das Kopfsteinpflaster. Der Transporter mit den langersehnten roten Kisten ist endlich da: Die World Press Photos 2017 sind in Oldenburg angekommen! Wie kleine Kinder vorm Weihnachtsbaum stehen wir wieder einmal mit großen Augen vor den noch verpackten Geschenken. Aufmachen? Leider noch nicht. Erst morgen, wenn Sanne Schim van der Loeff und Carla Evelyn Vlaun, die Kuratorinnen der Stiftung, angekommen sind. Dass man immer so hingehalten werden muss...

Mittwoch, 14.2.2018
10 Uhr: Auspacken? Auspacken! Die großen roten Kisten verlieren plötzlich viel von ihrem Charme, wenn man sie bis ins Dachgeschoss befördern muss. Sehr viel. Wenigstens gibt es den Lastenaufzug, der uns die Arbeit erleichtert – so bleiben uns die 82 Stufen, die in die Ausstellungräume führen, erspart. Vorerst. Mit etwas Muskelkraft und guten Rangierfähigkeiten kommen die World Press Photos über den Dachstuhl des Schlosses dann in ihrem neuen Zuhause auf Zeit an.

Und da ist er, dieser besondere Moment, wenn die Mitarbeiterinnen der Stiftung die Kisten öffnen und wir die ersten Bilder herausziehen dürfen. Selbst hier, inmitten von schützenden Pappecken und Luftpolsterfolie, Reinigern und Lappen wirken die Fotos ganz anders als noch vor zwei Tagen auf dem Computerbildschirm. Wir schlucken. Sind begeistert. Erschüttert. Verschwiegen. Dann: lachen. Emotionale Achterbahn? Oh ja. Bei diesen Motiven immer wieder.

11 Uhr: Sanne und Carla sehen sich in den Räumen um, machen sich ein Bild von der Architektur des Schlosses. „Jeder Ausstellungsort ist anders, deshalb sieht keine World Press Photo-Ausstellung aus wie die andere“, verrät uns Sanne, die schon seit zwei Jahren durch die Welt reist und die weltbesten Pressefotos kuratiert. Eine feste Reihenfolge und Hängung der Bilder gibt es nicht, vielmehr entscheidet die Erfahrung der Kuratoren, welche Bilder wo im Ausstellungsort am besten zur Geltung kommen. Während sich die beiden Ausstellungsmanagerinnen also beraten, gibt es letzte Anweisungen von Julia Makowski, die die Ausstellung nun zum dritten Mal auf organisatorischer Seite für Mediavanti betreut. Ein Glück, dass wir die Seile für die Hängung der Bilder längst sortiert haben.

12.45 Uhr: Auf dem Boden reihen sich allmählich die Notizzettel: Zentimeterangaben, Reihenfolgen, Beschreibungen. Die jeweiligen Fotografien finden – nach mehrmaligen Verschieben, Herumtragen und Umentscheiden – ihren Platz in den Ausstellungsräumen. „Unsere Mission: Wir wollen, dass jedes einzelne Bild den perfekten Platz bekommt“, erklärt Carla, während sie auf dem Boden kniend das Layout bestimmt. Erste Pappecken werden behutsam abgenommen, Abstände zur Decke ausgemessen. Und dann finden die ersten Werke ihren finalen Platz an der Wand. Vorsichtig werden sie auf die Halterungen gehoben. Kurzer Check: Ja, so kann’s bleiben. Das erste World Press Photo des 2017er Jahrgangs hängt!

15 Uhr: Klebezettel weichen den Bildern, die Ausstellung wächst. Langsam. Stück für Stück, wie ein Puzzle. Ein verdammt großes Puzzle. Und je mehr Teile am richtigen Platz sind, desto klarer wird das Gesamtbild.

18 Uhr: Die ersten Aufbauhelfer haben den Kampf gegen die Hängeseile verloren und liegen verheddert zwischen Luftpolsterfolie und ausgemusterten Bilderhalterungen. Als Koordinatorin versucht Julia, den Überblick über die Gefallenen zu behalten. Stand der Dinge: Zwei am Boden, einer weint in der Ecke. Guter Mittelwert. Für heute ist Feierabend, morgen geht’s weiter.

Donnerstag, 15.2.2018:
Der erste Tag ist rum, die Füße bereits schwer, aber die Aufbauhelfer sind eingearbeitet. So langsam geht es allen flinker von den Händen: Notizzettel studieren, ausmessen, aufhängen, nachjustieren. Die Wasserwaage wird unser größter Feind und Freund zugleich. Augenmaß? Viel Glück in einem jahrhundertealten Schloss. Rechte Winkel schien man nicht zu kennen. Bilder gerade aufhängen? Wie gesagt, die Wasserwaage ...


15 Uhr: Jetzt, wo wir so langsam das Gefühl haben „Das klappt!“, winkt schon die nächste Aufgabe aus dem Multimedia-Raum: Die Digital Storytelling-Ausstellung. Eine riesige weiße Stele, die eigens für die Ausstellung in einem Oldenburger Atelier angefertigt wurde, verkleidet den 27-Zoll-Bildschirm, das Herzstück dieses Teils derAusstellung. Was es noch braucht: einen Beamer. Während unser Technik-Partner MPA Flashlight für die ordentliche Projektion, guten Sound und die richtige Verkabelung sorgt, widmet sich Carla den Inhalten. Großes Aufatmen: Touchscreen starten, USB-Stick rein und zack: die prämierten Videoproduktionen erscheinen auf der Leinwand. Läuft!

Freitag, 16.2.2018:
10 Uhr: Schlusssprint. Und verdammt, ja: Sprint! Auf Leitern gar nicht mal so einfach. Die Scheinwerfer wollen ausgerichtet werden, damit jede Fotografie im rechten Licht steht, und auch die Bildbeschriftungen müssen gehängt und die Werke selbst von Fingerabdrücken befreit werden. Außerdem sitzt uns die Pressekonferenz im Nacken: In vier Stunden müssen wir fertig sein.

13.30 Uhr: Ende im Gelände. Die Pressekonferenz wird vorbereitet, Stühle in die Ausstellungsräume gebracht. Die Aufbauhelfer huschen durch die Räume, checken ein letztes Mal die Bilder, die Abstände. Hängt alles gerade? Sind die World Press Photos perfekt ausgeleuchtet? Funktioniert der Touchscreen der Digital Storytelling-Beiträge? Sind alle Hinweisschilder an den richtigen Orten angebracht, alle Bildbeschreibungen lesbar?

Der Stress fällt ab, wir kommen runter. Streifen durch die Ausstellungsräume. Sehen uns die Bilder an, ohne Hektik, ohne Zeitdruck. Und merken: Es lohnt sich. Jedes Jahr aufs Neue.

Während ihres Studiums der Kulturwissenschaften und Wirtschaftswissenschaften lernte Phyllis Bremen und später auch Oldenburg kennen. Für die Ausbildung zur Redakteurin zog sie schließlich Anfang 2017 nach Oldenburg., © mediavanti

Autor: Phyllis

Phyllis Frieling ist Volontärin bei Mediavanti – die Agentur, die die World Press Photo-Ausstellung 2016 nach Oldenburg geholt hat. Bevor sie in Norddeutschland landete, arbeitete sie als Praktikantin und freie Mitarbeiterin für eine Lokalredaktion in ihrer Heimat, NRW. Während ihres Studiums der Kulturwissenschaften und Wirtschaftswissenschaften lernte sie Bremen und später auch Oldenburg kennen. Für die Ausbildung zur Redakteurin zog sie schließlich Anfang 2017 nach Oldenburg. An der kleinen Schwester Oldenburgs gefällt ihr vor allem die Mischung aus Großstadt – ja, für ein Dorfkind ist Oldenburg eine Großstadt! – und den ländlichen Seiten ihrer neuen Wahlheimat. Ruhig, aber trotzdem voll mit Filmfest, Kultursommer, und eben den weltbesten Pressefotos…

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