Big Brother is watching you - Zach Blas im Edith-Russ-Haus, © Melanie Tönies
17.11.2019

Big Brother is watching you

Mel ist ein echtes Oldenburger Kind und wurde nicht nur in der Stadt an der Hunte geboren, sondern kehrte nach der Kindheit auf dem Land auch für ihr Studium der Anglistik und Philosophie zurück zu ihren Wurzeln., © Melanie Tönnies Autor: Mel
Mel ist ein echtes Oldenburger Kind und wurde nicht nur in der Stadt an der Hunte geboren, sondern kehrte nach der Kindheit auf dem Land auch für ihr Studium der Anglistik und Philosophie zurück zu ihren Wurzeln.

Zach Blas im Edith-Russ-Haus: Big Brother is watching you

Wer schon einmal George Orwells „1984“ gelesen hat, hat die Bilder der bedrückenden Realität in einem Überwachungsstaat vor Augen. Man könnte meinen, dass wir gegenwärtig von solch einem Leben weit entfernt sind. Doch stimmt das wirklich? Wie wirken sich moderne Technologien wie biometrische Gesichtserkennung, das Internet, künstliche Intelligenz, und auch smarte Drogen auf unser Leben aus? Diese Fragen stellt der Künstler, Autor und Filmemacher Zach Blas (geb. 1981) derzeit in seiner ersten deutschen Einzelausstellung „The Unknown Ideal“ im Edith-Russ-Haus für Medienkunst.

Ich hatte die Gelegenheit, mir die Ausstellung, die am 24. Oktober 2019 eröffnet wurde und noch bis zum 5. Januar 2020 ihre Pforten für Besucher geöffnet hat, genauer anzusehen. Gespannt war ich vor allem auf die Wirkung der multimedialen Kunstwerke: Medienkunst erschließt sich dem Betrachter oft nicht auf den ersten Blick und erfordert eine nähere Beschäftigung mit der zugrundeliegenden Thematik - anders als beispielsweise bei einem realistisch gemalten Gemälde.

Das Edith-Russ-Haus hat an dieser Stelle hervorragende Arbeit geleistet und gibt den Besuchern der Ausstellung ein kostenloses Heft an die Hand, das auch in mehreren Sprachen vorliegt. Darin befindet sich nicht nur ein Lageplan, in dem die ausgestellten Installationen verzeichnet sind, sondern auch jede Menge Hintergrundinformationen zu jedem Kunstobjekt. Für die Installation „The Doors“, die mich gleich neben dem Eingang im Obergeschoss des Edith-Russ-Hauses erwartet, hat man sogar die gesprochenen Texte in englischer und deutscher Sprache auf Papier gebannt und bietet mir an, ein solches Exemplar zur näheren Betrachtung mitzunehmen.

„The Doors“ von Zach Blas ist 2019 entstanden und zugleich auch die größte, eindrucksvollste und psychedelischste Installation des Künstlers in dieser Ausstellung. Die freundliche Dame am Empfang schaltet extra für mich die Video- und Klangkulisse des Kunstwerkes ein - und so stehe ich eine Zeit lang fasziniert vor künstlichen Palmen, sechs großen Videowänden mit surrealen Bewegtbildern, Kunstrasen-Mustern, einer gläsernen Vitrine mit allerhand pharmazeutischen Erzeugnissen, und lausche Windgeräuschen, Vogelgezwitscher und einer ruhigen Stimme, die auf Englisch Texte vorträgt. Mit „The Doors“ will Zach Blas auf eine neue Entwicklung der Arbeitswelt, wie sie vor allem im Silicon Valley an Bedeutung gewinnt, aufmerksam machen. Sogenannte Nootropika, „smarte Drogen“ zur menschlichen Leistungssteigerung, sind hier ebenso zu finden wie durch künstliche Intelligenz geschaffene Stimmen und gläserne Strukturen.

Im Untergeschoss finden sich dann insgesamt zwölf weitere Werke Blas’, die sich auf vier größere Räume und einen Flur verteilen. Auch hier dreht sich alles um Segen und Fluch zukunftsweisender Technologien. Als besonders interessant empfand ich die Installation „Face Cages“, die in einem komplett schwarz getünchten Raum präsentiert wird, der nur durch eine kleine rote Glühbirne und vier Bildschirme erleuchtet wird. Zach Blas fertigte für diese Installation Gesichtsmasken aus Edelstahl an, die biometrischen Diagrammen zur Gesichtserkennung nachempfunden wurden. In einer Ausdauer-Performance trugen er und drei weitere Mitstreiter diese sichtbar unangenehmen bis schmerzhaften Masken - ein eindeutiges Zeichen für die Unvereinbarkeit individueller menschlicher Ästhetik und der Gewalt starren Materials, das hier an Gitterstäbe und Folterwerkzeuge erinnert.

Beim Kunstobjekt „Icosahedron 1.1“ kann der zuvor passive Betrachter auch selbst aktiv werden: Die hier dargestellte künstliche Intelligenz agiert als Kristallkugel, die die Zukunft des Wahrsagens vorhersagt. Gleichzeitig zeigt sie die Beschränkungen von künstlich geschaffenen Vorhersagen auf. Dies lässt sich schnell herausfinden, wenn man sich eine der ausgelegten Visitenkarten mit dem Aufdruck „ICOSAHEDRON - futurist“ nimmt und eine Textnachricht per SMS an die angegebene Handynummer verschickt. Die Nachricht muss lediglich mit der Phrase „What is the future of…“ beginnen. Nach wenigen Sekunden erhält man dann eine durch eine künstliche Intelligenz generierte Antwort. Ich habe es, neugierig wie ich bin, ausprobiert: Es funktioniert tatsächlich. Die Ergebnisse sind überraschend, bestätigen aber genau das, was Zach Blas mit „Icosahedron 1.1“ ausdrücken will.

Nachdem ich einige Zeit in der „The Unknown Ideal“-Ausstellung verbracht habe, bin ich anschließend mit zahlreichen Gedanken im Kopf wieder nach Hause gefahren. Die Werke von Zach Blas erschließen sich definitiv nicht auf Anhieb und fordern den Besucher auf eine ganz eigene Art und Weise. Zudem sorgen multimediale Inhalte wie Musik, Videos, Sprachfetzen und Geräusche, die mit Objektkunst und Lichteffekten kombiniert wird, für ein Erlebnis, das alle Sinne beansprucht.

Das Edith-Russ-Haus für Medienkunst bietet den Besuchern viele Möglichkeiten an, sich näher mit der Ausstellung und der dort aufgeworfenen Thematik zu beschäftigen. Jeden Sonntag findet ab 15 Uhr eine öffentliche Führung statt, die für alle Besucher der Ausstellung kostenlos ist.

Am 4. Dezember 2019 um 17 Uhr wird darüber hinaus ein deutschsprachiger Ausstellungs-Rundgang mit Marcel Schwierin (Leitung Edith-Russ-Haus) angeboten. Tickets für das Medienkunst-Haus sind für 2,50 Euro bzw. 1,50 Euro (ermäßigt) zu haben, Studenten haben freien Eintritt. Weitere Informationen gibt es auch auf der Website des Edith-Russ-Hauses.

Mel ist ein echtes Oldenburger Kind und wurde nicht nur in der Stadt an der Hunte geboren, sondern kehrte nach der Kindheit auf dem Land auch für ihr Studium der Anglistik und Philosophie zurück zu ihren Wurzeln., © Melanie Tönnies

Autor: Mel

Mel ist ein echtes Oldenburger Kind und wurde nicht nur in der Stadt an der Hunte geboren, sondern kehrte nach der Kindheit auf dem Land auch für ihr Studium der Anglistik und Philosophie zurück zu ihren Wurzeln. Mittlerweile arbeitet sie als Online-Redakteurin für ein Apple-Magazin und steht in ihrer Freizeit am liebsten im Oldenburger Unikum/OUT auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Vom Probenstress erholt sie sich auf ihrem Rennrad, am Gamepad ihrer PS4 und vor allem am Meer - das ist ja glücklicherweise gleich um die Ecke.

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