Porträt von Horst Janssen, © Horst-Janssen-Museum
20.03.2018

Meine Reise zu Horst Janssen

Anke von Heyl ist Kunsthistorikerin und als Kulturtussi verbreitet sie Kunst und Kultur im Netz., © Anke von HeylAutor: Kulturtussi
Anke von Heyl ist Kunsthistorikerin und als Kulturtussi verbreitet sie Kunst und Kultur im Netz. Ihr Motto: „Kultur beginnt im Herzen eines jeden Einzelnen."

Das beste am Norden: das Land, die Kunst und die Menschen!

Die Regionalbahn bewegt sich von Bremen über das flache Land in Richtung Oldenburg. Regen peitscht gegen die Fenster und ich blicke versonnen nach draußen. Zu Hause habe ich noch einmal die drei Radierungen des Künstlers Horst Janssen fotografiert, die wir aus Familien-Beständen besitzen. Ich will sie Dr. Jutta Moster-Hoos zeigen, der Direktorin des Horst-Janssen-Museums in Oldenburg. Die Radierungen sind in einem sehr eigenwilligen Querformat gedruckt und waren Gaben der Griffelkunst.

Auf dem Papier sind wunderbare kleine Hecken-Landschaften abgebildet. Janssen hat sie in einem atemberaubend freien Strich entworfen. Bei einer Radierung besteht die Landschaft nur aus Schnörkeln. Ein Kringel reiht sich an den nächsten. Wahrscheinlich hat Janssen kaum die Radiernadel abgesetzt. Bei der zweiten Landschafts-Variante bekommt die Ätztechnik ihren großen Auftritt. Da wird die Metallplatte mit Chemikalien behandelt und durch die Reaktionen mit dem Untergrund entstehen spannende Hintergründe beim Drucken. Das Zeug, mit dem da geätzt wird, ist höchst gefährlich und wurde Janssen 1990 fast zum Verhängnis, als er einen Unfall hatte und damit in Berührung kam.
Ich mag diese knorrige Landschaft unglaublich gerne. Wie die Bäume sich im Wind biegen. Beim Blick aus dem Zugfenster meine ich, die Landschaften da draußen wiederzuerkennen.

Janssen ganz nah

„In Bausch und Bogen liebe ich Landschaft.“ Diesen Satz kann ich später bei meinem Rundgang durch das Museum lesen. Die Stadt Oldenburg hat es seinem Ehrenbürger im Jahre 2000 gebaut. Da war der Künstler schon 5 Jahre tot, aber sein Geist, der lebt bis heute an diesem Ort weiter. Jutta Moster-Hoos leitet das Haus seit der Eröffnung und freut sich über meinen Besuch. Ich zeige ihr die Fotos von „meinen“ Radierungen und sie nickt. Die kennt sie und ja, für die Griffelkunst habe Janssen viele Arbeiten gemacht.

Was ist das Besondere an seiner Kunst, wofür steht er? Im Horst-Janssen-Museum kann man ihn hautnah als einen der genialsten Zeichner und Grafikkünstler erleben. Und ja, der geht einem auch sprichwörtlich unter die Haut! Ich bin mir sicher: Janssen lässt keinen kalt.

Mich faszinieren seine Papierarbeiten besonders, weil man da so nah an der „Hand“ des Künstlers ist. In einem Dokumentarfilm höre ich ihn sagen, dass er es nicht zulässt, ihn beim Zeichnen zu beobachten. Da bekommt man eine Ahnung, was für ein intimer Moment dieses Schaffen für ihn sein muss.  Und davon, was für ein sensibler Mensch dieser Künstler war.

Genie und Wahnsinn

Der Begriff Genie fällt häufig, wenn es um Janssen geht. Genauso: verrückt, impulsiv, konfus, brillant, exzessiv, virtuos, frivol, exzentrisch, lustvoll, aufbrausend, sarkastisch, anstrengend, großzügig, wortgewaltig. Er entsprach zu einhundert Prozent dem Bild vom Bohemien-Künstler.

Er zeichnete gegenständlich – auch in Zeiten, als das nicht angesagt war. Dennoch sind seine Bilder nie die reine Wirklichkeit. Allein seine Selbstbildnisse – wenn man sie alle zusammennimmt, blicken einem nahezu tausend Horst Janssens entgegen.

Beim Rundgang durch das leicht abgedunkelte Museum (Grafik ist empfindlich) verliere ich mich in den zarten Zeichnungen mit extrem köstlichen Farben oder in zauberhaften Radierungen, die auch dann noch unfassbar schön sind, wenn es um Tod und Verwesung geht.

Brillante Technik

Mitten im Raum steht die Druckerpresse, an der Janssen mit seinem „Zwilling“ Hermann Frielingsdorf die Radierungen herstellte. Gemeinsam holten sie alles aus dieser alten Technik heraus. Unfassbare 2300 Radierungen hat Janssen im Laufe seines Lebens geschaffen. (Und ich habe drei davon!) Der Hocker vor der Presse ist so richtig abgerockt, da spürt man das künstlerische Ego Janssens. Das war einer, der sich gerne die Finger schmutzig machte.

Im Museum steht auch sein Atelier. Dort arbeitete er im Verlag St. Gertrude oft ganze Nächte durch und leerte dabei sicher die ein oder andere Flasche. Wenn dann Rotweinflecke mit auf die Zeichnung kamen – umso besser, umso ehrlicher.
Ich lebe übrigens das ganze Jahr über mit Bildern von Horst Janssen, dessen Werke bei uns regelmäßig mit großformatigen Kalender an die Wand kommen. Wir schauen vorher nie in die Übersicht und feiern das Umblättern und das Erscheinen eines neuen Motivs jedes Mal. Meine absoluten Lieblinge sind die Stillleben mit Blumen, die schon langsam der Vergänglichkeit entgegengehen. Farbenrausch pur!

Nachklapp: Bislang habe ich meine Janssen-Radierungen in einer Grafikmappe aufbewahrt. Ich werde sie jetzt ordentlich rahmen lassen. Ich bin noch unentschlossen, ob ich sie zusammen oder einzeln rahmen soll. Horst Janssen wird mich also noch eine Weile beschäftigen.

Anke von Heyl ist Kunsthistorikerin und als Kulturtussi verbreitet sie Kunst und Kultur im Netz., © Anke von Heyl

Autor: Kulturtussi

Nachdem sie als klassische Kunsthistorikerin ausgebildet war, hat sich Anke von Heyl der Vermittlungsarbeit verschrieben. Es folgten einige Jahre im öffentlichen Dienst. Dann ging sie neue Wege und 2006 erblickte die Kulturtussi das Licht der Welt. Was als Blog mit einer persönlichen Sicht auf die Kunst begann, ist heute Bestandteil ihres Jobs geworden. „Mir ist es wichtig, dass man über Kunst und Kultur ins Gespräch kommt. Das auf verschiedenen Wegen anzuleiten, ist mein Beruf. Ich bin immer wieder happy, wenn es mir gelingt, Begeisterung zu wecken.“

Anke von Heyl arbeitet als Autorin, Kunstvermittlerin und Social Media Expertin für verschiedene Auftraggeber und lebt mit ihrem Mann in einer alten Brikettfabrik in Frechen bei Köln. Ihre Familie stammt aus Niedersachsen und als Kind hat sie einige Jahre in Delmenhorst gelebt. Dort sei ihr die Liebe zum Norden implantiert worden, sagt sie heute. Deswegen freut sie sich jetzt sehr, ihren Blick auf die Kultur in Oldenburg werfen zu dürfen.

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