Auf der Klappsonnenuhr finden sich jede Menge fantastische Verzierungen., © Sven Adelaide
10.01.2018

Die Vermessung der Welt

Anke von Heyl ist Kunsthistorikerin und als Kulturtussi verbreitet sie Kunst und Kultur im Netz., © Anke von HeylAutor: Kulturtussi
Anke von Heyl ist Kunsthistorikerin und als Kulturtussi verbreitet sie Kunst und Kultur im Netz. Ihr Motto: „Kultur beginnt im Herzen eines jeden Einzelnen."

Eine Begegnung im Oldenburger Schloss, die die Fantasie beflügelt.

Das Oktober-Wetter zeigt sich nicht von seiner besten Seite, als ich am Oldenburger Schloss auf drei Kolleginnen des Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte warte. Es regnet und der Wind pfeift ordentlich. Dennoch schafft es die sonnengelbe Rokoko-Fassade des Schlosses, mir ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Was gibt es da nicht alles zu entdecken. Bienenkörbe, Affen mit Spiegeln, wilde Tiere, gestenreiche Gesichter – das ganze Programm.

Ich bin schon sehr gespannt, was mich drinnen erwartet. Zunächst gibt es einen Rundgang durch die fast fertigen Räume der Kunstgewerbeabteilung, die gerade ein Face-Lifting (mir gefällt dieser Begriff von der Website) erhalten.

Mareike Lepszy (28) erläutert mir die Ideen der Umgestaltung, in der man die wertvollen Dinge modern präsentieren wolle. Lepszy ist seit Januar 2017 wissenschaftliche Volontärin am Landesmuseum und ich spüre die Begeisterung für ihr Metier schon vom ersten Moment unserer Begegnung.

Wir machen anschließend einen Rundgang durch das Schloss und bewundern prunkvolle Räume (das Idyllenzimmmer ist so zauberhaft), knarzen genüsslich über das Parkett des Thronsaals und landen endlich in dem Raum, in welchem sich Lepszys „Lieblingsobjekt“ befindet. Es ist der Sammlungsraum mit verschiedenen Renaissance-Stücken und bevor sie es mir sagt, weiß ich sofort, welches Objekt es ist.

Lieblingsstück

Es ist nicht groß und zieht dennoch alle Blicke auf sich. Zwei ca. 10 Zentimeter große Elfenbeintäfelchen, die aufgeklappt verschiedene Sonnenuhrsysteme und einen Reisekompass darstellen. So technisch das jetzt klingt, so spannend und geheimnisvoll kommt mir dieses kleine Gerät vor. Ich frage Mareike Lepszy, ob sie es vielleicht aus der Vitrine nehmen kann und tatsächlich streift sie sich zwei weiße Handschuhe über und entnimmt ganz langsam und vorsichtig die Sonnenuhr.

Die Kunsthistorikerin versorgt mich mit den wichtigsten Fakten: die Klappsonnenuhr stammt aus dem Jahr 1624 (das erkennt man eingraviert auf dem unteren Täfelchen) und der Sonnenuhrmacher Lienhart Miller aus Augsburg hat es signiert. Mit einer Lilie, seinem Wappen. Ohne Brille würde ich diese winzigen Inschriften gar nicht erkennen. Was für eine ruhige Hand muss der Meister gehabt haben, als er das alles und noch viel mehr in das Elfenbein eingraviert hat. Nicht nur Signatur und die notwendigen Angaben für die Sonnenuhr – Breitengrade, Polhöhentabellen mit europäischen Städtenamen und was man sonst noch alles für die korrekte Bestimmung brauchte  – auch jede Menge fantastischer Verzierungen befinden sich auf den wenigen Zentimetern, die das Stück misst. Windgötter zum Beispiel. Blumen, Tierkreiszeichen, Sterne. Wir können unsere Blicke gar nicht losreißen und entdecken ständig neue Details.

Die Zeit der Entdeckungen

„Wann immer einen die Dinge erschreckten, sei es eine gute Idee, sie zu messen.“ Mir kommt dieser Satz aus Kehlmanns „Vermessung der Welt“ in den Sinn. Plötzlich ist die kleine Sonnenuhr mehr als nur ein Objekt. Sie entstand in einer Zeit des Umbruchs, in welcher der Mensch ständig auf dem Weg zu neuen Entdeckungen war.
Als ich mich nach den Forschungsgebieten der jungen Kunsthistorikerin erkundige, wird mir auch klar, warum sie diese Sonnenuhr ausgewählt hat. Ihre Masterarbeit hat die geborene Bremerin über die Rudolfinische Hofkunst um 1600 geschrieben und wie mir scheint, hat Mareike Lepszy ein Faible für die Verbindung von Kunst und Entdeckergeist.

Was würde diese kleine Sonnenuhr uns erzählen, wenn sie könnte?

Ich frage Mareike Lepszy, ob man weiß, wer dieses kostbare Stück besessen hat. Leider kann man das heute nicht mehr sagen. Die Uhr kam bereits 1924 in den Besitz des Museums und der Weg zum ursprünglichen Besitzer war schon damals nicht mehr zu rekonstruieren.
Aber wir haben genug Fantasie, es uns auszumalen. Mareike Lepszy sagt, dass sie sich beim Anblick ihres Lieblingsstückes immer jemanden vorgestellt hat, der zur See gefahren sein muss. Denn dort leistete der Kompass, der hier zusätzlich zur Sonnenuhr eingebaut ist, nützliche Dienste.
„In meiner Vorstellung hat die Sonnenuhr ein Mann besessen. Er war Abenteurer in lederner Weste, in deren Tasche er dieses Instrument mit sich trug.“ Plötzlich entsteht vor unserem geistigen Auge ein smarter Typ à la Jack Sparrow. Einer, der mit dieser kleinen Klappsonnenuhr neue Ufer erkunden wollte.

Eh uns unsere Gedanken auf unruhiger See davonzutragen drohen, vergegenwärtigen wir uns die vorangeschrittene Stunde und Mareike Lepszy setzt die kleine Sonnenuhr wieder in die Vitrine, schiebt die schwere Glasscheibe davor zurecht und wir begeben uns durch die dämmerigen Räume des Schlosses wieder nach draußen. Als wir uns auf dem Schlossplatz verabschieden, bricht für einen Moment die Sonne durch die Wolken.

Weitere Infos:

Informationen zu den einzelnen Ausstellungen und Veranstaltungen im Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte gibt es auf www.landesmuseum-ol.de.

Anke von Heyl ist Kunsthistorikerin und als Kulturtussi verbreitet sie Kunst und Kultur im Netz., © Anke von Heyl

Autor: Kulturtussi

Nachdem sie als klassische Kunsthistorikerin ausgebildet war, hat sich Anke von Heyl der Vermittlungsarbeit verschrieben. Es folgten einige Jahre im öffentlichen Dienst. Dann ging sie neue Wege und 2006 erblickte die Kulturtussi das Licht der Welt. Was als Blog mit einer persönlichen Sicht auf die Kunst begann, ist heute Bestandteil ihres Jobs geworden. „Mir ist es wichtig, dass man über Kunst und Kultur ins Gespräch kommt. Das auf verschiedenen Wegen anzuleiten, ist mein Beruf. Ich bin immer wieder happy, wenn es mir gelingt, Begeisterung zu wecken.“

Anke von Heyl arbeitet als Autorin, Kunstvermittlerin und Social Media Expertin für verschiedene Auftraggeber und lebt mit ihrem Mann in einer alten Brikettfabrik in Frechen bei Köln. Ihre Familie stammt aus Niedersachsen und als Kind hat sie einige Jahre in Delmenhorst gelebt. Dort sei ihr die Liebe zum Norden implantiert worden, sagt sie heute. Deswegen freut sie sich jetzt sehr, ihren Blick auf die Kultur in Oldenburg werfen zu dürfen.

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