Hörgänge durch die Stadt - Schritt für Schritt in die Vergangenheit Oldenburgs, © Hörgänge - Altes Rathaus
18.07.2018

Hörgänge durch die Stadt

Anke von Heyl ist Kunsthistorikerin und als Kulturtussi verbreitet sie Kunst und Kultur im Netz., © Anke von HeylAutor: Kulturtussi
Anke von Heyl ist Kunsthistorikerin und als Kulturtussi verbreitet sie Kunst und Kultur im Netz. Ihr Motto: „Kultur beginnt im Herzen eines jeden Einzelnen."

Die dicken Kopfhörer sind zwar etwas sperrig für mein Reisegepäck, aber ich bin froh, dass ich sie eingepackt habe. Denn als ich sie mir vor dem Alten Rathaus aufsetze, spüre ich, wie ich in eine besondere Blase eintauche. Ich stehe vor dem Eingang des imposanten Gebäudes und höre nur noch sehr gedämpft das Treiben um mich herum. Eine angenehme Stimme weist mich darauf hin, dass die Tour nur innerhalb der Öffnungszeiten des Rathauses möglich ist. Und dann beginnt meine Zeitreise.

Zunächst soll ich meine Blicke auf das Straßenpflaster lenken und bis zu einem Steinkreis vorlaufen. So habe ich einen perfekten Rundumblick auf den Marktplatz auf die Lambertikirche. „Schaue ins Rund … betrachte die Türme … blicke auf den Boden … betrachte deine Schuhe“ – ich leiste einer Reihe von Anweisungen Folge und merke, wie ich immer stärker in einen Sog gerate. Wo trägt es mich hin?

Schritt für Schritt in die Vergangenheit

„Am 24. April 1962 stand genau an dieser Stelle … stell dir vor … vielleicht könnte“ – ich lasse mich durch assoziative Soundcollagen immer weiter mitnehmen in die Geschichte. Ich soll mich in die Figur eines Mannes hineinversetzen und mit ihm stufenweise in der Zeit zurückreisen. Gemeinsam mit ihm begebe ich mich langsam in die Vergangenheit. In die Zeit unmittelbar vor dem Ende des Krieges. In das Jahr 1945. Ich bin selber verblüfft darüber, wie gut das gelingt.

„Es ist alles genau SO“ – mit dieser Feststellung hat er mich gepackt. Nun bin ich bereit, das Rathaus zu betreten und mir vorzustellen, wie es dort zum Zeitpunkt der Ereignisse gewesen sein mag, die mir der Hörgang „Altes Rathaus“ erzählen möchte.

„Hätte ich am 3. Mai 1945 um Mitternacht nicht zufällig …“ – so endet später dieser Rundgang durch das Alte Rathaus, den ich jetzt hier nicht eins zu eins nacherzählen möchte. Der mich aber so nachhaltig gefesselt hat, dass ich später beim Treffen mit Christian Gude völlig begeistert lossprudele. Wie großartig es mir gefallen hat und wie außergewöhnlich diese Stadtspaziergänge für mich waren. Ich habe nämlich schon einige Erfahrung mit Stadtführungen für die Ohren.

Der Mann hinter den Hörgängen

Christian Gude hat die Hörgänge für Oldenburg ersonnen. Er ist Medienkünstler und hat für dieses Projekt 2013 Fördergelder für die ersten 5 Hörspiele erhalten, 2016 gab es noch einmal Nachschlag, so dass mittlerweile sechs spannende Touren (eine ist noch in Vorbereitung) durch die Stadt vertont worden sind. Ich habe mich für das Alte Rathaus entschieden und gleich noch den Rundgang zum Marktplatz drangehängt. Bei ca. 25 bis 30 Minuten je Hörstück konnte ich das wunderbar kombinieren.

Was mir im Gespräch mit Christian Gude aufgefallen ist: hier stellt jemand Fragen an die Geschichte der Stadt, die ihn selber interessieren. Es ist eine sehr persönliche Herangehensweise, auch wenn es letztendlich darum geht, den Oldenburgern bekannte Orte mit neuen Facetten zu verbinden. Die Art und Weise, wie man in die Hörspiele hineingezogen wird und wie man am Ende auch wieder entlassen wird – das hat eine besondere Qualität. Es geht um ein Gefühl, um ein unmittelbares Erleben. Christian Gude spricht davon, dass er Bilder baut. Fast wie ein Bühnenbild, durch das im Kopf ganze Welten entstehen können.

Storytelling at it’s best

Mir hat es das ein oder andere Mal Gänsehaut verursacht. So kann Geschichte auf anschauliche Weise vermittelt werden. Über die Menschen, die das erlebt haben. Dazu nutzt Gude auch immer wieder Möglichkeiten, die Sinne anzuregen. Das Hören ist eine Ergänzung zum Sehen. Aber man wird auch angeleitet, die Luft zu spüren, Gerüche aufzunehmen.

Für die Aufnahme hat sich der Medienkünstler der sogenannten Kunstkopftechnik bedient. Ich bin technisch nicht begabt, aber mir hat sich dieser spezielle Rundumsound sehr mitgeteilt, der dadurch entsteht. Besonders spannend wird das, wenn sich die Aufnahmen mit den realen Geräuschen mischt. Im Rathaus weiß man dadurch manchmal nicht so genau, ob man im Hörstück ist oder ob tatsächlich irgendwo ein Telefon klingelt. So überlagern sich die Schichten. Und dieser Kunstgriff verdeutlicht auch die Botschaft, die Gude mit seinen Hörgängen vermittelt. Jeder Ort ist eine Summe der verschiedenen Ereignisse, die in ihm gespeichert sind.

Gänsehautfeeling

Am Ende des Hörgangs sitze ich auf der Treppe im Alten Rathaus und betrachte meine Schuhe, meine Hände. Ich atme tief durch und fühle mich verbunden mit allem, was hier gewesen ist. Langsam tauche ich wieder auf und begebe mich vor die Tür. Ein letzter Blick noch und schon hat mich das Heute wieder und ich gehe in die Fußgängerzone, mir ein Brötchen kaufen.

Alle 6 Hörgänge stehen unter www.hoergaenge.net als download zur Verfügung.

Weitere Informationen und vorbereitete MP3-Player sind an folgenden Stellen erhältlich:
Edith-Russ-Haus für Medienkunst – Hörgänge Katharinenstraße und Kulturzentrum PFL

Stadtmuseum Oldenburg – Hörgang Hafen

Touristinfo // Ticketshop Oldenburg – Hörgänge Altes Rathaus und Marktplatz

Landesbibliothek Oldenburg – Hörgang Pferdemarkt

 

Anke von Heyl ist Kunsthistorikerin und als Kulturtussi verbreitet sie Kunst und Kultur im Netz., © Anke von Heyl

Autor: Kulturtussi

Nachdem sie als klassische Kunsthistorikerin ausgebildet war, hat sich Anke von Heyl der Vermittlungsarbeit verschrieben. Es folgten einige Jahre im öffentlichen Dienst. Dann ging sie neue Wege und 2006 erblickte die Kulturtussi das Licht der Welt. Was als Blog mit einer persönlichen Sicht auf die Kunst begann, ist heute Bestandteil ihres Jobs geworden. „Mir ist es wichtig, dass man über Kunst und Kultur ins Gespräch kommt. Das auf verschiedenen Wegen anzuleiten, ist mein Beruf. Ich bin immer wieder happy, wenn es mir gelingt, Begeisterung zu wecken.“

Anke von Heyl arbeitet als Autorin, Kunstvermittlerin und Social Media Expertin für verschiedene Auftraggeber und lebt mit ihrem Mann in einer alten Brikettfabrik in Frechen bei Köln. Ihre Familie stammt aus Niedersachsen und als Kind hat sie einige Jahre in Delmenhorst gelebt. Dort sei ihr die Liebe zum Norden implantiert worden, sagt sie heute. Deswegen freut sie sich jetzt sehr, ihren Blick auf die Kultur in Oldenburg werfen zu dürfen.

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