Ich sehe eine CD und eine Kassette von Paolo Conte neben einem kleinen Sony-Recorder auf der Arbeitsfläche liegen., © Anke von Heyl
18.10.2018

Von Champagner und Druckerschwärze

Anke von Heyl ist Kunsthistorikerin und als Kulturtussi verbreitet sie Kunst und Kultur im Netz., © Anke von Heyl Autor: Kulturtussi
Anke von Heyl ist Kunsthistorikerin und als Kulturtussi verbreitet sie Kunst und Kultur im Netz. Ihr Motto: „Kultur beginnt im Herzen eines jeden Einzelnen."

Er ist immer früh aufgestanden, hat dann das Fenster geöffnet und laute Musik angestellt. Meist Klassik. Es sind sehr schöne Momente, die mir Antje Tietken aus dem Leben Horst Janssens erzählt. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Horst Janssen Museum und ich habe mich mit ihr verabredet, weil mir beim letzten Besuch das Atelier des Künstlers so nachhaltig in Erinnerung geblieben ist. Ich wollte gerne mehr darüber wissen.

Horst Janssen muss ein ziemlich besessener Arbeiter gewesen sein. Er hat bis zu seinem letzten Atemzug gemalt, gezeichnet, geschrieben und gedruckt. Dabei hat er jede seiner Arbeiten genau datiert, sogar oft mit der exakten Uhrzeit. Diese Intensität spüre ich noch heute, während ich hinter der kleinen Absperrung im Museum direkt auf das Atelier des Künstlers blicke. Ich sehe sogar die ausgedrückten Kippen des starken Rauchers! Irgendwie verkörpert Janssen für mich total das Bild eines barocken Genussmenschen. Leben im Überschwang, immer haarscharf am Ende vorbei. Und sein Atelier ist ein Nachhall davon.

Der Verlag St. Gertrude hat seinem ausufernden Lebensstil anscheinend eine gewisse Struktur gegeben. Dass er in dessen Räumen gerne zum Arbeiten kam, hat vielleicht damit zu tun, dass er diesen Rahmen brauchte, um sich besser auf die Arbeit zu konzentrieren. Er zeichnete zwar auch in seinem Haus in Hamburg Blankenese. Aber da kamen einfach ständig Besucher vorbei, erläutert mir Frau Tietken. Er habe wohl die Abgrenzung gebraucht. 

Und dann hat er ab 1984 in den Räumen des Verlags in der Goldbachstraße ein Refugium gefunden. Da sei er morgens hin und abends wieder nach Hause. In den ehemaligen Räumen einer Hamburger Polizeikaserne hat er gemeinsam mit dem Verleger Dierk Lemcke viele gemeinsame Projekte geplant – die räumliche Nähe der beiden war perfekt. So konnten sie schnell neue Ideen – zum Beispiel für viele der Bildbände – umsetzen. Horst Janssen habe schon immer ein besonderes Interesse am Medium Buch gehabt, erklärt mir Antje Tietken. Deswegen waren es sehr fruchtbare Jahre, die er mit Lemcke bis zu seinem Tod im Jahre 1995 verbracht hat.

Heute steht Janssens ehemaliger Rückzugsort eins zu eins nachgebaut so im Museum, wie man ihn nach seinem Tod vorgefunden hat. Ich bin fasziniert von der kreativen Atmosphäre, die man immer noch nachvollziehen kann. Man meint, den Künstler förmlich zu spüren. Ateliers faszinieren mich immer schon auf ganz besondere Weise. Ich finde, dort entdeckt man das Geheimnis der künstlerischen Schöpfung unmittelbar. Gleichzeitig kann man den Künstler förmlich greifen und sich ihm ganz nah fühlen.

So merken wohl auch Museumsbesucher, berichtet mir Antje Tietken, dass hier im Atelier noch der Geist des Künstlers lebt. Es ging sogar einmal so weit, dass an seinem Geburtstag (14. November) plötzlich eine Flasche Champagner im Atelier stand. Die müssen wohl Freunde oder Fans von Janssen an einem Seil von der oberen Etage heruntergelassen haben.

Da man natürlich aus konservatorischen Gründen nicht in der Atelier-Installation herumspazieren kann, bietet mir Frau Tietken an, dass wir mit einer Leiter ausnahmsweise einmal einsteigen dürfen. So bekomme ich ein paar exklusive Blicke, die ich hier sofort an die Leserinnen und Leser vom Kulturschnack weiterreiche.

Ich sehe eine CD und eine Kassette von Paolo Conte neben einem kleinen Sony-Recorder auf der Arbeitsfläche liegen. Mein Herz macht einen kleinen Hüpfer, denn ich bin großer Fan des Italieners. Und finde, diese jazzige Musik passt zu Horst Janssen. Beim genauen Hinsehen erkenne ich ein paar Kritzeleien auf der mit Papier bespannten Ablage. Steht da „alles schön sinnlos“? Und da: seine Brille.

Aus kunsthistorischer Sicht sind natürlich die vielen Radierplatten eine aufregende Sache, die hier aufgereiht seinen Schaffensprozess demonstrieren. Besonders spannend finde ich auch, als Antje Tietken einige der Schubladen aufzieht und ich die vielen Originalpapiere sehen konnte, die Janssen gerne verwendet hat. Da war er wohl sehr wählerisch und schwor auf edle Japanpapiere. Die Ergebnisse seiner Druckleidenschaft sieht man dann im Museum an den Wänden.

Sehr schön ist auch die Druckerpresse von Hartmut Frielinghaus, mit dem Janssen über viele Jahre eng zusammengearbeitet hatte, die sich ebenfalls in der Sammlung des Museums befindet. Eine tolle Ergänzung zum Atelier. Frielinghaus war es auch, der Janssen und Dierk Lemcke miteinander bekannt gemacht hat. Ich denke, dass dieses Netzwerk, dass sich Janssen im Laufe seines Künstlerlebens aufbaute, eine ganz besondere Qualität hat. Wie gut, dass dieser Aspekt hier im Museum auch seinen Platz findet. So nähert man sich dem Künstler und seiner Kunst aus einer sehr persönlichen Perspektive.
Antje Tietken zeigt mir noch ein paar Polaroids. Nach denen hat man die Rekonstruktion des Ateliers erstellt und ich kann mich davon überzeugen, dass alles genau so an seinem Platz stand, wie wir es heute sehen. Hier spüre ich plötzlich sehr deutlich die berühmte Aura des Originals.

Die Oldenburger haben immer noch eine enge Beziehung zu Janssen. Im nächsten Jahr würde Janssen seinen 90. Geburtstag feiern. Ich bin sicher, dass dann viele seiner gedenken und ihm vielleicht auch wieder ein Fläschchen spendieren. Ich sage jetzt schon mal: Prost, lieber Horst Janssen. Es war mir ein Vergnügen, Ihnen zu begegnen. Und vielen Dank, liebe Frau Tietken für die Erzählungen aus seinem vollen Leben.

Informationen zu den aktuellen Ausstellungen im Horst-Janssen-Museum gibt es auf www.horst-janssen-museum.de.

Anke von Heyl ist Kunsthistorikerin und als Kulturtussi verbreitet sie Kunst und Kultur im Netz., © Anke von Heyl

Autor: Kulturtussi

Nachdem sie als klassische Kunsthistorikerin ausgebildet war, hat sich Anke von Heyl der Vermittlungsarbeit verschrieben. Es folgten einige Jahre im öffentlichen Dienst. Dann ging sie neue Wege und 2006 erblickte die Kulturtussi das Licht der Welt. Was als Blog mit einer persönlichen Sicht auf die Kunst begann, ist heute Bestandteil ihres Jobs geworden. „Mir ist es wichtig, dass man über Kunst und Kultur ins Gespräch kommt. Das auf verschiedenen Wegen anzuleiten, ist mein Beruf. Ich bin immer wieder happy, wenn es mir gelingt, Begeisterung zu wecken.“

Anke von Heyl arbeitet als Autorin, Kunstvermittlerin und Social Media Expertin für verschiedene Auftraggeber und lebt mit ihrem Mann in einer alten Brikettfabrik in Frechen bei Köln. Ihre Familie stammt aus Niedersachsen und als Kind hat sie einige Jahre in Delmenhorst gelebt. Dort sei ihr die Liebe zum Norden implantiert worden, sagt sie heute. Deswegen freut sie sich jetzt sehr, ihren Blick auf die Kultur in Oldenburg werfen zu dürfen.

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