Die Kandem Schreibtischleuchte Modell Nr. 756, Entwurf von Hin Bredendieck und Hermann Gautel, Ausführung von Körting & Mathiesen A.G., Leipzig, © Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg
12.10.2018

Stahlrohr-Möbel und Indi-Leuchten

Charlotte von Schelling ist seit kurzem Wahl-Oldenburgerin: Sie unterstützt als Wissenschaftliche Assistenz das Team im Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, © Charlotte von SchellingAutor: Charlotte
Charlotte von Schelling ist seit kurzem Wahl-Oldenburgerin: Sie unterstützt als Wissenschaftliche Assistenz das Team im Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte.

Weimar, Dessau, Berlin, vielleicht noch Chicago – Walter Gropius, Oskar Schlemmer, Marcel Breuer – so lauten gängigerweise die Schlagworte, die Orte und Namen, die man meistens mit dem Bauhaus, der berühmten Schule für Gestaltung, in Verbindung bringt. Man denkt vielleicht noch an schlichte alte Möbel, die mittlerweile ein kleines Vermögen kosten und in vielen Designsammlungen oder Museen für angewandte Kunst als Leuchtturm-Exponate einen Einblick in diese fantastische neuartige, weil damals so unglaublich ungewöhnliche geradlinige, unverschnörkelte Formensprache geben. Denn eine traditionelle, althergebrachte Kunstschule war das Bauhaus bei weitem nicht mehr.

Der Begriff Bauhaus lässt heute noch immer den Glanz der Aufbruchsstimmung vergangener Zeit anklingen, als Lehrer und Schüler es wagten, herkömmliche Strukturen nicht nur der Lehre, sondern auch des Denkens aufzubrechen. Denn obwohl heute viele Erzeugnisse des Bauhaus in Museen wie kostbare Schätze gehütet werden – was sie ja tatsächlich auch sind – und Firmen teure Lizenzen zur Nachproduktion der damals am Bauhaus entworfenen Möbel erwerben: Der ursprüngliche Gedanke am Bauhaus war nicht, Luxusgüter für eine kleine Anzahl reicher Sammler herzustellen, nein, der Alltag aller Menschen, der gesamten Gesellschaft sollte mittels guten Designs – ein damals übrigens noch gar nicht verwendeter Begriff – verbessert werden. Gute Gestaltung sollte alle Bereiche des Lebens durchdringen, Kunst und Leben sollten wieder miteinander in Verbindung gebracht werden, und zwar für alle. Das war das Ziel. Ganz schön anspruchsvoll!

Aber ist das überhaupt gelungen, fragt man sich, wenn man vor den Bauhaus-Exponaten in den Musentempeln der Museen steht? Mit Alltag hat das doch vermeintlich nicht mehr viel zu tun, außer man kann sich eine teure, offiziell lizenzierte Reproduktion eines Mies-van-der-Rohe-Sessels leisten. Für die breite Masse ist das doch nichts, denkt man vielleicht. Naja – ja und nein. Denn am Bauhaus wurde manches tatsächlich in Serie produziert, so wurde unter anderem der Unterricht dort finanziert. Die Absicht war durchaus, im Rahmen von Industriedesign die Objekte auch unter die Leute zu bringen. Außerdem könnte man sich auch noch die Frage stellen, was denn alle anderen Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler des Bauhaus, deren Namen heute vielleicht nicht mehr so schillernd klingen wie „Gropius“ etc., danach gemacht haben. Als Beispiele seien nur kurz das Design und Konzept der Ikea-Möbel oder auch die Raufaser-Tapeten genannt – alles wäre ohne das Bauhaus nicht vorstellbar.

Die Schüler verbreiten die Bauhaus-Lehre

Einen klassischen Bauhaus-Lebenslauf gibt es nicht. Aber wir wissen, dass die Ideen des Bauhaus, alles, was dort gelernt und gelehrt wurde, tatsächlich im Alltag weiter verbreitet wurden – so passiert zum Beispiel in Oldenburg, oder besser gesagt: Durch eine Handvoll Bauhaus-Schüler, die aus Oldenburg und Umgebung stammten. Hans Martin Fricke, Hin Bredendieck, Karl Schwoon, Hermann Gautel und Milon Harms lernten, teilweise zeitgleich, am legendären Bauhaus. Sie kamen dazu aus Oldenburg, Bad Zwischenahn und Aurich – einige hatten zuvor schon erste Ausbildungserfahrung am Oldenburger Werkhaus gesammelt. Jedoch nicht alle kehrten später zurück in die Heimat. Einer, der zurückkam, war beispielsweise Karl Schwoon. Mit seinen modernen Bauhausideen im Kopf war er nicht nur selbst bildender Künstler, sondern prägte das Kulturleben der Stadt als Mitglied der Vereinigung für junge Kunst und später, für ein paar Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, mit seiner „galerie schwoon“.

Am Oldenburger Werkhaus wurden auch Hermann Gautel und Milon Harms weitergebildet. Während man über Harms‘ Bauhauszeit kaum etwas weiß, kam Gautel als gelernter Dekorateur – sein Vater hatte einen Polsterei-Betrieb in Oldenburg – vom Werkhaus ans Bauhaus. Das Gespür für Möbeldesign und Innenausstattung wurde ihm also fast schon in die Wiege gelegt. Es folgten berufliche Stationen an den verschiedensten Orten. Nach kurzer „Schutzhaft“ wegen kommunistischer Tätigkeiten kehrte Gautel etwa 1933 wieder nach Oldenburg zurück und eröffnete hier in der Burgstraße ein innovatives Einrichtungsgeschäft, das er schlicht „für die wohnung“ nannte. Moderne Stahlrohrmöbel fanden sich auch in seinem Sortiment. Gautel sollte später jedoch der einzige sein, der den Zweiten Weltkrieg nicht überlebte.

Vom Bauhaus in die NSDAP – oder in die USA

Das Bauhaus mit seinen damals ultramodernen Ideen wurde vielen Politikern mehr und mehr ein Dorn im Auge. Progressivität und gleichgeschaltetes Denken passten natürlich nicht zusammen – denkt man zunächst. Dies stimmt in vielerlei Hinsicht auch. Auf Druck der Nationalsozialisten musste das Bauhaus 1933 schließen. Und doch war es nicht unmöglich, dass man am Bauhaus studierte und mit der Ideologie des Regimes sympathisierte – oder mehr noch, in die NSDAP eintrat wie Hans Martin Fricke. Er war wohl, kann man mutmaßen, einer der ganz wenigen, die später ihre Zeit am Bauhaus verleugnen sollten. Fricke, in gutbürgerlichen Verhältnissen in Oldenburg aufgewachsen, war einer der jüngsten Bauhausstudenten: Mit nur 16 Jahren zog er 1922 nach Weimar, um dort zu studieren. Mit Marcel Breuer arbeitete er in der Tischlerei am Bauhaus in Weimar zusammen. In Frickes Erinnerung war das Bauhaus allerdings nicht modern, progressiv und innovativ, sondern chaotisch und kommunistisch. 1926 verließ Fricke das Bauhaus, um an der Oldenburger Ingenieur-Akademie zu studieren. Er wurde Architekt, u.a. bei der Stadt Oldenburg und in Bremen – und schon 1932 NSDAP-Mitglied. Sein weiterer Berufsweg verlief dadurch erfolgreich, er wurde im Dritten Reich zu einem einflussreichen Funktionär und konnte auch nach dem Krieg weiter als Architekt arbeiten.

Nicht dauerhaft in seine Heimat zurück kehrte Hin Bredendieck. Im Gegensatz zu Fricke kam er aus einfachen Verhältnissen, nicht aus der Stadt, sondern aus Aurich. Nach der Volksschule wurde er Tischler und arbeitete einige Zeit in diesem Beruf. Sein Drang, Neues zu entdecken und seine Neugier, sein Interesse am lebenslangen Lernen und Tüfteln und Problemelösen waren bei ihm immer zündend. Er begann daher ein Studium an der Kunstgewerbeschule in Stuttgart, danach in Hamburg. In einigen Gesprächen machte Bredendieck später deutlich, dass ihm dabei seine kurze Schulbildung stets wie ein Nachteil erschien. Schließlich landete er am Bauhaus, in der Metallwerkstatt bei László Moholy-Nagy. Bredendieck arbeitete früh, schon als Student, für die Industrie. Zu seinen bekanntesten Arbeiten – oft in Zusammenarbeit mit Gautel übrigens – zählen die Kandem-Lampen für die Firma Körting & Mathiesen: schlichte Schreibtischlampen oder Leuchten, nach deren Vorbild noch immer ähnliche Lampen entwickelt werden. Der berufliche Start hatte auch bei Bredendieck mehrere Etappen und Stationen. Er war in Deutschland und der Schweiz tätig, kehrte in den 1930ern kurz nach Oldenburg zurück und emigrierte 1937 in die USA. Nach der Schließung des Bauhaus in Deutschland verließen viele dort Tätigen das Land. In Chicago plante László Moholy-Nagy, eine neue Bauhausschule zu gründen, das New Bauhaus Chicago, das für Bredendieck wieder eine sichere Anstellung bedeutete – zumindest für kurze Zeit, denn bereits 1938 musste die Schule schließen. Wie sollte es nun für Bredendieck weitergehen? Auch hier halfen Kontakte zu alten Freunden aus der Bauhauszeit, sowohl in Deutschland als auch den USA. Mit Nathan Lerner, einem ehemaligen Schüler am New Bauhaus Chicago, schuf Bredendieck ab Ende der 1940er Jahre Möbel nach einem ähnlichen Konzept wie Ikea: preiswert und zum Selbstzusammenbauen. Bredendiecks letzte berufliche Station war dann das Georgia Institute of Technology in Atlanta, wo er Professor für Industriedesign wurde.

Wie das Bauhaus „Zwischen Utopie und Anpassung“ in Oldenburg nachgewirkt hat und wie es den Bauhaus-Studenten aus der Region ergangen ist, erforschten Prof. Dr. Rainer Stamm und Gloria Köpnick in dem Projekt „Das Bauhaus in Oldenburg“. Die Ergebnisse werden ab dem 27. April 2019 bis 4. August in einer spannenden Ausstellung im Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg präsentiert.

Mehr Infos:
https://www.landesmuseum-ol.de/ueber-das-museum/forschung/projekt-bauhaus.html

Übrigens: Das Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg bildet nicht einfach „nur“ den räumlichen Rahmen für diese Ausstellung. Einen großen Anteil an den Erfolgen der Oldenburger Bauhäusler hatte der erste Museumsdirektor Walter Müller-Wulckow, der zum Bauhaus sehr gute Kontakte pflegte und durch seine Empfehlungen dafür sorgen konnte, dass auch Schüler aus dieser Region am renommierten Haus ein Studium beginnen konnten.

Charlotte von Schelling ist seit kurzem Wahl-Oldenburgerin: Sie unterstützt als Wissenschaftliche Assistenz das Team im Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, © Charlotte von Schelling

Autor: Charlotte

Charlotte von Schelling ist seit kurzem Wahl-Oldenburgerin: Sie unterstützt als Wissenschaftliche Assistenz das Team aus Prof. Dr. Rainer Stamm und Gloria Köpnick bei der Vorbereitung der Ausstellung „Zwischen Utopie und Anpassung – Das Bauhaus in Oldenburg“, 27. April – 4. August 2019, Augusteum, Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg

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