Als Papierrestaurtor erlebt Christoph Clermont mit jedem Objekt eine ganz eigene Geschichte., © Anke von Heyl
16.08.2018

Auf einen Schnack mit dem Papierrestaurator

Anke von Heyl ist Kunsthistorikerin und als Kulturtussi verbreitet sie Kunst und Kultur im Netz., © Anke von HeylAutor: Kulturtussi
Anke von Heyl ist Kunsthistorikerin und als Kulturtussi verbreitet sie Kunst und Kultur im Netz. Ihr Motto: „Kultur beginnt im Herzen eines jeden Einzelnen."

Als ich Christoph Clermont nach seinem absoluten Lieblingsobjekt in seiner Laufbahn als Papierrestaurator im Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte frage, verzieht er das Gesicht. Das sei für ihn zu schwer zu entscheiden, sagt er. Mit jedem Objekt erlebe er eine ganz eigene Geschichte und das lasse sich eigentlich nicht miteinander vergleichen. Ich nicke verständnisvoll, bin mir aber sicher, dass ich da doch noch etwas aus Herrn Clermont herauslocken kann!

Wir sind im Oldenburger Schloss verabredet und er hat offensichtlich einen genauen Plan, was er mir zeigen möchte. Da ist zunächst einmal der Kirchring Psalter, ein Buch aus dem frühen 17. Jahrhundert. Das kostbare Buch ist in einem erstaunlich guten Zustand. Der Papierrestaurator gibt mir recht und erklärt, dass es wohl mehr eine Art Schatz war und selten benutzt wurde. Trotzdem bin ich wirklich baff, wie leuchtend die Farben strahlen.

Papier ist nicht einfach nur Papier

Ich merke, es geht beim Restaurieren auch um Fragen der Nachhaltigkeit und gerade was die Papierqualität angeht, hat sich da im Laufe der Jahrhunderte viel verändert. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass diese früher oft aus Lumpen und sogenannten Hadern angefertigt wurde. „Die waren ganz anders haltbar“, sagt Herr Clermont. Dennoch ist Papier natürlich ein besonders filigranes Material. Und anscheinend ist es eine Wissenschaft für sich, wenn man bei Ergänzungen die genaue Farbe von historischem Papier hinbekommen will.
An dieser Stelle erwähne ich meine Begeisterung für den Restaurierungsberuf, der für mich immer mit einem gewissen Geheimnis verbunden ist. Ich erzähle Herrn Clermont, dass in meiner Vorstellung die Restaurierungswerkstatt ein bisschen wie ein Alchimisten-Labor aussähe. Habe ich da ein irritiertes Kopfschütteln bei meinem Gegenüber wahrgenommen? Immerhin verspricht er mir, dass wir später noch in die Werkstatt gehen werden.

Ein wirkliches Paradestück

Christoph Clermont möchte mir aber noch ein ganz bestimmtes Objekt aus der Sammlung des Landesmuseums zeigen. Und als wir davorstehen, wird mir sofort klar: Es gibt sie doch, die Lieblingsobjekte des Restaurators! Der Stadtplan von Rom. Er war eigentlich ein Totalschaden, als er zu Herrn Clermont kam. Mit Wasserrändern, überzogen von einer fingerdicken Schicht von Heißleim, notdürftig auf einen Kreuzrahmen gespannt. Eine Hamburger Kaufmannsfamilie hatte den Plan auf dem Dachboden gefunden. „Man hätte auch dankend ablehnen können“, sagt Clermont. Aber es hat ihn dann doch gepackt, sich dieser „Ruine“ anzunehmen. Und je mehr er von den Herausforderungen bei der sich über zwei Jahre hinziehenden Restaurierung erzählt, umso mehr sehe ich: auf diese Arbeit ist der Papierrestaurator wirklich stolz. Obwohl er das vielleicht nie so deutlich sagen würde!

Ich stehe völlig gebannt vor dem heute in vielen Details erhaltenen Stadtplan, als mir Christoph Clermont die einzelnen Arbeitsschritte erläutert. Zunächst hat er den gesamten Druck in Siebe gelegt und gewässert. Wie er dann mit den unzähligen Einzelteilen umgegangen ist, die sich abgelöst hatten, wie er mit dem Skalpell Millimeter für Millimeter abgetragen hat, um die eigentliche Papierstruktur herauszuholen – ein Abenteuer, wie mir scheint. Das Ganze setzte er dann auf einem neuen Träger wieder zusammen und mit einigen wenigen Retuschen brachte er es vorsichtig zum heutigen Ergebnis. Er betont, dass die Ergänzungen so angelegt seien, dass man sie auf jeden Fall auch wieder rückgängig machen könne, falls spätere Generationen das wollen würden.

Zwischen Verantwortung und Kreativität

Mir wird an diesem Beispiel bewusst, welche wichtigen Entscheidungen ein Restaurator zu treffen hat. Und als wir uns später noch einmal seine Werkstatt anschauen, bestätigt mir Christoph Clermont das auch. Er sieht manchmal die Gefahr einer verzerrten Sichtweise auf die restauratorische Arbeit. Deswegen auch das unmerkliche Hochziehen der Augenbrauen, als ich das mit der alchimistischen Werkstatt erwähnt habe. Für ihn hat die Restaurierung vor allem auch mit Denkprozessen zu tun. Mit Entscheiden, Bewerten, Abwägen. Das mache einen Großteil seiner Arbeit aus. Und noch eine Erkenntnis, die ich aus dem Besuch mitnehme: Papierrestauratoren stehen vor einer ganz besonderen Aufgabe. Während ein Gemälde oft mehrere Schichten habe, arbeite man bei Papier immer in einer Ebene, erklärt Clermont. Da werden dann schnell kleine Fehler zum Totalverlust, denke ich. Auf der anderen Seite habe ich aber gesehen, welche Wunder man vollbringen kann bei der Wiederherstellung kostbarer Werke.

Und wie sehr das Ganze doch auch als Handwerkskunst gefeiert werden darf, das habe ich dann beim Blick in die Werkstatt gesehen. Übrigens: richtig geflasht war ich von den kleinen Zeichnungen und Gemälden, die dort an den Wänden hängen. Nein, korrigiert mich Clermont, das sind keine Stücke aus der Sammlung, die habe er selber gemalt. Und so hat er mich zum Schluss noch einmal mit einer ganz anderen Seite überrascht! Danke für das tolle Treffen hinter den Kulissen des Landesmuseums, lieber Herr Clermont.

Anke von Heyl ist Kunsthistorikerin und als Kulturtussi verbreitet sie Kunst und Kultur im Netz., © Anke von Heyl

Autor: Kulturtussi

Nachdem sie als klassische Kunsthistorikerin ausgebildet war, hat sich Anke von Heyl der Vermittlungsarbeit verschrieben. Es folgten einige Jahre im öffentlichen Dienst. Dann ging sie neue Wege und 2006 erblickte die Kulturtussi das Licht der Welt. Was als Blog mit einer persönlichen Sicht auf die Kunst begann, ist heute Bestandteil ihres Jobs geworden. „Mir ist es wichtig, dass man über Kunst und Kultur ins Gespräch kommt. Das auf verschiedenen Wegen anzuleiten, ist mein Beruf. Ich bin immer wieder happy, wenn es mir gelingt, Begeisterung zu wecken.“

Anke von Heyl arbeitet als Autorin, Kunstvermittlerin und Social Media Expertin für verschiedene Auftraggeber und lebt mit ihrem Mann in einer alten Brikettfabrik in Frechen bei Köln. Ihre Familie stammt aus Niedersachsen und als Kind hat sie einige Jahre in Delmenhorst gelebt. Dort sei ihr die Liebe zum Norden implantiert worden, sagt sie heute. Deswegen freut sie sich jetzt sehr, ihren Blick auf die Kultur in Oldenburg werfen zu dürfen.

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